Kinder- und Jugendarbeit

Online-Beratung versus Face-to-Face-Beratung

Ein junger Mann sitzt ratlos in einer Ecke

Seit 2001 engagiert sich der Verein jungundjetzt e.V. für Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen und bietet eine kostenlose Online-Beratung an. Beraterkoordinatorin Monika Gallien spricht im Interview über Vor- und Nachteile von Online-Beratung.

11.04.2014

Frau Gallien, welche Erfahrungen hat der Verein jungundjetzt e.V. in seiner  langjährigen anonymen Online-Beratung gesammelt und wo liegen die Vorteilegegenüber einer Face-to-Face-Beratung?

„Unsere Beratung richtet sich in erster Linie an junge Menschen, die in psychische Not geraten sind. Eine Not, die Druck aufbaut und schnell abgebaut werden möchte. Angestaute Wut, Ängste und Verzweiflungen brauchen ein Ventil. Je schneller und unkomplizierter Seelendruck anvertraut werden kann, umso besser ist es im Sinne einer Entlastung. Ein Vorteil, den das anonyme Beratungsangebot im Internet gegenüber Face-to-Face-Beratung bietet. Mit der niedrigsten Hemmschwelle, die ein Beratungsangebot leisten kann, fällt es jungen Menschen leichter über schwierige, belastende, tabuisierte oder intime Dinge zu berichten. Angst- und schambesetzte Themen können direkter angesprochen werden, man bleibt sozusagen unerkannt.“

Welche Vorteile bietet die Online-Beratung gegenüber einer Face-to-Face-Beratung?

„Ratsuchende bekommen die Gelegenheit zur Selbstbestimmung. Sie können – ohne Zustimmung der Eltern - selbst Rat einholen und entscheiden, wie und wann sie den Kontakt wieder abbrechen wollen. Keine Entschuldigungen oder Peinlichkeiten, wenn sie mit der Beratung nicht einverstanden sind. Das unterstützt die Bereitschaft und Motivation, sich professionelle Hilfe bei einer Online-Beratung zu suchen, wobei die Anonymität und Niedrigschwelligkeit ein wichtiger Faktor ist. Ebenso entfallen bei der Online-Beratung „Warming-Up-Sequenzen“, so dass der Ratsuchende einfach drauflos schreiben kann. Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Punkt ist, dass der Ratsuchende seine Gedanken und Probleme zunächst aufschreiben muss. Hierbei wird bereits ein Prozess in Bewegung gesetzt, der sich dem eigenem Thema stellt.“

Wo liegen die Grenzen und Risiken?

„Da wir uns in unserer Beratung als Hilfe zur Selbsthilfe verstehen, können wir bei explizit psychotherapeutischer oder ärztlich notwendiger Hilfe Empfehlungen für entsprechende Anlaufstellen geben. Ob diese angenommen werden, ist unter der anonymen Beratung nicht mehr nachzuvollziehen, es sei denn der Ratsuchende meldet sich und gibt ein Feedback. Unmittelbare Intervention bei akuten Notfällen und Ferndiagnosen stellen ebenso eine Grenze im Hilfsangebot dar wie der Verlust von nonverbalen Informationen wie Mimik, Gestik, Betonung oder Körperhaltung. Ein in letzter Zeit bedeutsames Problem in unserer Beratung ist die zeitnahe Beantwortung. Der große Ansturm auf jugendnotmail.de lässt eine zeitnahe Beratung wegen begrenzter personeller Ressourcen nicht mehr zu. Da wir unsere Beratung nicht im Chat anbieten, sondern über eine Mail auf unserem Sicherheitsserver, kann es zu zeitversetzten Reaktionen auf Anfragen kommen, wo bestimmte Situationen ihre Relevanz eingebüßt haben.“

Welche besonderen Anforderungen werden an Online-Berater gestellt?

"Hierbei achten wir nicht nur auf die Qualifikation, sondern auch auf die psychologischen und kommunikativen Fähigkeiten sowie technischen und zeitlichen Anforderungen. Wir sind ständig auf der Suche nach beratungserfahrenen Personen, die zwischen 21 und 60 Jahre alt sein sollten und einen akademischen Abschluss in Psychologie, Sozialpädagogik oder eine Zusatzausbildung z.B. in psychologischer oder systemischer Beratung besitzen sollten. Sie sollten zudem die Fähigkeit besitzen, das Problem und Anliegen des Ratsuchenden angemessen einschätzen zu können. Sie sollten die Schwere einer geschilderten Problematik erkennen und die Indikation für eine Online-Beratung beurteilen können. Wichtig bei der Online-Beratung ist ein geübter und verständlicher schriftlicher Ausdruck und die Fähigkeit, ein schriftliches Gespräch zu führen und sich den sprachlichen Möglichkeiten der Ratsuchenden anzupassen. Den zeitlichen Einsatz legt jede/r Berater/in selbstständig und flexibel fest. Wünschenswert ist ein Einsatz von 3 bis 4 Stunden in der Woche. Die Beratungstätigkeit ist ehrenamtlich und erfolgt von zu Hause aus. Die technische Voraussetzung ist ein eigener PC und Internetzugang."

Weitere Informationen: <link http: www.jungundjetzt.de external-link-new-window external link in new>Webseite von jung und jetzt e.V.

Quelle: jung und jetzt e.V.

Redaktion: Nadine Paffhausen

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