Japan

Digitalisierung der Kinder- und Jugendhilfe – Neue Perspektiven für die Jugendarbeit

Gunnar Rettberg von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung hat am Deutsch-Japanischen Studienprogramm zu Jugend und Medien teilgenommen. Dabei hat er die Erfahrung gemacht, dass eigene Gewissheiten in Frage gestellt wurden. In seinem Namensbeitrag für IJAB fasst er zentrale Ergebnisse zusammen und zieht Schlussfolgerungen für die deutsche Kinder- und Jugendhilfe. Seine eigene berufliche Praxis erscheint ihm seitdem in einem anderen Licht.

11.04.2022

An dieser Stelle sollen zunächst die Ergebnisse der Diskussionen während des Studienprogramms zusammengefasst werden. Wichtig ist, dass dabei naturgemäß eine nationale Perspektive eingenommen wird, da vom eigenen kulturellen Kontext durch den zeitlich nur kurzen interkulturellen Austausch nur schwer abstrahiert werden kann. Schwerpunktmäßig soll auf die Punkte eingegangen werden, die im Studienprogramm besonders spannend waren. Dabei soll sowohl auf Gemeinsamkeiten, als auch auf Unterschiede, eingegangen werden und es sollen Herausforderungen und Lösungsansätze gleichermaßen beleuchtet werden. Insgesamt können die Ergebnisse der Diskussion in drei Punkten zusammengefasst werden. Im Anschluss an die Darstellung dieser Punkte sollen noch kurz Trends genannt werden, die von deutscher und von japanischer Seite gesehen wurden.

Als erstes ist der Punkt der unterschiedlichen Verteilung von Ressourcen zu nennen, also soziale Ungleichheiten, die sowohl in Japan, als auch in Deutschland auftauchen – jedoch in unterschiedlichem Maße. So haben sowohl in Japan, als auch in Deutschland, nicht jedes Kind oder jede/-r Jugendliche/-r ein digitales Endgerät im Sinne eines Notebooks/Computers. In Japan ist die Digitalisierung der Schulen in Bezug auf die Ausstattung mit digitalen Endgeräten aber erheblich weiter fortgeschritten als in Deutschland. Aber auch in Japan ist der Zugang zu digitalen Endgeräten nicht flächenmäßig gleich gut, da Endgeräte an manchen Schulen nur selten genutzt oder von den Schüler(inne)n nicht mit nach Hause genommen werden dürfen. Als Lösungsansatz für Deutschland kann das japanische Beispiel dennoch ein Vorbild sein: Eine flächenmäßige Ausstattung von Kindern und Jugendlichen mit digitalen Endgeräten (und Internetzugang), zum Beispiel über Schulen, kann ein erster Schritt sein, um soziale Ungleichheit bei der Digitalisierung der Bildung zu reduzieren.

Die Technik hat die Pädagogik überholt

Als zweiter Punkt kann die Weiterbildung und Qualifizierung von Fachkräften genannt werden. So ist der flächenmäßige Zugang zu digitalen Endgeräten zwar wichtig, kann aber nicht alles sein. Sowohl in Deutschland, als auch in Japan, bedarf es stattdessen der Weiterbildung und Qualifizierung von Fachkräften (sowohl bei Lehrkräften an Schulen, als auch bei Fachkräften in der Kinder- und Jugendhilfe) zur digitalen Bildung bzw. zur Informationsethik (Japan). An dieser Stelle kann die Überlegung formuliert werden, dass die Verbreitung von digitaler Technologie jedoch auch nicht übereilt werden darf. So hat – zumindest in Japan – die technische, die pädagogische Seite sogar schon überholt. Stattdessen gibt es einen Nachholbedarf seitens der Pädagogik. Zu diesem thematischen Komplex gehört zudem, dass auf Seite der Kinder und Jugendlichen digitale Kompetenzen sehr ungleich verteilt sind. Als Lösungsansatz mit Blick auf die spezifischen Herausforderungen in Deutschland kann gelten, pädagogische Fachkräfte flächenmäßig – in Bezug auf die Digitalisierung der Bildung – zu qualifizieren . Es braucht also einen Paradigmenwechsel: Medienbildung sollte nicht nur als Projektarbeit, sondern als selbstverständlicher Bestandteil von Bildungsarbeit stattfinden.

Ganzheitlicher Blick auf Kinder und Jugendliche

Als dritter Punkt kann die Notwendigkeit eines ganzheitlichen Blicks auf Kinder und Jugendliche genannt werden. So ist aus Sicht der Teilnehmenden des Studienprogramms weder die flächenmäßige Ausstattung von Jugendlichen mit digitalen Endgeräten ausreichend, noch die flächenmäßige Weiterbildung und Qualifizierung von pädagogischen Fachkräften, um die Herausforderungen durch die Digitalisierung der Bildung zu bewältigen. Sowohl in Deutschland, als auch in Japan, gibt es eine zum Teil exzessive Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen, die sich unter anderem in Form von Spiel- oder Internetabhängigkeiten zeigen. Bereits Kleinkinder lernen den (technischen) Umgang mit Smartphones und Tabletts und gewöhnen sich an die Technologie. Die Ursachen liegen aber tiefer, als nur in der Verbreitung von Medien: Andere existierende Probleme von Kindern und Jugendlichen spielen in die Problemlage hinein. So muss insgesamt auch auf den zwischenmenschlichen Bereich geachtet werden. Ein Lösungsansatz für diese Herausforderungen in Deutschland kann gelten: Zur Bewältigung von Defiziten bei Kindern und Jugendlichen durch exzessive Mediennutzung muss ein ganzheitlicher Blick auf Kinder und Jugendliche eingenommen werden.

Abschließend sollen summarisch diejenigen Trends in der Digitalisierung der Bildung benannt werden, die in den Diskussionen des Studienprogramms ausgemacht wurden. So wurde erstens der Trend genannt, dass E-Sports wichtiger werden. Dieser Trend wird besonders in Deutschland kritisch gesehen: Die einen sehen E-Sports als Sport, die anderen als „Daddeln“. Zweitens wurde die Vision als Trend gesehen, dass Schule und außerschulische Jugendarbeit bei der Digitalisierung der Bildung zusammenwachsen und aufeinander zugehen. Auch auf eine Mittelumverteilung, weg vom System Schule hin zur Kinder- und Jugendarbeit, wurde spekuliert. Drittens wurde genannt, dass virtuelle Realitäten eine größere Rolle spielen werden, wie z.B. VR-Brillen. Viertens und letztens wurde schließlich genannt, dass nicht mehr direkte face-to-face Treffen, sondern sich medial vermittelte soziale Kontakte auch in Feldern der sozialen Arbeit stärker ausbreiten werden, wie es bereits in der Medizin als Trend zu beobachten ist (vgl. Apps und Telemedizin).

Deutsch-Japanisches Studienprogramm: Fazit

Die persönlichen Erwartungen von Gunnar Rettberg sei – mit Blick auf das Studienprogramm – zum einen die Hoffnung auf einen länderübergreifenden Austausch zu Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe mit Kolleg(inn)en aus Japan gewesen. Zum anderen die persönliche Erwartung, der Wunsch nach Impulsen und Anregungen für die eigene berufliche und ehrenamtliche Tätigkeit im Bereich der Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe. Schließlich habe desweiteren die Hoffnung auf einen Einblick in die Rolle von Informations- und Kommunikationstechnologien in der außerschulischen und schulischen Bildung in Japan bestanden. Außerdem bestand die Erwartung, im Rahmen des digitalen Studienprogramms die eigenen interkulturellen Kompetenzen vertiefen zu können.

Im Rückblick auf das Studienprogramm lasse sich festhalten, dass die Erwartungen zum großen Teil erfüllt wurden. Zu einem kleineren Teil indes seien sie nicht erfüllt worden; vor allem, da nicht genug Zeit dafür zur Verfügung gestanden habe, um vertieft in den interkulturellen Austausch zur Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe einzusteigen. Insgesamt – das sei an dieser Stelle zu betonen – stand der Fachkräfteaustausch im Rahmen des Studienprogramms mit Blick auf die eigenen Erwartungen im Zeichen der beiden Elemente Transfer (1) und Verwirrung (2). Damit sei erstens gemeint, dass ein wechselseitiger Abgleich des eigenen Wissens- und Erfahrungssystems mit einem anderen kulturellen Kontext stattfand. Zweitens sei damit gemeint, dass viele Irritationen auf der fachlich-kognitiven Ebene ebenso wie auf der zwischenmenschlich-interkulturellen Ebene stattfanden, die produktiv genutzt werden konnten.

Als Fazit des Studienprogramms könne gezogen werden, dass die professionelle Perspektive im Bereich der Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe aus Rettbergs Sicht irritiert wurde und die eigene Praxis seither in einem anderen Licht erscheint. Durch die Auseinandersetzung mit der Digitalisierung in einem anderen kulturellen Kontext, in diesem Fall Japan, sei der eigene kulturelle Kontext des professionellen Handelns, die eigene kulturell bedingte Praxis, in den Fokus der Aufmerksamkeit gelenkt worden: Eigene Gewissheiten und Normalitätsvorstellungen seien zum Teil in Frage gestellt werden; in dem Sinne, dass das Studienprogramm wie eine Reflexionsunterbrechung der alltäglichen Routinen wirkte. Dies sei auch dadurch verstärkt worden, dass das Studienprogramm über mehrere Wochen und nicht bloß en bloc stattfand und so immer wieder Zeit für die Reflexion der eigenen Praxis zur Verfügung stand. Last but not least seien es besonders die zwischenmenschlichen Kontakte im informellen Austausch gewesen, die das Deutsch-Japanische Studienprogramm zu einem besonderen Erlebnis werden ließen.

Hintergründe

Die Zusammenarbeit mit Japan

Seit 50 Jahren führt IJAB Fachkräfteprogramme mit Japan durch - eine Zusammenarbeit mit großer Kontinuität. Erfahren Sie mehr über diese Kooperation und wie Sie daran teilhaben können. Weitere Informationen zur Zusammenarbeit mit dem Partnerland Japan stehen bei IJAB zur Verfügung.

Digitale Jugendbildung

Digitale Jugendbildung ermöglicht jungen Menschen, das Internet als Kommunikations- und Kulturraum verantwortungsvoll zu nutzen und gesellschaftlich und politisch teilzuhaben. Mehr zum Thema Digitale Jugendbildung findet sich auf dem Themenseiten bei IJAB.

Quelle: IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V.

Redaktion: Laura Burger

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