Westfalen-Lippe
Kinder als Angehörige erkrankter Eltern
In Deutschland wachsen zwei bis drei Millionen Kinder in einem Haushalt auf, in dem ein Elternteil oder beide Eltern psychisch- oder suchterkrankt sind. Daraus resultiert für ein erhöhtes Risiko, selbst eine psychische Erkrankung zu bekommen. Aus diesem Grund haben die Klinik Lengerich und die Pflegeentwicklung vor über drei Jahren das Thema "Kinder aus belasteten Familien" in den Fokus genommen.
17.07.2023
Ziel der Klinik Lengerich des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL): Diese Kinder als Angehörige sichtbar zu machen und gemeinsam mit den verschiedenen Beratungsstellen im Kreis Steinfurt ein Netzwerk für ein niedrigschwelliges Unterstützungsangebot aufzubauen.
Unterstützung der betroffenen Familien
Als Ergebnis verschiedener Kooperationstreffen gibt es nunmehr seit Juni 2021 eine hilfreiche Kooperation zwischen der LWL-Klinik Lengerich und der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche der Diakonie WesT e.V..Mechthild Bischop erklärte dazu: „Das Angebot ist zu einem festen Bestandteil unseres Versorgungsangebotes geworden und wird von verschiedenen Behandlungsbereichen der Klinik regelmäßig gebucht.“
Einmal monatlich besteht die Möglichkeit, mit Jan Steinmeier oder Bernd Rosenkranz von der Familienberatungsstelle vor Ort in der LWL-Klinik Lengerich ein beratendes Gespräch zu führen. Das Angebot richtet sich an ambulante, teilstationäre und stationäre Patient*innen sowie deren Angehörige, die sonst vielleicht keine Beratungsstelle aufsuchen würden. Warum, weiß Mechthild Bischop aus Erfahrung: „Manche Patient*innen haben negative Erfahrungen mit dem Jugendamt gemacht, bei anderen wirkt das Klischee, ihnen würden die Kinder genommen, sehr hemmend.“
Diskretion und Schweigepflicht
Julia Strauß, Leitung des Diakonie-Teams in Lengerich, erklärte dazu:
„Es besteht bei vielen eine Unsicherheit, ob wir Informationen aus Gesprächen ans Jugendamt weitergeben. Aber unsere Beratung findet in einem absolut geschützten Rahmen statt, sie ist freiwillig und kostenlos. Generell unterliegen wir der Schweigepflicht, jedoch können Ratsuchende auch gänzlich anonym bleiben. Auf Wunsch kann ein Angehöriger oder jemand aus dem Behandlungsteam mit in das Gespräch genommen werden.“
Jan Steinmeier empfiehlt, Kinder und Jugendliche altersgerecht über die Erkrankung und Behandlung aufzuklären. Es sei hierbei wichtig, ihnen Ängste zu nehmen und eigene Schuldzuweisungen zu vermeiden. Einige recherchieren viel im Internet und meinen, Anzeichen dafür gefunden zu haben, dass sie selbst Symptome aufweisen. Weiter ergänzt Steinmeier:
„Alle Themen sind in dem Gespräch erlaubt. Alles was belastet. Wir können aber viele Ängste nehmen und Sorgen auch unter Berücksichtigung auf Lebensphasen wie die Pubertät einordnen. Wir beraten junge Menschen bis zum Alter von 27 Jahren - das ist eine große Altersspanne. Mit Jugendlichen machen wir öfter ein 'Walk and Talk'-Gespräch.“
Steinmeier erzählt weiter von positiven Verläufen. Oft sei ein Klinikaufenthalt eine gute Auszeit gewesen und mit einer anschließenden ambulanten Therapie durchaus erfolgreich und für die Familie tragbar. Er wisse aus seiner langjährigen Arbeit, dass nicht die Erkrankung schlimm sei für ein Familiensystem, sondern die Nicht-Behandlung. Eine seelische Erkrankung könne jeden treffen. Aber oft sei sie eine einmalige, gut behandelbare Lebenskrise:
„Wir können schon im Vorfeld einer Behandlung zusammen mit den Klinikmitarbeitenden beratend tätig sein. Es gibt manche Eltern, die Angst davor haben, eine Auszeit in der Klinik oder in einer Reha-Einrichtung zu nehmen, auch wenn sie dringend notwendig wäre. Sie haben große Sorgen, dass die Familie es nicht schafft, dass die Kinder nicht gut betreut wären. Doch es gibt so viele individuelle Hilfsangebote, auf die Eltern einen Anspruch haben.“
Weitere Informationen
In der LWL-Klinik Lengerich werden Patientinnen und Patienten aus dem ganzen Kreis Steinfurt behandelt. Das heißt, dass die Zuständigkeiten der Beratungsstellen im Kreis Steinfurt unterschiedlich sind. Nach einer Erstberatung kann somit gut geklärt werden, ob weiterer Beratungsbedarf besteht und wo die Ratsuchenden bestmöglich wohnortnahe Unterstützung erhalten können.
Die vollständige Pressemeldung, sowie eine Auflistung der Ansprechpersonen, lassen sich auf der Seite des Landesverbandes Westfalen-Lippe einsehen.
Quelle: Landesverband Westfalen-Lippe LWL vom 13.07.2023
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