Panel beim 18. DJHT
Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe: Zwischen Anspruch und Realität
Wie steht es um die Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe und welche digitalen Kompetenzen brauchen Fachkräfte? Fachlich fundierte Impulse sowie praxisnahe Einblicke bei der Veranstaltung des DiKoJu-Projekts beim 18. DJHT machten deutlich: Der Weg zu einer digital gut aufgestellten Kinder- und Jugendhilfe ist noch lang, er bietet aber auch große Chancen.
14.07.2025
Digitalisierung als strukturelle Herausforderung
In einem Kurzvortrag gab Prof. Dr. Nadia Kutscher (Universität zu Köln) einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur Digitalisierung und betonte, dass viele digitale Entwicklungen wie Onlineberatung oder die Ausstattung mit digitalen Geräten schon lange existieren, aber bisher kaum systematisch untersucht wurden. Die Digitalisierung verläuft in der Kinder- und Jugendhilfe sehr uneinheitlich und bringt vielfältige Herausforderungen mit sich. Besonders problematisch ist die digitale Ungleichheit, die über den bloßen Zugang zu Geräten hinausgeht und auch die Fähigkeit zur Nutzung betrifft. Kutscher plädierte dafür, digitale Elemente nur dann einzusetzen, wenn sie fachlich sinnvoll sind. Entscheidend seien klare fachliche Leitlinien, passende strukturelle Rahmenbedingungen und gezielte Qualifizierungsangebote für Fachkräfte.
DiKoJu: Systematische Erhebung und Qualifizierungsentwicklung
Im Anschluss an den Vortrag wurde das Anfang 2025 gestartete Projekt „Digitale Kompetenzen in der Kinder- und Jugendhilfe“ (DiKoJu) vorgestellt. Das Projekt verfolgt das Ziel, den Stand der Digitalisierung in der Kinder- und Jugendhilfe systematisch zu erfassen und Kompetenzprofile für Fachkräfte zu entwickeln. Mithilfe eines Mixed-Methods-Designs werden eine bundesweite quantitative Onlineerhebung in der gesamten Kinder- und Jugendhilfe und eine qualitative Vertiefungsstudie in vier ausgewählten Handlungsfeldern bzw. Bereichen (Kindertagesbetreuung, Offene Kinder- und Jugendarbeit, stationäre Hilfen zur Erziehung und Jugendämter) durchgeführt. Die Ergebnisse fließen in praxisnahe Qualifizierungsangebote ein, die mit zwei Praxispartnern (SOS-Kinderdorf e.V. und der Bundesarbeitsgemeinschaft Landesjugendämter) erprobt werden.
Podiumsdiskussion: Praxis, Politik und Perspektiven
In der anschließenden Diskussion kamen Vertreter*innen aus Praxis, Verwaltung und Wissenschaft zu Wort: Grit Hradetzky (ZBFS - Bayerisches Landesjugendamt), Benjamin Kieslich (SOS-Kinderdorf), Lena Przibylla (Hedi Kitas Erzbistum Berlin), Nadia Kutscher (Universität zu Köln) und Judith Schwarzburger (Ministerium für Soziales, Gesundheit und Sport Mecklenburg-Vorpommern). In der Diskussion wurde deutlich: Die Herausforderungen reichen von fehlender digitaler Infrastruktur über Fachkräftemangel bis hin zu uneinheitlichen Standards. Gleichzeitig bietet Digitalisierung große Potenziale zur Arbeitsentlastung und zur besseren Beteiligung von Kindern, Jugendlichen und Familien – vorausgesetzt, sie wird fachlich fundiert und strukturell verankert umgesetzt.
Fachlichkeit vor Technik
Ein zentrales Fazit der Veranstaltung: Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein. Notwendig sind verbindliche Rahmenbedingungen, angemessene Ressourcen und eine klare Ausrichtung an fachlichen Standards. Damit die Kinder- und Jugendhilfe digitale Chancen nutzen kann, braucht es nicht nur Technik, sondern vor allem fundierte Konzepte, strukturelle Unterstützung und eine gemeinsame Haltung.
Zum Projekt
DiKoJu ist ein Verbundprojekt der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ und der Universität zu Köln. Der Lehrstuhl für Erziehungshilfe und Soziale Arbeit an der Universität zu Köln verantwortet die wissenschaftliche Begleitung, führt die empirischen Erhebungen durch und bereitet die Ergebnisse für Forschung und Fachpraxis auf. Die AGJ sichert den Zugang zur Praxis, koordiniert die Beratungsprozesse mit den beteiligten Trägern sowie im Fachbeirat und sorgt für die fachpolitische Einbindung. Gemeinsam entwickeln beide Partner praxisnahe und anschlussfähige Qualifizierungsansätze für die digitale Transformation der Kinder- und Jugendhilfe. Das Vorhaben wird im Rahmenprogramm Empirische Bildungsforschung vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend für die Projektdauer von 2025 bis 2029 gefördert.
Weitere Informationen
Aufzeichnung der Veranstaltung in der Mediathek des Jugendhilfetages
Präsentation 1 zum Input der Veranstaltung (PDF: 1,28 MB)
Präsentation 2 zur Projektvorstellung „Digitale Kompetenzen in der Kinder- und Jugendhilfe“ (DiKoJu) (PDF: 507 KB)
Projektwebseite „Digitale Kompetenzen in der Kinder- und Jugendhilfe“ (DiKoJu)
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Verband / Interessenvertretung
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Fachgesellschaft
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Hochschule Kempten und KooperationspartnerInnen