Statement

Der Krieg in der Ukraine ist ein Albtraum für Kinder

Manuel Fontaine ist der Leiter der UNICEF-Nothilfe-Programme und hat sich Anfang April über zehn Tage in der Ukraine aufgehalten. Im UN-Sicherheitsrat berichtet er über die aktuelle Situation. Der Krieg habe verheerende Auswirkungen auf die Kinder. Mittlerweile seien rund drei Millionen Kinder innerhalb der Ukraine auf Hilfe angewiesen. Mehr als 4,5 Millionen Menschen sind in die Nachbarländer geflohen – 90 Prozent von ihnen sind Frauen und Kinder.

14.04.2022

Statement

Manuel Fontaine, Leiter der UNICEF-Nothilfe-Programme nach seinem Bericht im UN-Sicherheitsrat

Heute Morgen habe ich den UN-Sicherheitsrat über die verheerenden Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf Kinder informiert – in der vergangenen Woche konnte ich mir während meines Besuchs vor Ort selbst ein Bild davon machen. Während meines 10-tägigen Aufenthalts habe ich Lwiw im Westen, Vinnystria in der Zentralukraine sowie Dnipro und Saporischschja im Südosten besucht, um die sich ständig verändernden humanitären Bedingungen vor Ort zu verstehen und die UNICEF-Hilfe dementsprechend an die wachsenden Bedarfe der Kinder und ihrer Familien anzupassen.

Auch nach mehr als sechs Wochen ist der Krieg ein Alptraum für die ukrainischen Kinder – sowohl für diejenigen, die in die Nachbarländer geflohen sind, als auch für diejenigen, die sich weiter innerhalb des Landes befinden. Rund drei Millionen Kinder innerhalb der Ukraine sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Mehr als 4,5 Millionen Menschen sind in die Nachbarländer geflohen – 90 Prozent von ihnen sind Frauen und Kinder. Laut IOM sind schätzungsweise 7,1 Millionen Menschen innerhalb der Ukraine auf der Flucht. In mehr als 50 Prozent der Familien, die ihr Zuhause verlassen mussten, leben Kinder.

Aufgrund der Gewalt um sie herum werden Kinder getötet und verletzt

Die Vereinten Nationen haben bislang den Tod von 142 Kindern bestätigt, 230 Kinder wurden verletzt. Die tatsächlichen Zahlen dürften angesichts des Ausmaßes der Angriffe mit Sicherheit viel höher liegen. Und Kinder werden genau an den Orten verletzt, an denen sie am sichersten sein sollten – in ihren Häusern, in Notunterkünften und sogar in Krankenhäusern.

Angriffe mit schweren Explosivwaffen gehen auch in Wohngebieten weiter. Wohnhäuser, Schulen, Krankenhäuser, Wasserversorgungssysteme, Stromwerke und Orte, an denen die Zivilbevölkerung Schutz sucht, werden weiterhin angegriffen. Laut der WHO wurden bislang mehr als 100 Gesundheitseinrichtungen getroffen.

Familien riskieren ihr Leben, um zu fliehen

Wie wir alle wissen, wurde der Bahnhof von Kramatorsk in Donezk am 8. April angegriffen. Dutzende von Zivilisten, darunter auch Kinder, wurden getötet, als viele von ihnen gerade versuchten, in sicherere Gebiete der Ukraine zu fliehen.

Während meines Besuchs in Saporischschja im Südosten der Ukraine habe ich mit Kindern und Familien gesprochen, denen es gelungen war, den heftigen Kämpfen vor allem im Süden und Osten der Stadt zu entkommen.

Auf einer Intensivstation bin ich dem vierjährigen Vlad begegnet. Er war durch zwei Kugeln im Bauch verletzt worden. Sein Großvater erzählte mir, dass Vlad mit zehn weiteren Personen in einem Fahrzeug war, als sie unter Beschuss gerieten. Sechs Personen, darunter Vlad, wurden verletzt. Zum Glück gehen die Ärzte davon aus, dass er überleben wird.

Der Leiter des Krankenhauses sagte mir, dass die Ärzt*innen seit Beginn des Krieges 22 Kinder behandelt haben, die wegen der Gewalt Gliedmaßen verloren haben.

Die Berichte über schwere Verwundungen von Kindern und andere schwerwiegende Kinderrechtsverletzungen sind erschütternd. Kinder dürfen niemals Opfer von Konfliktsituationen werden und müssen von allen Akteuren im Einklang mit dem internationalen Völkerrecht geschützt werden.

Im ganzen Land ist der Zugang von Kindern zur Grundversorgung wie Gesundheitsversorgung, Schutzmaßnahmen, Wasser, sanitäre Einrichtungen und Bildung stark eingeschränkt. Je länger der Krieg andauert und die Kämpfe sich in anderen Regionen verstärken, werden das Ausmaß und der Umfang der humanitären Not nur weiter zunehmen.

UNICEF reagiert auf den rapide steigenden Bedarf an humanitärer Hilfe für Kinder, wo immer sie sich befinden.

Wir liefern weitere Hilfsgüter in Gebiete im Osten des Landes, wo wir eine Verschärfung des Konflikts befürchten. An strategischen Knotenpunkten richten wir sogenannte "Spilno-Zentren" ein, wo verschiedene Dienstleistungen gebündelt werden, um Kinder und Familien zu unterstützen, die innerhalb der Ukraine auf der Flucht sind. Dort gibt es unter anderem einen kinderfreundlichen Ort, an dem Kinder spielen können, wo sie psychosozial betreut werden und wo Familien Hilfe erhalten, beispielsweise, wenn sie an Krankheiten leiden.

Wir stellen rund 52.000 Familien Bargeldhilfen zur Verfügung, um die Auswirkungen des Verlusts ihrer Lebensgrundlagen etwas zu mildern und sie zu unterstützen.

Im ganzen Land haben wir lebensrettende medizinische Hilfsgüter an Krankenhäuser und Geburtskliniken in Dnipro, Donezk, Charkiw, Kiew, Lemberg, Mykolajiw, Odessa, Winnyzja und Schytomyr für rund 600.000 Menschen verteilt. In Donezk, Luhansk, Charkiw, Dnipro, Kiew und Lwiw haben wir 240.000 Menschen mit Trinkwasser und Hygieneartikeln versorgt.

Der UNICEF-Nothilfeaufruf in Höhe von 276 Millionen US-Dollar für Hilfe für Kinder in der Ukraine und in Höhe von 73,1 Millionen US-Dollar für die Hilfe in den Nachbarländern wird aktuell überarbeitet und an den rapide steigenden humanitären Bedarf angepasst. Bis zum 6. April bestand eine Finanzierungslücke von fast 53 Millionen US-Dollar für die UNICEF-Hilfe innerhalb der Ukraine und eine Finanzierungslücke von 6,3 Millionen US-Dollar für die UNICEF-Hilfe für geflüchtete Kinder und Familien in den Nachbarländern.

Jedoch können humanitäre Organisationen die Not der Kinder und Familien nur lindern. Die ukrainischen Kinder brauchen dringend Frieden.

Die Mitglieder des UN-Sicherheitsrats spielen eine entscheidende Rolle bei der Beeinflussung des Geschehens vor Ort und des Verlaufs des Krieges.

Während meiner Rede vor dem Sicherheitsrat habe ich diesen dazu aufgefordert, mit allen Akteuren zusammenzuarbeiten, um:

  • dafür zu sorgen, dass Kinder geschützt werden und die umkämpften Gebieten sicher verlassen können;
  • die zivile Infrastruktur zu respektieren und zu schützen, wie Schulen, Krankenhäuser, Wasser- und Sanitäranlagen und elektrische Anlagen;
  • die Nutzung von Schulen und Universitäten für militärische Zwecke zu vermeiden;
  • alle nötigen Vorkehrungen und Maßnahmen zu ergreifen, um die Sicherheit der Zivilbevölkerung in zurückeroberten Gebieten zu gewährleisten;
  • den Einsatz von Explosivwaffen in bewohnten Gebieten zu vermeiden und
  • sicherzustellen, dass UNICEF und seine Partner sicheren, ungehinderten Zugang in alle vom Krieg betroffenen Gebieten haben.

Quelle: UNICEF Deutschland vom 12.04.2022

Redaktion: Frank Beckmann

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