Digitale Medien

Das Auxilium Reloaded – Wie risikogefährdete junge Menschen einen bewussten und reflektierten Umgang lernen

Wie können risikogefährdete junge Menschen mit digitalen Medien bewusst und selbstbestimmt umgehen? Wie können sie souverän digital teilhaben? Darüber sprach das Initiativbüro "Gutes Aufwachsen mit Medien" mit Eva Harlake, die die Facheinrichtung „Auxilium Reloaded“ in Dortmund leitet.

25.05.2022

Die Jugendkultur von heute ist digital. Kinder und Jugendliche wachsen mit digitalen Medien auf, nutzen sie täglich, um sich auszutauschen, sich zu informieren, sich zu unterhalten und zu spielen. Gleichzeitig nutzen junge Menschen digitale Medien, um kreativ zu sein, sich auszuprobieren und selbst zu verwirklichen. Manchmal können digitale Spiele, Videos und das Geschehen in Sozialen Netzwerken so spannend und faszinierend sein, dass die Zeit vergessen wird. Das ist völlig normal, auch Erwachsene können sich manchmal nur schwer vom eigenen Smartphone oder Computerbildschirm lösen, weil sie gerade so vertieft sind. Längere Bildschirmzeiten und exzessive Spielphasen am Laptop oder an der Spielkonsole bedeuten nicht automatisch, dass eine Person abhängig ist. Oft kann es auch nur eine Phase sein, in der Kinder und Jugendliche digitale Medien intensiv nutzen.

Kritisch wird es, wenn digitale Medien so einen großen Stellenwert im Leben einnehmen, dass die Nutzung zu gesundheitlichen, sozialen, emotionalen oder leistungsbezogenen Problemen führt. „Werden zum Beispiel andere Freizeitaktivitäten, wie zum Beispiel der Sport in einem Verein, soziale Kontakte und die Schule immer mehr vernachlässigt, weil die Nutzung von Smartphone, Computer und Konsole permanent im Vordergrund steht und den Tages- und Nachtrhythmus bestimmt, lässt sich von einem riskanten Medienkonsum sprechen“, erläutert Eva Harlake, die die Facheinrichtung „Auxilium Reloaded“ in Dortmund leitet. Mit ihr sprachen wir über ein gesundes Aufwachsen mit Medien und wie insbesondere risikogefährdete junge Menschen einen bewussten und selbstbestimmten Umgang mit Medien finden können, um digital teilzuhaben.

Das Auxilium Reloaded

Das Auxilium Reloaded - auch Teil des Dortmunder Lokalen Netzwerkes Medienkompetenz – DoNeM - ist eine therapeutische Facheinrichtung der Malteser Werke. „Wir begleiten Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von zwölf bis 21 Jahren mit einem riskanten Medienkonsum therapeutisch und pädagogisch. Viele, die zu uns in die Einrichtung kommen, haben vorher zum Beispiel exzessiv nur noch Spiele gezockt oder Serien und Filme auf Plattformen gestreamt“, schildert Eva Harlake. „Neben einer problematischen Mediennutzung, sind die Jugendlichen, die zu uns kommen, auch häufig mit anderen Herausforderungen, wie zum Beispiel Depressionen, Impulskontrollstörungen oder ADHS konfrontiert. Suchtverhalten hat häufig komplexe Ursachen. Unser Ziel ist es, jungen Menschen den Wiedereinstieg in die Gesellschaft zu ermöglichen und sie dabei zu unterstützen, Medien im Alltag wieder so zu nutzen, dass sie den täglichen Anforderungen des Lebens nachgehen können.“

Im Schnitt bleiben die Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein bis zwei Jahre in der Facheinrichtung, die 18 Wohnplätze anbietet. Dort gibt es einen Intensivwohnbereich und Wohnbereiche, in denen das Erproben des selbständigen Wohnens im Vordergrund steht, in Vorbereitung auf eine eigene Wohnung ohne oder mit geringer Begleitung.

Digitale Medien bewusst und reflektiert nutzen

„Wir finden es sehr wichtig, Jugendliche und junge Erwachsene an einen bewussten, reflektierten Umgang mit digitalen Medien heranzuführen, sodass sie diese selbstbestimmt nutzen können“, sagt Eva Harlake. Statt Abstinenz steht also eine kompetente Mediennutzung im Vordergrund der pädagogischen und therapeutischen Arbeit im Auxilium Reloaded. „Wir versuchen das über ein sogenanntes Stufenmodell und über Medienkompetenztrainings zu erreichen.“

Das Stufenmodell führt die Bewohner:innen der Facheinrichtung schrittweise an eine Mediennutzung heran. Die Mediennutzungszeit erhöht sich dabei im Modell. Ziel ist es, wieder ein Gefühl für einen bewussten Umgang mit digitalen Medien zu entwickeln. „Hier geht es auch darum, zu schauen, wie digitale Medien den eigenen Alltag beeinflusst haben und im nächsten Schritt dann eine Struktur zu entwickeln, wie sie gut in die eigene Tagesstruktur integriert werden können“, sagt Eva Harlake.

Begleitend zum Stufenmodell bietet das Auxilium Reloaded Medienkompetenztrainings an, die therapeutische und pädagogische Ansätze miteinander verbinden. Die Trainings, die in der Regel eine bis eineinhalb Stunden dauern, werden für zwei Wohngruppen angeboten: Für die unter 18-Jährigen und für junge Erwachsene. In den Trainings werden unterschiedliche Medienphänomene thematisiert. „Wichtig ist uns hier, dass wir Jugendliche und junge Erwachsene auf Augenhöhe abholen. Daher greifen wir Themen auf, die junge Menschen beschäftigen und Teil ihrer Lebenswelt sind.“ So geht es in den Medienkompetenztrainings zum Beispiel um Datenschutz im Internet, um das Erkennen und den Umgang mit Falschinformationen und Verschwörungserzählungen, um im Netz verbreitete Rollenbilder, um digitale Spiele, aber auch um die praktische Nutzung von (Bearbeitungs-)Programmen zur Erstellung von Lebensläufen, etc. Außerdem richtet sich der Blick in den Trainings auf nützliche Apps – wie beispielsweise Taschengeld-Apps –, die den Alltag erleichtern können. Darüber hinaus geht es auch darum aufzuzeigen, dass digitale Medien nicht nur fürs Spielen, Streamen und Konsumieren genutzt werden können, sondern vor allem auch, um selbst auszuprobieren und zu produzieren. Dies geschieht im Auxilium Reloaded zum Beispiel in kreativen Fotoprojekten oder einer digitalen Schnitzeljagd.

Neben dem Austausch und der Informationsvermittlung zu diesen Themen, geht es vor allem darum, die Teilnehmenden der Trainings in ihrer Selbstwirksamkeit zu stärken. „Entscheidend ist, dass Jugendliche und junge Erwachsene lernen, Medien so zu nutzen, dass sie ihren Beschäftigungen im Alltag wie zum Beispiel Schule, Ausbildung und Freizeit weiterhin geregelt nachgehen können. Dass das nicht immer leicht ist und dabei auch Rückschläge hingenommen werden müssen, gehört zum Lernprozess dazu“, betont Eva Harlake.

Mit digitalen Medien aufwachsen – Die Rolle von Eltern und Erziehenden

Zu einem guten und gesunden Aufwachsen mit digitalen Medien gehört es als Eltern und pädagogische Fachkraft dazu, Kinder und Jugendliche in ihrer Mediennutzung zu begleiten, darüber zu sprechen und zu reflektieren, was so faszinierend an Onlinespielen und anderen Medienphänomenen, wie zum Beispiel Influencer:innen (Englisch influence = Einfluss), ist und auch mal gemeinsam zu spielen, um den Reiz eines Spieles nachvollziehen zu können. Bei jüngeren Kindern ist es zudem ratsam, dass diese kindgerechte Angebote wie zum Beispiel die Kindersuchmaschine Blinde Kuh und das Angebot von Seitenstark, der Arbeitsgemeinschaft vernetzter Kinderseiten, nutzen. Nicht zu vergessen ist auch die eigene Vorbildrolle von Eltern und pädagogischen Fachkräften: Kinder und Jugendliche orientieren sich an ihnen, daher ist es auch wichtig, die Vorbildrolle ernst zu nehmen und das eigene Medienverhalten bewusst zu reflektieren.

„Grundsätzlich ist es sinnvoll, sich als Eltern und Erziehende über die Ressourcen und Möglichkeiten digitaler Medien zu informieren und Medien nicht per se zu verteufeln, sondern vielmehr anzuerkennen, dass digitale Medien Teil der Jugendkultur sind“, sagt Eva Harlake. Voraussetzung für eine digitale Teilhabe ist der Zugang zu digitalen Medien, der aber immer noch nicht flächendeckend gewährleistet ist. „Wenn junge Menschen digital nicht partizipieren können, zum Beispiel, weil sie kein Smartphone in die Schule mitnehmen können, kann es schnell passieren, dass sie sich aus ihrer Peer-Group (= Gruppen von Menschen mit ähnlichen Interessen, der sich ein Individuum zugehörig fühlt) ausgeschlossen fühlen.“

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Quelle: Initiativbüro Gutes Aufwachsen mit Medien

Redaktion: Bettina Goerdeler

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