Red Hand Day

Trotz Verbot – Zehntausende Jungen und Mädchen als Soldaten missbraucht

Junior wurde von der Anti-Balaka-Miliz mitgenommen. Danach besuchte er ein Wiedereingliederungs-Zentrum für Kinder.

Auch 20 Jahre nach dem Verbot des Einsatzes von Minderjährigen als Soldatinnen und Soldaten werden nach Einschätzung von UNICEF in Konfliktländern weiterhin zehntausende Mädchen und Jungen rekrutiert und eingesetzt. Anlässlich des „Red Hand Day“ am 12. Februar hatte UNICEF dazu aufgerufen, die schwere Kinderrechtsverletzung zu stoppen und Programme zur Unterstützung der betroffenen Kinder und Jugendlichen zu stärken. Das Auswärtige Amt betonte die Bedeutung des Verbots und unterstrich das Engagement der neuen Bundesregierung für Kinderrechte und Kinderschutz im In- wie Ausland gleichermaßen.

16.02.2022

Vor 20 Jahren, am 12. Februar 2002, trat das „Fakultativprotokoll zu dem Übereinkommen über die Rechte des Kindes, betreffend die Beteiligung von Kindern an bewaffneten Konflikten“ in Kraft. Bis heute haben 172 Staaten diese völkerrechtliche Vereinbarung ratifiziert, darunter Deutschland im Jahr 2004. Kinder dürfen niemals zu Soldatinnen und Soldaten gemacht werden. Konfliktparteien müssen sie immer schützen“, sagt Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland. „Angesichts des erschreckenden Ausmaßes schwerer Kinderrechtsverletzungen im Krieg und des andauernden Missbrauchs von Mädchen und Jungen als Soldatinnen und Soldaten ist die Umsetzung des Protokolls dringender denn je.“

Das Fakultativprotokoll, das der UN-Kinderrechtskonvention angefügt wurde, ist ein wichtiges politisches Instrument, um die Rekrutierung und den Einsatz Minderjähriger zurückzudrängen sowie Mädchen und Jungen zu demobilisieren und wieder einzugliedern. Es schreibt vor, dass Mädchen und Jungen unter 18 Jahren weder gegen ihren Willen rekrutiert werden noch an Kampfeinsätzen teilnehmen dürfen.

Dennoch werden in vielen Konfliktländern weiterhin Minderjährige zum Kämpfen, aber auch für Botengänge, als Wachleute, zum Kochen oder für sonstige Hilfsarbeiten eingesetzt. Kinder werden auch als menschliche Schutzschilde oder für Anschläge missbraucht, zu sexuellen Diensten gezwungen oder mit Kämpfern zwangsverheiratet.

Unbekannte Zahl an Kindersoldat*innen

Da die Rekrutierung verheimlicht wird oder oft in schwer zugänglichen Kriegsgebieten erfolgt, ist die genaue Zahl der betroffenen Kinder nicht bekannt. UNICEF geht davon aus, dass es weltweit zehntausende Mädchen und Jungen sind.

Seit der Einführung des sogenannten „Monitoring and Reporting Mechanism“ haben die Vereinten Nationen in den vergangenen 16 Jahren rund 93.000 Fälle von Kindern verifiziert, die von bewaffneten Gruppen zum Kämpfen oder für unterstützende Rollen missbraucht wurden. Im aktuellen jährlichen UN-Bericht (bezogen auf 2020) sind in 8.521 Fällen die Rekrutierung oder der Einsatz von Kindersoldat*innen dokumentiert, die Mehrzahl Jungen (85 Prozent).

Die meisten verifizierten Fälle ereigneten sich 2020 in Somalia, Syrien, Myanmar, der Demokratischen Republik Kongo, der Zentralafrikanischen Republik, Mali, Afghanistan, Jemen, Kolumbien und Südsudan. Das sind jedoch nur die wenigen Fälle, die überprüft werden konnten – die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich sehr viel höher.

Trotz der besorgniserregenden aktuellen Berichte gibt es aber auch Fortschritte. So konnten laut dem aktuellen UN-Jahresbericht im Jahr 2020 durch Vermittlung der Vereinten Nationen 12.643 Kinder aus bewaffneten Gruppen befreit werden. Mit Unterstützung von UNICEF kamen seit 2000 mindestens 170.000 Kindersoldaten und Kindersoldatinnen frei.

Kinder sind keine Täter, sondern Opfer von Gewalt

An der Festveranstaltung zum 20jährigen Bestehen des Fakultativprotokolls beteiligte sich der Staatsminister des Auswärtigen Amtes, Tobias Lindner und begrüßte insbesondere die zahlreichen –  trotz erschwerter Pandemie-Umstände teilnehmenden jungen Menschen. In seinem Grußwort betonte er die Bedeutung der internationalen vertraglichen Vereinbarung: „Kinder dürfen nicht als Soldaten missbraucht werden. Kinder müssen vor Gewalt geschützt werden. Sie haben genau wie wir alle hier ein Recht darauf, ihre eigene Zukunft mitzugestalten.“

Es sei eine gute Nachricht, dass in den letzten zwanzig Jahren ungefähr 170.000 Kinder aus staatlichen Streitkräften und bewaffneten Gruppen befreit worden seien. Weiterhin würden aber Hunderttausende von Kindern als Soldatinnen und Soldaten rekrutiert und in bewaffneten Konflikten in aller Welt eingesetzt. Die Bundesregierung verurteile dies aufs Schärfste. Es sei Aufgabe aller Regierungen, dem Einsatz von Kindersoldaten ein Ende zu bereiten. „Unsere Botschaft an die erwachsenen Täter muss lauten: Ihre Verbrechen werden nicht vergessen werden, sondern geahndet! Und den betroffenen Kindern wollen wir sagen: Ihr seid keine Täter, sondern Opfer von Gewalt geworden.“

Deutschland werde sich auch in Zukunft dafür einsetzen, dass der Schutz von Kindern in bewaffneten Konflikten eine Priorität bleibe. Bestehende Normen müssten bekräftigt und gefestigt werden: Menschenrechte, humanitäres Völkerrecht, internationale Standards für Jugendgerichtsbarkeit, oder auch beispielsweise die „Safe Schools Declaration“, die Schulen vor Kampfhandlungen schützen soll. Täter müssten vor Gericht gestellt – Kinder zugleich als Opfer und nichts als Täter behandelt werden. Sie benötigen Unterstützung dabei, sich eine friedliche Zukunft aufzubauen.

Ursachen und Folgen

Kinder und Jugendliche sind leichter zu manipulieren, gehorsam und für bewaffnete Gruppierungen oft die preiswertere Alternative zu erwachsenen Soldat*innen. Teilweise werden Kinder entführt und mit Gewalt dazu gezwungen zu kämpfen. Aber auch extreme Armut, fehlende Bildung und damit verbunden mangelnde Perspektiven können Kinder dazu bringen, sich von bewaffneten Gruppen rekrutieren zu lassen.

Sie sind häufig Opfer von Gewalt und werden gleichzeitig selbst gezwungen, Gewalt auszuüben. Nach ihrem Einsatz sind die Mädchen und Jungen oft traumatisiert, leiden an Alpträumen und psychischen Störungen. Viele Kindersoldatinnen und Kindersoldaten haben jahrelang große Brutalität erlebt, aber nie eine Schule besucht. Sie in die Gesellschaft und in ein ziviles Leben zurückzuführen, ist ein langwieriger Prozess.

Hilfe von UNICEF und aus Deutschland

Für die Bundesregierung wies Tobias Lindner auf die umfangreiche Unterstützung für Organisationen der Vereinten Nationen und Nichtregierungsorganisationen gleichermaßen hin, die sich direkt in den Kriegsgebieten um betroffene Kinder kümmern – z.B. UNICEF in Afghanistan und Venezuela; Plan International und Save the Children in Mali und Tansania. Die deutsche Botschaft in Nepal fördere ein Bildungsprojekt für ehemalige Kindersoldaten, in Mexiko unterstütze man Kinderrechtsorganisation dabei, die Zwangsrekrutierungen durch kriminelle Gruppen zu verhindern. Im Jahr 2021 seien die Beiträge für humanitäre Hilfe verdoppelt worden. Mit 2,6 Milliarden Euro sei Deutschland der zweitgrößte Geberstaat weltweit.

UNICEF – das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen weist auf seine humanitäre Hilfe in praktisch allen Krisenländern der Erde hin und versucht, der Rekrutierung von Kindern vorzubeugen. In Zusammenarbeit mit dem Sekretariat der Sonderbeauftragten für Kinder und bewaffnete Konflikte und anderen UN-Organisationen ist UNICEF für die Dokumentation von schweren Kinderrechtsverletzungen in Konfliktländern wie die Rekrutierung und der Einsatz von Kindern verantwortlich und versucht, auf Regierungen und bewaffnete Gruppen einzuwirken.

Darüber hinaus unterstützt UNICEF Programme, um den Mädchen und Jungen die Rückkehr in ein ziviles Leben zu ermöglichen. Dazu gehören medizinische und psychologische Hilfe, Schul- und Ausbildungsprogramme, die Unterbringung in Transitzentren oder Pflegefamilien sowie Hilfe bei der Wiedereingliederung in die Familie und Gemeinschaft.

Forderungen von UNICEF

  • UNICEF fordert alle Regierungen auf, ihre Verpflichtungen aus der UN-Kinderrechtskonvention und dem Fakultativprotokoll wirksam umzusetzen.
  • UNICEF fordert alle Regierungen und bewaffneten Gruppen auf, Kindersoldat*innen zu demobilisieren und für den Schutz von Zivilisten, insbesondere Kindern, zu sorgen sowie gesellschaftlichen Zusammenhalt und Friedensaufbau zu fördern.
  • Rehabilitationsprogramme sowie Lern- und Weiterbildungsmöglichkeiten müssen ausgeweitet werden. Darüber hinaus braucht es flächendeckende Reintegrationsprogramme, die dazu beitragen, die Rückkehr ehemaliger Kindersoldat*innen in die Gesellschaft zu erleichtern.
  • Menschenrechtsverletzungen müssen nachverfolgt und bestraft werden. Hierfür ist eine Stärkung des „Monitoring and Reporting Mechanism“ notwendig.

Eine ausführliche Hintergrundberichterstattung stellt UNICEF in seinem Online-Blog zur Verfügung.

Quelle: UNICEF Deutschland und Auswärtiges Amt vom 11.02.2022

Redaktion: Frank Beckmann

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