Berufsorientierung
Girls'Day und Boys'Day inklusiv weiterentwickeln
Die Kommission Queere Jugendarbeit des Bayerischen Jugendrings (BJR) begrüßt die Ziele des Girls'Day und Boys'Day, kritisiert jedoch die binäre Struktur, die queere, nichtbinäre und inter* Jugendliche ausschließt. Die Trennung nach Geschlecht widerspricht der gesellschaftlichen Realität geschlechtlicher Vielfalt und reproduziert Stereotype.
08.06.2026
Anlässlich des diesjährigen Girls'Day und Boys'Day begrüßt die Kommission Queere Jugendarbeit des Bayerischen Jugendrings (BJR) das grundsätzliche Anliegen der Aktionstage, junge Menschen für Berufsfelder jenseits von Geschlechterklischees zu begeistern. Zugleich übt der BJR konstruktive Kritik an der strukturellen Anlage des Formats: Die binäre Zugangssystematik – Girls'Day nur für Personen, die sich als Mädchen lesen und Boys'Day nur für Personen, die sich als Jungen lesen – entspricht nicht mehr der gesellschaftlichen Realität und schließt queere, nichtbinäre und inter* Jugendliche systematisch aus.
„Wir wollen diese Aktionstage nicht kleinreden – sie haben viel bewegt und wichtige Debatten angestoßen. Aber ein Format, das Jugendliche zunächst nach Geschlecht sortiert, bevor es Klischees überwinden will, trägt einen Widerspruch in sich, den wir als Bayerischer Jugendring thematisieren wollen“,
sagt Philipp Seitz, Präsident des Bayerischen Jugendrings.
Binäre Struktur reproduziert, was sie überwinden will
Der Girls'Day und Boys'Day verfolgen wichtige Ziele gegen Geschlechterstereotype. Gleichzeitig arbeiten die Aktionstage noch mit einem binären Zugang, der der gesellschaftlichen Realität geschlechtlicher Vielfalt nicht mehr vollständig entspricht. Wer sich weder als Mädchen noch als Junge versteht, findet sich in der Grundstruktur des Formats nicht wieder – obwohl queere junge Menschen inzwischen ausdrücklich als Zielgruppe benannt sind. Dieser Widerspruch lässt sich nicht durch Randnotizen in den Teilnahmebedingungen auflösen. Außerdem schreibt die Rahmung „Mädchen in Männerberufe, Jungen in Frauenberufe“ die Idee fest, bestimmte Tätigkeitsfelder seien grundsätzlich weiblich oder männlich codiert. Damit werden genau die Kategorien bestätigt, die es zu überwinden gilt. Zumal zwischen den Berufswelten, in die Mädchen und Jungen an diesem Tag jeweils eingeführt werden, noch immer eine erhebliche Lohnlücke klafft. Ein Aktionstag, der Pflege als „Jungenfeld“ und Technik als „Mädchenfeld“ inszeniert, ohne die ungleiche gesellschaftliche Bewertung dieser Berufe zu thematisieren, greift zu kurz.
Ein einzelner Tag reicht nicht aus – aber er kann den Wandel anstoßen
Die BJR-Kommission Queere Jugendarbeit betont: Strukturelle Probleme wie Lohnungleichheit, ungleiche Care-Verteilung und starre Rollenbilder lassen sich durch einen Aktionstag im Jahr nicht lösen. Der Berufswunsch beginnt sich bereits im Kindergarten- und Vorschulalter auszuprägen – ein einzelner Orientierungstag in der Schulzeit setzt damit zu spät an, um tiefgreifende Veränderungen zu bewirken. Dennoch sollte das Format beibehalten aber reformiert weitergeführt werden. Die Kommission schlägt vor, aus Girls'Day und Boys'Day einen offenen Zukunfts- und Berufswahltag zu machen: ohne geschlechtergetrennte Teilnahmebedingungen, aber mit gezielten Schwerpunkten auf Berufsfelder, in denen bestimmte Gruppen unterrepräsentiert sind.
„Ein zeitgemäßer Zukunftstag sollte alle Jugendlichen unabhängig von Geschlecht und Selbstbezeichnung ansprechen und Berufe nicht länger als ‚Frauen-' oder ‚Männerberufe' markieren. Die Einladung sollte nach Interesse und Neugier formuliert sein – zum Beispiel: ‚Entdecke Berufe, in denen du dich bisher noch nicht gesehen hast‘“,
sagt Patrick Wolf, Vorsitzender der Kommission Queere Jugendarbeit im BJR.
Konkrete Reformvorschläge
- Die Kommission Queere Jugendarbeit empfiehlt folgende Anpassungen:
- Angebote nach Berufsfeldern statt nach Geschlecht bündeln, etwa in den Bereichen Technik, Pflege, Erziehung, Handwerk, Medien oder Naturwissenschaften.
- Alle Veranstaltungen ausdrücklich für alle Geschlechter öffnen: der Fokus liegt auf Unterrepräsentanz in Berufen, nicht auf der Zuordnung der Teilnehmenden.
- Vorbilder sichtbar machen: weibliche, männliche und nichtbinäre Fachkräfte gleichberechtigt in den Mittelpunkt stellen.
- Sprache anpassen: nicht „typische Frauen- oder Männerberufe“, sondern z. B. „Berufe mit vielfältigen Wegen“.
- Schulen und Betriebe bei diskriminierungssensibler Ansprache unterstützen, damit alle Teilnehmenden sich willkommen fühlen – unabhängig von ihrer Geschlechtsidentität.
„Wir wünschen uns, dass dieser Aktionstag wächst – über sich selbst hinaus. Das Ziel der klischeefreien Berufsorientierung ist richtig und wichtig. Aber die Form muss noch inklusiver werden.Queere Jugendliche verdienen keine Sonderregelung im Kleingedruckten, sondern Teilhabe als Selbstverständlichkeit“,
erklärt Patrick Wolf.
Hintergrundinfo
Die Kommission Queere Jugendarbeit berät die Vollversammlung des Bayerischen Jugendrings (BJR) fachlich. Unter der Mitarbeit von rund 15 Ehrenamtlichen und Hauptberuflichen leistet die Kommission wesentliche Beiträge zur Sensibilisierung, Inklusion und Unterstützung von LSBTIQA*-Personen in der Jugendarbeit in Bayern. Sie berät in allen Fragen queerer Jugendarbeit und entwickelt Empfehlungen für eine inklusive, diskriminierungssensible Jugendpolitik.
Quelle: Bayerischer Jugendring (bjr) vom 22.04.2026
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