Jugendsozialarbeit
Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit fordert Diskriminierung auf dem Ausbildungsmarkt zu beenden

Eine Studie des Sachverständigenrates für Integration und Migration zeigt: Während ein Bewerber mit deutschem Namen auf fünf Bewerbungen eine Einladung bekam, waren mit türkischem Namen sieben Einsendungen nötig. Bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit kennt man dieses Phänomen und nimmt anlässlich der Studie des Sachverständigenrates erneut Stellung.
28.03.2014
Der Kandidat ist 16 Jahre alt, besucht die zehnte Klasse der Realschule und sein Notenschnitt liegt bei etwa 2,0. Aus Anschreiben und Lebenslauf geht hervor, dass er in der 9. Klasse schon mal über ein Schulpraktikum in seinen Wunschberuf hineingeschnuppert hat. Außerdem ist er ehrenamtlich aktiv und übt in seiner Freizeit eine Mannschaftssportart aus. Er besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit und aus seiner Bewerbung geht hervor, dass Deutsch seine Muttersprache ist. Doch wenn der Absender Tim Schultheiß heißt, ist seine Chance, eine Antwort zu erhalten oder gar zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, deutlich größer, als wenn er den Namen Hakan Yilmaz trägt.
Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit (BAG EJSA) sieht sich durch Ergebnisse der SVR-Studie bestätigt
Das hat eine experimentelle Studie des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) ergeben, die am 26. März in Berlin vorgestellt wurde. 3.500 fiktive, fast identische Bewerbungen, je zur Hälfte als Bürokaufmann und als KFZ-Mechatroniker, wurden deutschlandweit an 1.794 Unternehmen geschickt - jeweils eine mit deutsch und eine mit türkisch klingendem Namen. Die Fotos ließen keine eindeutigen Rückschlüsse auf die Herkunftsfamilien der beiden männlichen Bewerber zu und wurden zufallsgeneriert mal dem deutsch klingenden und mal dem türkisch klingenden Namen zugeordnet. Das Ergebnis: Während ein Bewerber mit deutschem Namen auf fünf Bewerbungen eine Einladung bekam, waren mit türkischem Namen sieben Einsendungen nötig. Besonders deutlich zeigte sich der Unterschied bei den KfZ-Mechatronikern und in kleineren Betrieben. Hier muss ein Bewerber mit türkisch klingendem Namen mehr als 1,5-mal so viele Bewerbungen schreiben wie sein Konkurrent mit deutsch klingendem Namen.
Damit bestätigt die Studie erstmals - auf der Basis eines groß angelegten bundesweiten Testverfahrens und bezogen auf junge Menschen mit guter Bildung und deutscher Staatsangehörigkeit - alle Befunde, die das Bundesinstitut für Berufliche Bildung (BIBB) schon Ende 2011 als Ergebnis seiner Befragungen von Bewerbern deutscher und nichtdeutscher Staatsbürgerschaft zur so genannten Nettodiskriminierung veröffentlicht hat. Es gibt einen Ungleichbehandlungsfaktor, der sich auch dann noch feststellen lässt, wenn alle anderen Faktoren wie Bildung oder familiäre Netzwerke (bei denen junge Menschen mit Migrationshintergrund ja ohnehin schon strukturell benachteiligt sind), statistisch herausgerechnet werden.
Unterstützung für die BewerberInnen, Sensibilisierung für die Betriebe
Auf der Basis dieser Ergebnisse veröffentlichte der Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit das von der BAG EJSA erarbeitete, gemeinsame Positionspapier der Verbände der Jugendsozialarbeit „<link http: www.jugendsozialarbeit.de media raw kv_positionspapier_migration_und_ausbildung.pdf _blank external-link-new-window external link in new>Ausbildung für alle jungen Menschen – Diskriminierung beenden, Vielfalt fördern“, dessen Empfehlungen sich nun bis ins Detail in den Ergebnissen der SVR-Studie wiederfinden: Unterstützung für die jungen Menschen im Bewerbungsprozess, Sensibilisierung und Öffnung der Betriebe durch Praktika und Begegnungsmöglichkeiten, Weiterentwicklung und Verbreitung von anonymen Bewerbungsverfahren, politisches Agenda-Setting im Sinne einer Politik für ein ausreichendes Ausbildungsplatzangebot und gegen Diskriminierung am Ausbildungsmarkt. Darüber hinaus hat die Jugendsozialarbeit eine Vielzahl von langfristigen Unterstützungsmöglichkeiten und Kooperationsangebote für Unternehmen und benachteiligte Jugendliche zu bieten.
Die BewerberInnen in der SVR-Studie für einen Ausbildungsplatz als Bürokaufmann hatten besonders gute Deutsch-und Englischnoten, die für den KfZ-Mechatroniker glänzten in Mathe und Physik. Wie mag es einem Hauptschüler mit mittelmäßigen bis schlechten Schulnoten gehen? Alle Daten deuten darauf hin, dass Diskriminierung umso stärker zum Tragen kommt, je eher die Betroffenen scheinbar Negativklischees erfüllen.
Es ist gut, dass die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz in ihren Begrüßungsworten bei der Vorstellung der Studie die Verbesserung der Ausbildungschancen von Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte zur prioritären Aufgabe erklärt hat und den Integrationsgipfel im Herbst dieses Jahres unter das Motto „Ausbildung“ stellen wird.
Weitere Informationen
Positionspapier des Kooperationsverbundes „Ausbildung für alle jungen Menschen – Diskriminierung beenden, Vielfalt fördern“: <link http: www.jugendsozialarbeit.de media raw kv_positionspapier_migration_und_ausbildung.pdf _blank external-link-new-window external link in new>www.jugendsozialarbeit.de/media/raw/KV_Positionspapier_Migration_und_Ausbildung.pdf
Studie des Sachverständigenrates für Integration und Migration „Diskriminierung am Ausbildungsmarkt – Ausmaß, Ursachen und Handlungsperspektiven: <link http: www.svr-migration.de content wp-content uploads svr-fb_diskriminierung-am-ausbildungsmarkt.pdf _blank external-link-new-window external link in new>www.svr-migration.de/content/wp-content/uploads/2014/03/SVR-FB_Diskriminierung-am-Ausbildungsmarkt.pdf
BIBB-Report „Junge Menschen mit Migrationshintergrund: Trotz intensiver Ausbildungsstellensuche geringere Erfolgsaussichten“: <link http: www.jugendsozialarbeit.de media raw bibbreport_16_11_final_de.pdf _blank external-link-new-window external link in new>www.jugendsozialarbeit.de/media/raw/BIBBreport_16_11_final_de.pdf
Berufsbildungsbericht 2013: <link http: www.jugendsozialarbeit.de media raw bbb_2012.pdf _blank external-link-new-window external link in new>www.jugendsozialarbeit.de/media/raw/bbb_2012.pdf
Studie der Universität Konstanz "Schlechtere Chancen für Fatih Yildiz": <link http: www.boeckler.de impuls_2012_10_7.pdf _blank external-link-new-window external link in new>www.boeckler.de/impuls_2012_10_7.pdf
Quelle: Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit e.V. (BAG EJSA)
Termine zum Thema
-
15.06.2023
„Schwierige“ Jugendliche erfolgreich motivieren – „Cool ans Ziel“
-
06.07.2023
Jugend > Migration > Zukunft
-
26.05.2023
Schutzräume sichern! Zum Umgang mit rassistischer Polizeigewalt in der Jugendhilfe
-
06.06.2023
Fachtag 70 Jahre AJS - „Die Jugend von heute“… hat´s gar nicht so leicht
-
31.08.2023
Modulare Fortbildung zum Umgang mit menschenverachtenden, demokratiefeindlichen und rechtsextremen Phänomenen in Jugendarbeit und Schule
Materialien zum Thema
-
Zeitschrift / Periodikum
Außerschulische Bildung Nr. 2/2023: „Soziale Ungleichheit in Deutschland“
-
App
Studienkompass-App zur Studien- und Berufsorientierung
-
Artikel / Aufsatz
Übergänge gestalten – Junge Menschen mit Migrationserfahrungen zwischen Schulsystem und Arbeitswelt
-
Anleitung / Arbeitshilfe
Podcast 'Rechtsextremismusprävention kompakt'
-
Anleitung / Arbeitshilfe
Mädchen. Machen. Zukunft. – Toolkit zu gendersensibler Arbeit mit geflüchteten Mädchen
Projekte zum Thema
-
JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis
GenderONline – Geschlechterbilder und Social Media zum Thema machen
-
Minor – Projektkontor für Bildung und Forschung
Demokratieförderung im Übergangssystem
-
KVJS-Landesjugendamt Baden-Württemberg
Jugendarbeit / Jugendsozialarbeit auf kommunaler Ebene in Baden-Württemberg
-
IHK-Stiftung für Ausbildungsreife und Fachkräftesicherung
Mentoring-Programm
-
Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten Sachsen e.V.
MUT - Interventionen. Geschlechterreflektierende Prävention gegen Rassismus im Gemeinwesen
Institutionen zum Thema
-
Fort-/Weiterbildungsanbieter
Gesellschaft für Interkulturelles Zusammenleben (gGmbH)
-
Träger der freien Kinder- und Jugendhilfe
Landesarbeitsgemeinschaft Jungenarbeit (LAGJ) Baden-Württemberg e.V.
-
Sonstige
cultures interactive e.V.
-
Verband / Interessenvertretung
Fachverband Jugendarbeit / Jugendsozialarbeit Brandenburg e.V.
-
Träger der freien Kinder- und Jugendhilfe
Bildungsteam Berlin-Brandenburg e.V.