Wirkungsanalyse
Wie Schulsozialarbeit Jugendkriminalität senkt
Katharina Dreschers Studie zeigt, dass Schulsozialarbeit Jugendkriminalität um 17 Prozent reduziert, mit stärkeren Effekten bei schweren Gewaltdelikten und in benachteiligten Regionen. Die Maßnahme erhöht zudem Meldequoten bei sexualisierter Gewalt um 24 Prozent und senkt Klassenwiederholungen um 10 Prozent. Eine Kosten-Nutzen-Analyse belegt, dass die Einsparungen die Kosten übersteigen.
05.02.2026
Die Ökonomin Katharina Drescher von der Universität Passau zeigt in einer neuen Studie, dass Schulsozialarbeit nicht nur positive Bildungseffekte hat, sondern auch die Jugendkriminalität reduziert.
Nach Amokläufen an Schulen in den USA folgen oft reflexhafte Debatten über Waffengesetze – nicht selten mit der Konsequenz, dass noch mehr Waffen in Umlauf kommen. Im Jahr 2009 schockierte der Amoklauf von Winnenden ganz Deutschland. Baden-Württemberg reagierte darauf, indem es die präventive Sozialarbeit erheblich ausweitete. Es erhöhte die Zahl der Fachkräfte an Schulen in diesem Bereich um mehr als das Doppelte.
Katharina Drescher, Ökonomin am Lehrstuhl für Public Economics an der Universität Passau, hat untersucht, wie sich diese Maßnahme auf Jugendkriminalität und Bildung auswirkt. Anhand einer Beispielschule mit 1000 Schüler*innen berechnet sie, welche Effekte eine zusätzliche Fachkraft hätte:
- Deutliche Reduktion von Jugendkriminalität: Die Jugendkriminalität würde um durchschnittlich 17 Prozent pro Jahr sinken. Dieser Effekt hängt nicht von Geschlecht oder Migrationshintergrund der Jugendlichen ab und ist in sozial benachteiligten Regionen besonders stark.
- Deutliche Senkung von Gewaltdelikten: Eine noch stärkere Wirkung stellt die Forscherin bei schweren Gewaltdelikten fest. Hier würde eine zusätzliche Fachkraft die Fälle um rund 25 Prozent reduzieren, auch innerhalb von Familien.
- Mehr Aufklärung bei sexualisierter Gewalt: Schulsozialarbeit deckt Opfer von sexuellen Übergriffen auf, die Meldequoten steigen um 24 Prozent, weil Betroffene eher Hilfe suchen.
- Bessere Bildungschancen: Eine zusätzliche Kraft reduziert die Wahrscheinlichkeit von Klassenwiederholungen um etwa 10 Prozent.
Das Konzept der Schulsozialarbeit setzt auf professionelle sozialpädagogische Tätigkeit. Die Fachkräfte agieren als Vertrauenspersonen, stärken soziale Kompetenzen, leisten Krisenhilfe oder beugen Bildungsbenachteiligung vor.
Bezogen auf den tatsächlich erfolgten Ausbau in Baden-Württemberg kommt Drescher zu dem Ergebnis, dass die zusätzlichen Fachkräfte, die nach dem Amoklauf von Winnenden insbesondere auch an Realschulen und Gymnasien eingestellt wurden, die Jugendkriminalität um durchschnittlich zwei bis drei Prozent im Jahr gesenkt haben.
Methodik und Vorgehensweise
Drescher analysiert Kriminalitäts-, Bildungs- und Sozialarbeitsdaten aus Baden-Württemberg von 2006 bis 2018. In ihrer Studie wertet sie etwa 800 000 Straftaten von unter 19-Jährigen aus – von Diebstählen bis hin zu schwerer Gewalt – sowie regionale Statistiken zu Schulleistungen.
„In der Studie mache ich mir die regional unterschiedliche Umsetzung der Sozialarbeitsförderung nach dem Amoklauf von Winnenden zunutze“, erklärt Drescher. Die Methode ähnelt einem natürlichen Experiment: Weil der Ausbau regional unterschiedlich verlief, ließen sich die kausalen Effekte der Schulsozialarbeit isolieren; grundsätzliche Unterschiede zwischen Regionen sowie generelle Trends lassen sich mit dem Ansatz herausrechnen.
Schulsozialarbeit rechnet sich
Die Ökonomin nimmt auch eine Kosten-Nutzen-Analyse vor. Demnach kostet eine zusätzliche Fachkraft pro 1.000 Schüler*innen etwa 50.000 Euro jährlich. Doch der Nutzen überwiegt: Durch weniger Kriminalität und höhere Bildungserfolge spart diese Fachkraft der Gesellschaft 110.000 Euro im Jahr. Und diese Zahl ist eher eine untere Grenze der tatsächlichen positiven Effekte: Sie berücksichtigt nämlich nicht mögliche langfristige Effekte wie bessere Berufschancen oder weniger Straftaten im Erwachsenenalter. „Schulsozialarbeit ist mehr als nur Krisenintervention“, betont Drescher. „Sie verbessert nachweislich die Zukunftschancen junger Menschen – und entlastet dabei Gesellschaft und öffentliche Haushalte.“
Zur Person
Katharina Drescher ist Doktorandin am Lehrstuhl für Public Economics unter der Leitung von Prof. Dr. Stefan Bauernschuster. Sie forscht zu sozialpolitischen Maßnahmen und deren Wirkung. Ihre Studie ist eine der ersten, die den quantitativen Einfluss von Schulsozialarbeit nachweist. Bisher standen Lehrkräfte im Fokus der Bildungsforschung. Die Ergebnisse hat sie bereits mehrfach auf wissenschaftlichen Konferenzen präsentiert. Im Jahr 2024 wurde sie aufgrund dieser Arbeit mit dem Young Economist Award der Österreichischen Nationalökonomischen Gesellschaft ausgezeichnet.
Die Studie „Does School Social Work Work? The Impact of School Social Workers on Youth Crime and Education“ ist vor kurzem als Diskussionspapier im Bavarian Graduate Program in Economics erschienen. Es handelt sich dabei um eine Publikation, die noch kein Begutachtungsverfahren durchlaufen hat. Forschende nutzen Diskussionspapiere, um ihre Arbeit einem Fachpublikum zugänglich zu machen, bevor sie bei referierten Zeitschriften eingereicht wird.
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft (idw) vom 20.01.2026
Termine zum Thema
-
16.03.2026
Deeskalation in den stationären Erziehungshilfen
-
18.03.2026
Fortbildung "Kinder- und Jugendarbeit … aber sicher! Prävention von sexualisierter Gewalt"
-
18.03.2026
Drogen und Sucht – Grundlagen, Risiken, Prävention
-
19.03.2026
Hako_reJu: Handlungskonzept für Jugendarbeit und Schule im Umgang mit demokratie- und menschenfeindlichen Haltungen (Modul 1)
-
16.04.2026
Und wer fragt mich? 3.0 Unterstützung für Kinder psychisch kranker Eltern gestalten - Finanzierung & fachliche Aspekte von SGB-übergreifenden komplexen Gemeinschaftsleistungen
Materialien zum Thema
-
Webangebot / -portal
Materialpaket - Kinderrechte weltweit
-
Zeitschrift / Periodikum
Radikalisierung & Extremismusprävention - KJug 4/2025
-
Anleitung / Arbeitshilfe
AFET Orientierungshilfe zur Umsetzung des § 20 SGB VIII - Mit praktischen Beispielen zur Umsetzung
-
Podcast
Nachtrennungsgewalt mit Hilfe des Familiengerichts
-
Anleitung / Arbeitshilfe
SOS-Mental Health Peers ─ Arbeitsbuch
Projekte zum Thema
-
Deutsche Gesellschaft für Prävention und Intervention gegen Kindesmisshandlung, -vernachlässigung und sexualisierte Gewalt e.V.
Fortbildungsnetz sG - Datenbank für Fortbildungsangebote zu sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend
-
AGJF Sachsen e.V.
pro:dis – Distanzierungsberatung in Jugendarbeit und angrenzenden Arbeitsfeldern
-
Agentur für Soziale Perspektiven e.V.
Queere-Jugend-Berlin.de
-
FINDER e.V.
REBOUND – Lebens- und Risikokompetenz in der stationären Jugendhilfe
-
Ehil Kulturzentrum
Radikalismus – ich bin aufgeklärt!
Institutionen zum Thema
-
Fort-/Weiterbildungsanbieter
AMYNA e.V. - Schutz von Mädchen* und Jungen* vor sexueller Gewalt
-
Sonstige
Theater-Ensemble Radiks e.V.
-
Sonstige
GAMESHIFT NRW / Pacemaker Initiative
-
Träger der freien Kinder- und Jugendhilfe
Generation Interkulturelle Jugend u. Familienhilfe
-
Sonstige
Katholische Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz NRW e.V.