Familienforschung

Neuerscheinung: "Unkonventionelle Familien in Beratung und Therapie."

Ein neues Handbuch für Berater und Therapeuten stellt sogenannte "unkonventionelle Familien" in den Mittelpunkt.

25.11.2009

Was ist das Wichtigste an einer Familie? Die Beziehung des Kindes zur Mutter? Zum Vater? Oder sind doch beide unerlässlich? Seit Jahrzehnten wird in der Familiensoziologie diskutiert, ob die Triade oder die Dyade die grundlegende Einheit in einer Familie darstellt. "Diesen Streit gibt es wohl nur noch in Deutschland. In Frankreich beispielsweise wird die Triade als selbstverständlich genommen", erklärt Prof. Dr. Bruno Hildenbrand von der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Doch selbst wenn diese Auseinandersetzung nur in der Theorie ausgefochten wird, so hat sie Auswirkungen auf die Praxis. So zum Beispiel in der Beratung von sogenannten "unkonventionellen Familien". Diese bestehen nicht aus leiblichen Eltern und Kind, sondern können verschiedene Erscheinungsformen haben: Alleinerziehende, Stiefeltern, Paare mit einem adoptierten Kind, Pflegeeltern, Paare mit unerfülltem Kinderwunsch, Eltern, bei denen sich die Mutter künstlich befruchten ließ, oder gleichgeschlechtliche Paar mit anonymer Samenspende. Eine grundlegende Familieneinheit - die Triade - ist in allen diesen Fällen also als leibliche Verbindung nicht gegeben, es müssen andere Lösungen gefunden werden.

Hildenbrand hat nun - gemeinsam mit der Jenaer Wissenschaftlerin Dr. Dorett Funcke - ein Handbuch für Berater und Therapeuten geschrieben, das diese Familien mit ihren Problemen in den Mittelpunkt stellt. "Eigentlich sind es fünf Bücher in einem", meint der Jenaer Soziologe. "Während meiner Arbeit in der Praxis habe ich die Erfahrung gemacht, dass wenig Zeit zum Lesen bleibt. Und die Fachleute in den Jugendämtern zum Beispiel oder in der therapeutischen Praxis sind froh, Tipps und Informationen in komprimierter Form zu erhalten." Deshalb haben die Jenaer Autoren die verschiedenen Formen unkonventioneller Familien beschrieben, Möglichkeiten der Beratung und Therapie skizziert und dem Ganzen eine einführende Geschichte der Familie vorangestellt.

Zwar sind nur 22 Prozent aller Familien in Deutschland unkonventionelle, aber sie sind zum Teil besonders betreuungsintensiv. "Dabei interessieren uns nicht die Eltern - die können sich in der Regel selber helfen", macht Hildenbrand klar. "Unser Interesse ist auf die Kinder gerichtet, dieses Buch haben wir aus ihrer Perspektive geschrieben." Besonders haben es Funcke und Hildenbrand jene Kinder angetan, die aus einer anonymen Samenspende hervorgegangen sind. "Immer wieder hören wir von Menschen, die sich unvollständig fühlen, weil sie ihren leiblichen Vater nicht kennen. Manche von ihnen schätzen jeden altersmäßig in Frage kommenden Mann, dem sie auf der Straße begegnen, daraufhin ab, ob er nicht ihr Vater sein könnte." Wegen dieser lebenslangen Bürde ist die anonyme Samenspende in Deutschland nicht erlaubt, wird aber praktiziert.

Fachleute aus Beratung und Therapie können in diesem Buch wertvolle Hinweise finden, welche Möglichkeiten es beispielsweise gibt, um einen Stiefvater in eine Familie zu integrieren, zwischen leiblichen Eltern und Pflegeeltern zu balancieren, als alleinerziehende Mutter einen Dritten einzubeziehen oder - bisher unerwähnt - welche Möglichkeiten kinderlose Paare finden können, mit der Tatsache ihrer unerwünschten Kinderlosigkeit fertig zu werden. Zur Veranschaulichung führen die Autoren in allen Kapiteln Beispielfälle an und verzichten auf eine all zu wissenschaftliche Sprache.

Dorett Funcke, Bruno Hildenbrand: Unkonventionelle Familien in Beratung und Therapie. Carl-Auer Verlag, Heidelberg 2009, 250 Seiten, Preis: 24,95 Euro, ISBN: 978-3-89670-673-7

Quelle: Friedrich-Schiller-Universität Jena

Redaktion: Ilja Koschembar

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