Jugendforschung

Jugendgewalt in Bremen: Zwischenergebnisse einer Studie veröffentlicht

Die Anwendung von Gewalt und die Gewalterfahrungen Jugendlicher in Bremen liegen verglichen mit anderen bundesdeutschen Großstädten im Durchschnitt oder sind sogar niedriger. Das ist ein Ergebnis der sogenannten „Dunkelfeldstudie“ der Forschungsgruppe des Kriminologen Prof. Dr. Peter Wetzels vom Institut für Kriminalwissenschaften der Uni Hamburg.

01.12.2009

Das Zwischenergebnis dieser Studie stellten der Senator für Inneres und Sport, Ulrich Mäurer, sowie die Senatorin für Bildung und Wissenschaft, Renate Jürgens-Pieper, gemeinsam mit Professor Wetzels heute der Öffentlichkeit vor. Dunkelfeldstudien zur Gewalt befassen sich mit Gewalthandlungen, die anhand von offiziellen Statistiken wie etwa der Polizeilichen Kriminalstatistik (Hellfeld) nicht erfasst werden, weil sie nicht zur Anzeige gelangt sind.

Die Untersuchung ist nach Darstellung von Jürgens-Pieper und Mäurer Teil des ressortübergreifenden Bremer Handlungskonzepts „Stopp der Jugendgewalt“, an dem die Ressorts Inneres, Bildung, Jugend und Soziales sowie Justiz beteiligt sind. Die Studie soll Erkenntnisse über Art, Umfang und Struktur der Jugendgewalt ermitteln, um so gezielte Präventionsmaßnahmen gegen die Jugendgewalt entwickeln zu können. „Die Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik reichen nicht aus um eine realitätsgerechte Einschätzung dieses Problembereichs zu gewährleisten“, so Mäurer. Die polizeilichen Statistiken können nur die Vorfälle registrieren, die auch zur Anzeige gelangen. „So stellt die vorliegende Studie fest, dass in Bremen das Anzeigeverhalten höher ist als in vergleichbaren Städten. Das heißt, nach der Statistik ist Bremen stärker belastet, tatsächlich aber nicht“, so der Senator. Gleichwohl bereite das Gewaltverhalten von Jugendlichen zunehmend Sorge. Deswegen seien Erkenntnisse aus dem sogenannten Dunkelfeld notwendig: „Wir brauchen Informationen über das Gewaltverhalten von Jugendlichen und auch über ihre Gewalterfahrungen, die sich nicht in Statistiken niederschlagen.“

Erforderlich seien vor allem auch konkrete Erkenntnisse über die Risikofaktoren für Straffälligkeit und Gewalt junger Menschen. Es ist zwar eine allgemeine Erkenntnis, dass Jugendliche aus sozial schwachen Milieus eher zu kriminellem Verhalten neigen. „Doch für gezielte Maßnahmen brauchen wir konkrete Erkenntnisse“, so Mäurer. Das gelte insbesondere auch für das Verhalten der Jugendlichen in der Schule. Im Rahmen der Studie wurden 2831 Schülerinnen und Schüler der 7. und 9. Jahrgangsstufe aus 172 Klassen in 50 verschiedenen Schulen in Bremen und Bremerhaven schriftlich befragt. Außerdem haben sich 127 Lehrkräfte an der Befragung beteiligt.

1. Gewalt in Schulen

Gewalt in Schulen liegt in Bremen im überregionalen Vergleich eher im unteren Durchschnitt. Bei der Untersuchung wurden auch Formen verbaler Aggression, das absichtliche Zerstören von Eigentum sowie das sogenannte „happy slapping“ eingeschlossen. 42,8 Prozent der Befragten äußerten, verbale Aggression und Beleidigungen mindestens einmal im letzten Schulhalbjahr erlebt zu haben. Opfer des absichtlichen Zerstörens von Sachen wurden 15,5 Prozent und des Filmens oder Fotografierens von Gewalthandlungen immerhin noch 2,8 Prozent. Dabei wurde der überwiegende Anteil dieser Gewalterfahrungen als ein einmaliges Erlebnis benannt. (1,4 Prozent „happy slapping“, Zerstörung von Eigentum 10,1 Prozent).

Positiv ist zu bewerten, dass knapp die Hälfte der befragten Schüler und Schülerinnen keine Gewalthandlungen in der Schule erlebt haben. Ein relevanter Anteil der Jugendlichen wird jedoch mehrfach im Laufe eines Schuljahres Opfer von Gewalt, wobei sich hier die Rollen von Tätern und Opfern recht weit überschneiden. In 38 Prozent der Angaben hatten Schüler als Opfer oder Täter mit Gewalt in der Schule zu tun. Davon waren zu etwa je einem Drittel Opfer (12,2 Prozent), Täter (13,3 Prozent) und die Personen, die sowohl Opfer als auch Täter waren (12,5 Prozent).

Die häufigste Form der erlebten Gewalthandlung war Hänseln. Bedenklich ist, dass 11 Prozent der Jugendlichen ständig verbal drangsaliert wurden. Das entspricht einer Größenordnung von zwei Schülern/innen je Klasse. Die Angaben der Lehrkräfte zeigen, dass das Hänseln (91,2 Prozent) und das Schlagen und Treten (81,6 Prozent) unter Schülern offenbar weit verbreitet ist und von der überwiegenden Mehrheit der Lehrkräfte wahrgenommen wurde.

Sowohl in Bremen als auch in Bremerhaven schätzen knapp ein Drittel der Lehrkräfte die Gewaltbelastung ihrer Schule zwischen mittel und hoch ein.

2. Schulschwänzen:

Im überregionalen Vergleich liegt die Quote des massiven Schulschwänzens in Bremen in der Tendenz eher unter dem bundesdeutschen Durchschnitt für Großstädte: Massives Schwänzen (5 bis 10 Tage am Stück) liegt in Bremen bei 9,6 Prozent, in Bremerhaven bei 14,3 Prozent; der Großstadtdurchschnitt liegt bei 16,1 Prozent.

In der Gegenüberstellung der Lehrerbeobachtungen und Schüler-Selbstberichte wird deutlich, dass die Lehrkräfte insgesamt die Verbreitung des Schulschwänzens systematisch unterschätzen. Etwa 50 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler gaben an, dass die Aussage, man werde erwischt, wenn man schwänze, eher falsch sei. Auffallend ist, dass ein beträchtlicher Anteil der gehäuft schwänzenden Jugendlichen bislang keine Konsequenzen gespürt hat. Die erlebte Reaktion auf das Schwänzen (Dauer 5 bis 10 Tage) wird von 51,4 Prozent der Schülerinnen und Schüler mit „keine“ angegeben.20 Prozent der Schülerinnen und Schüler gaben an, dass Lehrkräfte nicht genau nach Gründen des Fehlens fragten. Die Zahlen der Schulschwänzer sind an den Förderschulen und Sekundarschulen am höchsten und an den Gymnasien am niedrigsten.

Bildungssenatorin Renate Jürgens-Pieper begrüßte die wissenschaftliche Studie. Prof. Wetzels will sie jetzt den beteiligten Schulen zur Verfügung stellen, selbstverständlich ohne schul-, klassen- oder personenbezogene Angaben. „Ich werde mit Schulleitungen, dem Personalrat sowie Eltern- und Schülervertretungen gemeinsam wirkungsvolle Modelle erarbeiten, um dem Schulschwänzen nachhaltig zu begegnen“, sagte die Senatorin.

Die jetzt vorliegenden Daten beziehen sich auf Erfahrungen der Jugendlichen im Jahr 2008. Die Befragung soll in zwei Jahren in Bremen und Bremerhaven wiederholt werden. Die Ergebnisse sollen Aufschluss darüber geben, ob durch die Umsetzung des Handlungskonzeptes eine Verminderung von Jugendgewalt und Straffälligkeit erreicht werden konnte bzw. welche weiteren Maßnahmen zu ergreifen sind.

Quelle: Der Senator für Inneres und Sport / Die Senatorin für Bildung und Wissenschaft der Freien Hansestadt Bremen

Redaktion: Ilja Koschembar

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