Sozialpädiatrie

Gefährden Social-Media-Kanäle die spielerische Entwicklung von Kindern?

Die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) warnt davor, dass Social-Media die spielerische Entwicklung von Kindern gefährden könnte. Expert*innen betonen die Bedeutung des Spielens für kognitive und soziale Entwicklung sowie Gemeinschaftsgefühl. Ein Social-Media-Verbot für Kinder oder die Schaffung spielfreundlicher Umgebungen könnten negative Trends abmildern.

30.03.2026

Das Spielen und das Spielverhalten betreffen fast alle lebenswichtigen Bereiche und sind insbesondere ein wegweisender Motor für die individuelle Entwicklung von Kindern. Der hohe Wert des Spielens könnte aber in unserer schnelllebigen Social-Media-Welt auf der Kippe stehen, warnt die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ). Denn die vielfältigen Social-Media-Kanäle, über deren Nutzungsverbot für Kinder und jüngere Jugendliche gerade heftig gestritten wird, absorbierten so viele Freiräume, dass für das haptische Spielen mit Gleichaltrigen oder in der Familie immer weniger Zeit bleibt, warnt DGSPJ-Präsident Dr. Andreas Oberle.

Im realen Leben geht es um multisensorisches Erfahren, eben auch um Haptisches, und Kinästhetisches sowie um den Austausch auch mittels Mimik und Gestik. So hat sich das menschliche Gehirn über die Jahrtausende entwickelt – und ist weiterhin ‚erpicht‘ darauf, so angesprochen zu werden – auch wenn die kulturell-technische Entwicklung heute andere Akzente setzt. Deshalb hält PD Dr. Gerhard Niemann, ehemaliger ärztlicher Direktor des kinderneurologischen Fachkrankenhauses Schömberg, das Spielen gerade in der heutigen Zeit für wichtiger denn je. Denn „wer miteinander spielt, kann sich zum Beispiel nicht bekriegen“, erläutert der renommierte Entwicklungsneurologe. Innerhalb einer Gruppe führt das gemeinsame Spiel zudem zu einem übergeordneten Gemeinschaftsgefühl, einer Gruppenidentität. 

Das Spielen ist Einüben dessen, was später relevant wird. Dies hat natürlich für die (Sozial-)Pädiatrie überragende Bedeutung. Das betrifft nicht nur das Lernen im engeren Sinn und die Lernprozesse: Vielmehr geht es auch um das

  • Hantieren mit unterschiedlichen Materialien im Hinblick auf Konstruktionen,
  • Verstehen und Einhalten von Regeln,
  • Beachten der Rollen des anderen,
  • die Erfahrung, in unterschiedliche Rollen schlüpfen zu können, und auch um
  • die kindliche Akzeptanz von nicht gewünschten Effekten.

Auch andere gesellschaftlich höchst relevante Eigenschaften würden zur Disposition stehen, wenn die Freiräume für das herkömmliche kindliche Spielen mit Gleichaltrigen oder der Familie weiter verloren gingen. Denn das kindliche Spiel ist laut Niemann auch ein Mittel, um

  • die kognitive Entwicklung einzuschätzen,
  • die sozialen Kompetenzen zu beurteilen,
  • und um einen Zugang zum familiären Feld zu finden (wie geht man miteinander um, welche Anregungen, besonderen Belastungen, Vernachlässigungen ggf. sind erkennbar).

All diese Entwicklungsprozesse, die das gemeinsame Spielen mit seinem multisensorischen Erleben im Kindes- und Jugendalter mit sich bringt, können Spiele über Social-Media-Kanäle nur bedingt erfüllen. Dies hat zur Folge, dass sich die kindlichen Rezeptoren verändern und sich damit auf Dauer auch die Gehirne von Kindern anders entwickeln werden, bekräftigt Niemann. Viele positive Mitnahmeeffekte des Spielens blieben damit auf der Strecke.

Aber Spielen kann nicht auf die Präparation für das Leben reduziert werden. Es drückt sich darin das Wesen des Menschen aus. Die zentralen Momente des Tätigseins und des Sozialen kommen zusammen – insofern sollten auch Senior*innen weiterspielen. 

Was tun, um die negativen Trends aufzufangen? Das derzeit diskutierte Social-Media-Verbot für Kinder bis zu einem gewissen Alter wäre sicher eine Alternative, meint Niemann. Für erfolgversprechender hält er es aber, für eine ausgewogene spielerische Entwicklung von Kindern in- und außerhalb der Familie ein Umfeld mit ausreichenden Räumen zu schaffen, in denen Kinder auch länger gemeinsam spielen können. Dazu benötige man aber Figuren, die bei Kindern identitätsstiftend wirken, und Eltern und Pädagogen, die den Wert des Spielens auch tatsächlich erkennen. Und genau hier sieht Sozialpädiatrie-Präsident Andreas Oberle auch die Fachleute und insbesondere die Kinder- und Jugendmediziner in der Pflicht: „Wir Pädiater“, so fordert er, „müssten weit mehr als bislang Eltern und Erziehende bzw. Unterrichtende über den oft verkannten hohen Wert des Spielens informieren und sie dabei auch unterstützen.“ Zudem sollten alle Mediziner*innen viel stärker auch auf die Politik und speziell das Familienministerium, das hier für die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zuständig ist, einwirken. Am besten wäre es – wie Gerhard Niemann vorschlägt – „einfach mal im Parlament etwas zu spielen“. Das hätte dann die höchste politische Signalwirkung.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Souialpädiatrie und Jugendmedizin e.V. vom 19.03.2026

Redaktion: Christin Jauch