Hilfen zur Erziehung

„Forschungsgruppe Pflegekinder“ der Universität Siegen zum Tod des Pflegekindes Chantal

Campus Adolf-Reichwein-Straße der Uni Siegen

Die öffentliche Diskussion um den Vergiftungstod des 11-jährigen Pflegekindes Chantal in Hamburg ist nach Auffassung der „Forschungsgruppe Pflegekinder“ der Universität Siegen von Verkürzungen und Fehleinschätzungen geprägt. Im Rahmen einer im Folgenden im Wortlaut widergegebenen Erklärung bieten die Siegener Forscherinnen und Forscher eine Einordnungshilfe.

31.01.2012

"Wir, die wir uns seit Jahren mit den Lebenserfahrungen von Pflegekindern wissenschaftlich beschäftigen und aus diesen Erfahrungen Anregungen und Vorschläge für eine Weiterentwicklung der Pflegekinderhilfe in Deutschland entwickeln, sind vom Tod der 11jährigen Chantal, die nach Aussagen der Staatsanwaltschaft Hamburg an einer Methadonvergiftung gestorben ist, tief betroffen. Wir verstehen die kritischen Fragen nach einem Versagen der Sozialen Dienste in der Öffentlichkeit. Auch wir fragen uns, was wir und andere durch den Tod der kleinen Chantal lernen können. Eine Analyse dieses Fallverlaufes ist auf der Basis von differenzierten Informationen möglich und unbedingt nötig. Dann müssen die richtigen Konsequenzen gezogen werden.
Die öffentliche Debatte veranlasst uns aber schon heute auf einige Tatsachen hinzuweisen, die in der öffentlichen Diskussion derzeit zu kurz kommen und zu Fehleinschätzungen beitragen können:

1. Nach allem, was wir aus eigenen Untersuchungen und anderen wissenschaftlichen Studien wissen, sind die meisten Pflegemütter und Pflegeväter hoch engagierte Menschen, die auch in schwierigen Betreuungssituationen gute Entwicklungsbedingungen für die ihnen anvertrauten Pflegekinder schaffen. Sie helfen uns damit ein wichtiges gesellschaftliches Problem zu lösen, nämlich auch den Kindern eine gute Entwicklung in einer Familie und gute Zukunftschancen zu ermöglichen, die – aus welchen Gründen auch immer – von ihren Eltern nicht ausreichend betreut werden können. Ein generelles Misstrauen den Pflegeeltern gegenüber wäre deswegen ungerecht. Die meisten Pflegeeltern verdienen unseren großen Respekt und hohe Anerkennung.

2. Die Betreuung von Kindern in Pflegefamilien stellt hohe und vielfältige Anforderungen an die Pflegeeltern. Sie haben deswegen einen moralischen Anspruch auf eine kompetente, regelmäßige und engagierte Betreuung durch leistungsfähige Pflegekinderdienste. Diese Betreuung ist keineswegs überall in Deutschland gesichert. Oft reicht schon alleine die personelle Ausstattung dafür nicht aus. Wenn eine Fachkraft 50 oder mehr Pflegefamilien betreuen muss, kann sie notwendige Dienstleistungen für die Kinder und ihre Eltern nicht erbringen. Wir halten eine Betreuung von 30, maximal 35 Pflegekindern pro Fachkraft für notwendig. Außerdem müssen die Fachkräfte über den aktuellen Wissensstand und ein professionelles Dienstleistungsverständnis verfügen, um Pflegekinder und ihre Familien gut begleiten zu können und Eskalationen durch rechtzeitige Hilfe wirksam zu verhindern. Das ist noch nicht überall garantiert.

3. Die Sicherheit von Pflegekindern in ihrer Pflegefamilie wird durch umfassende und häufige Kontrollen nicht erhöht. Gerade die privaten Lebensformen in Familien können von außen nicht wirksam kontrolliert werden. Ein wirksamer Schutz besteht darin, dass Notsignale der Kinder erkannt und ernst genommen werden, dass sie Zugang zu Vertrauenspersonen auch außerhalb der Familie haben und dass Soziale Dienste auf diese Signale sensibel reagieren und richtig handeln. Darüber hinaus ist eine regelmäßige Beratung und intensive Begleitung von Pflegefamilien nicht nur in Krisensituationen erforderlich, um rechtzeitig eine geeignete Unterstützung anzubieten.

4. Die Leistungen professioneller Dienste müssen sich sowohl an die Pflegefamilie insgesamt als auch an jedes einzelne Pflegekind richten. Es sind regelmäßige, vertrauensvolle Kontakte einer pädagogischen Fachkraft mit den Kindern erforderlich. Auch hierfür liegen keineswegs überall die personellen Voraussetzungen und geeignete Konzeptionen vor. Politik, Verwaltung und Fachdienste stehen in der Pflicht, diese unverzichtbaren Bedingungen zu schaffen.

5. Sowohl Dienste der Jugendämter als auch Freie Träger können diese Aufgabe gut erfüllen, wenn die personellen, organisatorischen und konzeptionellen Voraussetzungen bei ihnen erfüllt sind. Hoch arbeitsteilige Systeme schränken die Leistungsfähigkeit allerdings oft ein und erhöhen die Risiken. Deswegen sehen wir ein Outsourcing einzelner Teilbereiche an verschiedene Träger kritisch.

Wenn die erkannten Mängel in der Pflegekinderhilfe tatkräftig beseitigt werden, können Gesellschaft, Politik und Verwaltung Risiken von Pflegekindern minimieren und die positiven Entwicklungschancen in Pflegefamilien stärken."

Unterzeichnet von den Mitgliedern der „Forschungsgruppe Pflegekinder“ der Universität Siegen:
Klaus Wolf, Andrea Dittmann, Kirstin Gottwald, Andy Jespersen, Corinna Petri,
Judith Pierlings, Daniela Reimer, Dirk Schäfer, Sabine Wehn, Christina Wilde

Quelle: Universität Siegen

Redaktion: Ilja Koschembar

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