Thesenpapier der AGJ

Ein anderer Zugang zur Fachkräftedebatte

Die Kinder- und Jugendhilfe steht vor großen Herausforderungen. Finanzielle Restriktionen und politische Reformen setzen sie unter Druck, während gesellschaftliche Erwartungen an Teilhabe und Schutz junger Menschen steigen. Das Ideenlabor Fachkräfte der AGJ schlägt in sieben Thesen vor, wie Teilhabe und Förderung junger Menschen auch unter schwierigen Rahmenbedingungen gewährleistet werden können.

13.05.2026

Die Kinder- und Jugendhilfe befindet sich gegenwärtig in einer extrem angespannten Situation. Auf der einen Seite ist sie unter dem Vorzeichen zunehmend restriktiver finanzieller Rahmensetzungen und eines überwiegend fiskalisch motivierten Reformbedarfs Adressatin einer sich verschärfenden Debatte über die Zukunft des Sozialstaats geworden und sieht sich mit einer veränderten Prioritätensetzung von infrastrukturellen Leistungen gegenüber individuellen Rechtsansprüchen sowie der Unterstellung sowohl einer eingeschränkten Funktionsfähigkeit als auch einer mangelnden Wirkungseffizienz konfrontiert. Erforderliche Infrastruktur, die Ausgestaltung von Leistungen und ihre Finanzierung stehen somit unter hohem Legitimationsdruck. 

Auf der anderen Seite ist sie weiterhin gefordert, wachsenden gesellschaftlichen Erwartungen an die Sicherung von Teilhabe, Schutz und Förderung junger Menschen gerecht zu werden. Sie ist mit einer deutlichen Verdichtung von Problemlagen auf Seiten der Adressat*innen konfrontiert. Gesellschaftliche Transformationsprozesse, Krisen und sich verschärfende soziale Ungleichheiten gehen mit sich verändernden Bedarfen einher. Fachkräfte erleben in ihrem Alltag, dass Unterstützungsbedarfe nicht nur zunehmen, sondern komplexer, längerfristiger und voraussetzungsvoller werden. 

In vielen Kommunen und Handlungsfeldern ist die Kinder- und Jugendhilfe mehr denn je in einen Verteidigungsmodus geraten, in dem die bloße Sicherung bestehender Angebote und Strukturen unter zunehmend unsicheren und sich kurzfristig verändernden Rahmenbedingungen im Vordergrund steht. Diese Konstellation erschwert eine offene, selbstkritische Auseinandersetzung mit der Frage, ob und wie bestehende Steuerungslogiken, Angebotsformen und Ressourceneinsätze weiterentwickelt werden müssen. Gleichwohl lässt sich eine solche Auseinandersetzung nicht aufschieben, wenn die Handlungsfähigkeit der Kinder- und Jugendhilfe im Sinne ihrer eigenen normativen Grundlagen, insbesondere des SGB VIII und der Kinderrechte, gesichert werden soll.

Eine solche Perspektive bedeutet ausdrücklich nicht, Kürzungen oder Einschränkungen von Leistungen zu legitimieren oder fachliche Standards zur Disposition zu stellen, auch wenn entsprechende Erwartungen oder Signale aus dem politischen Raum zunehmen. Vielmehr ergibt sich aus der fachlichen und gesellschaftlichen Verantwortung der Kinder- und Jugendhilfe selbst ein wachsender Begründungsauftrag: Sie muss darlegen können, wie sie unter sich verändernden Rahmenbedingungen wirksam, gerecht und zugänglich bleibt – und wie sie mit knapper werdenden Ressourcen so umgeht, dass die Rechte junger Menschen nicht relativiert, sondern konkret eingelöst werden. Darin liegt zugleich eine Chance, Debatten um Wirkung, Nutzen und Effektivität auch unter verschärften Verteilungs- und Steuerungsfragen nicht defensiv abzuwehren, sondern aus der Perspektive der Fachpraxis aktiv mitzugestalten und an fachlichen Maßstäben auszurichten.

In sieben Thesen zeigt das Ideenlabor Fachkräfte auf, wie Teilhabe, Schutz und Förderung junger Menschen auch unter schwierigen Rahmenbedingungen gesichert und nach den fachlichen Ansprüchen der Kinder- und Jugendhilfe weiterentwickelt werden könnten. 

Thesenpapier der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ zum Fachkräftemangel (PDF: 244 KB)

Quelle: Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ vom 13.05.2026

Redaktion: Zola Kappauf