Rechtsextremismus-Bedrohungsstudie
Angriffe auf Jugendgruppen, Jugendverbände und Jugendringe nehmen zu
Bundesweit berichten Jugendgruppen, Jugendverbände und Jugendringe zunehmend von Angriffen aus dem extrem rechten Spektrum. Eine aktuelle Erhebung des Bundesjugendrings zeigt: Beleidigungen, Online-Hass, Bedrohungen und Sachbeschädigungen gehören für viele zur Realität – besonders auf kommunaler Ebene. Die Vorfälle belasten Engagement und demokratische Jugendarbeit spürbar.
12.03.2026
Welche Bedrohungen und Angriffe erleben Jugendgruppen, Jugendverbände und Jugendringe – besonders auf kommunaler Ebene aus dem Spektrum der extremen Rechten? Eine bundesweite Erhebung des Bundesjugendrings zur Bedrohungslage zeigt: Ein relevanter Teil berichtet von Angriffen bzw. Übergriffen in den letzten 12 Monaten aus dem Bereich der extremen Rechten. Häufig genannt werden Beleidigungen, Online-Angriffe, Bedrohungen und Sachbeschädigungen – oft mit erkennbarer politischer Motivation.
Vorläufige Ergebnisse einer laufenden bundesweiten DBJR-Erhebung zur Bedrohungslage
Der Bundesjugendring erhebt die Bedrohungslage zu Angriffen und Bedrohungen für Jugendgruppen, Jugendverbände und Jugendringe erheben – insbesondere auf kommunaler Ebene. Während die Sorge-Studie des Bundesjugendrings 2024 stärker die Einschätzungen und Sorgen der Bedrohung im Falle einer Regierungsübernahme durch extrem rechte Parteien auf verschiedenen föderalen Ebenen in den Blick nahm, widmet sich diese Befragung vor allem den Erfahrungen mit Bedrohungen und Angriffen aus einem nicht direkt partei-bezogenen Spektrum. Ziel ist es, den Austausch unter den Jugendverbänden zu stärken, Diskussionen mit Erfahrungswerten anzureichern und Unterstützungsmöglichkeiten zu sammeln.
Zahlen und Fakten auf einen Blick
- bisher 201 teilnehmende Jugendgruppen, Jugendverbände und Jugendringe: mit einem Schwerpunkt auf der kommunalen Ebene (46,3 Prozent örtlich bzw. kommunal; 10,4 Prozent Kreis-/Stadtjugendringe).
- 46 Berichte über Angriffe bzw. Übergriffe in den letzten 12 Monaten
- Arten der Angriffe bzw. Übergriffe: Beleidigungen bzw. Beschimpfungen (71,2 Prozent), Online-Angriffe bzw. Hate Speech (44,2 Prozent), Bedrohungen (38,5 Prozent), Sachbeschädigung (34,6 Prozent)
- Ziele der Angriffe: Organisation (55,8 Prozent), Einzelpersonen (51,9 Prozent), Einrichtungen (30,8 Prozent) und die gesamte Gruppe (21,2 Prozent)
- 78,9 Prozent der Angriffe mit erkennbarer politischer Motivation aus dem Spektrum der extremen Rechten
Wer hat geantwortet? (Struktur der Rückmeldungen)
An der Erhebung beteiligten sich bisher insgesamt 201 Organisationen bzw. Strukturen. Den größten Anteil bilden örtliche bzw. kommunale Jugendverbände bzw. Jugendgruppen (46,3 Prozent; 93). Es folgen Jugendverbände auf Landesebene (21,4 Prozent; 43), überregionale Ebenen wie Kreis-/Diözesanstrukturen (11,0 Prozent; 22) sowie Kreis- oder Stadtjugendringe (10,4 Prozent; 21). Auch Jugendverbände auf Bundesebene (8,0 Prozent; 16) und Landesjugendringe (1,0 Prozent; 2) nahmen teil.
Wie häufig und in welchem Kontext passieren Angriffe?
46 Jugendgruppen, Jugendverbände und Jugendringe berichteten von mindestens einem Vorfall in den letzten 12 Monaten. Fast die Hälfte (48,1 Prozent) gibt an, 1 bis 3 Vorfälle erlebt zu haben. Gleichzeitig berichten 16,7 Prozent von mehr als 6 Vorfällen innerhalb eines Jahres. Mehr als die Hälfte der Rückmeldungen ordnet die Vorfälle direkt einer konkreten Veranstaltung, Aktion oder Gruppenaktivität zu. Gleichzeitig nennen 28,9 Prozent einen thematischen Bezug; ebenso oft wird angegeben, dass kein direkter Bezug erkennbar war.
In den Detailfragen zu Art und Kontext der Vorfälle werden besonders häufig niedrigschwellige, aber belastende Angriffsformen genannt: Beleidigungen/Beschimpfungen (71,2 Prozent) sowie Online-Angriffe bzw. Hate Speech (44,2 Prozent). Diese Vorfälle gehen von Stickern extrem rechter Gruppen und Beschmierungen, z.T. mit rechtsextremen Parolen, an Jugendzentren und Geschäftsstellen über Flyer in Briefkästen bis zu einzelnen Diffamierungen und Kampagnen in Social Media bis zu kleinen Anfragen durch AfD-Fraktionen in Parlamenten oder denunzierende Erwähnungen im rechtsextremen Online-Magazin NiUS. Ebenso werden „Hausbesuche“ (17,31 Prozent) und weitere Bedrohungen (38,5 Prozent) durch die Störung von Veranstaltungen, die Androhung des Entzugs von Fördermitteln, und Sachbeschädigungen (34,6 Prozent) genannt, darunter auch ein Einbruch in einem Jugendhaus, bei dem Technik zerstört, sowie AfD-Schriftzüge und Hakenkreuze hinterlassen wurden. Körperliche Angriffe gegen Personen werden seltener berichtet (13,5 Prozent), sie bleiben aber ein relevanter Aspekt der Bedrohungslage und betreffen auch direkt junge Menschen.
Wer ist betroffen – und wie wird damit umgegangen?
Bei den Zielen der Angriffe zeigt sich ein breites Bild: Häufig betroffen sind die Organisation als solche (55,8 Prozent) und Einzelpersonen (51,9 Prozent). Auch Einrichtungen (30,8 Prozent) und ganze Gruppen (21,2 Prozent) werden genannt. Die politische Motivation der Angreifenden wird von den Befragten überwiegend als klar erkennbar eingeschätzt: 50,0 Prozent bewerten sie als „sehr eindeutig“, 28,9 Prozent als „eher eindeutig“. In den Antworten wird deutlich, dass die Angriffe häufig entweder von bekannten Akteur*innen aus dem extrem rechten Spektrum ausgehen – oder aber die Urheber*innen für die Betroffenen nicht eindeutig identifizierbar sind. Oft sind Mitglieder und Funktionäre der AfD, Medien aus dem rechtspopulistischen Spektrum wie NiUS und die Junge Freiheit.
Sichtbares Bedrohungsgefühl und mögliche Folgen für Engagement
Über die konkreten Vorfälle hinaus wurde nach dem subjektiven Bedrohungserleben gefragt: 29,3 Prozent der Antwortenden fühlen sich „manchmal“ potenziell gefährdet/bedroht, 13,8 Prozent „oft“ oder „sehr oft“. 36,2 Prozent antworten „selten“, 13,8 Prozent „nie“. Auch mögliche Auswirkungen auf Teilnehmende und Ehrenamtliche wurden abgefragt: 26,3 Prozent der Antwortenden berichten, dass sich Personen „manchmal“ bis „sehr oft“ aus Sorge vor persönlichen Anfeindungen zurückziehen oder Eltern die weitere Teilnahme untersagen oder eigene Aktivitäten und Engagement unterlassen. Gleichzeitig geben 29,8 Prozent an, dies „nie“ zu erleben; 21,1 Prozent können es nicht einschätzen.
Umgang der Befragten mit Vorfällen
Die betroffenen Organisationen dokumentieren intern die Vorfälle, sie melden sich bei ihren Dachverbänden, Gemeinden, der Polizei und Beratungsstellen. Insgesamt führen die Erfahrungen bei den betroffenen Organisationen zur Überzeugung, sich nicht unterkriegen zu lassen und weiter für eine freie Jugendkultur in Vielfalt und Demokratie einzusetzen. Sie intensivieren einerseits die Sensibilisierung und Fortbildung ihrer Mitglieder, Ehren- und Hauptamtlichen und professionalisieren sich in der Dokumentation und Sicherheitskonzepten für ihre Einrichtungen, aber auch durch Risikoanalysen, Handlungskonzepte und Polizeischutz sowie den Handlungsmöglichkeiten zum Schutz von Mitarbeiter*innen. Dabei ist klar: die dazu notwendigen Ressourcen fehlen für die eigentliche Jugendarbeit sowie die selbstorganisierten und selbstbestimmten Aktivitäten junger Menschen in Jugendgruppen, Jugendverbänden und Jugendringen, welche durch die extreme Rechte bedroht und angegriffen wird.
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Dieser Artikel wurde vom Deutschen Bundesjugendring am 02.03.2026 erstveröffentlicht. Wir danken für die freundliche Genehmigung der Übernahme.
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