Deutscher Bundesjugendring

Solidarität mit Jugendorganisationen in der Türkei

In der Türkei sind am 12. und 13. September zahlreiche LGBTQIA+ Organisationen, Menschenrechtsverteidiger*innen und Aktivist*innen Ziel staatlicher Maßnahmen geworden. Durchsuchungen, Festnahmen und die Sperrung digitaler Zugänge treffen zivilgesellschaftliche Organisationen und insbesondere die LGBTQIA+ Community.

18.09.2026

Der Deutsche Bundesjugendring (DBJR) erklärt sich solidarisch mit seinem türkischen Partnerjugendring GoFor und den betroffenen Mitgliedsorganisationen und fordert die unverzügliche Freilassung der inhaftierten Aktivist*innen.

In der Nacht vom 12. auf den 13. September wurden im Rahmen mehrerer Ermittlungsverfahren in 15 Provinzen der Türkei Durchsuchungen und Festnahmen durchgeführt. Nach Angaben des türkischen Justizministers wurden Ermittlungsverfahren gegen 162 Personen sowie neun Vereine und 13 Unternehmen eingeleitet. Nach Medienberichten wurden mindestens 47 Personen festgenommen. Die genauen Zahlen und der Umfang der einzelnen Verfahren werden derzeit noch überprüft.

Von den Maßnahmen sind auch Mitgliedsorganisationen des nationalen Jugendrings GoFor betroffen. Dazu gehören GençLGBTİ+ und KAOS GL. Bei KAOS GL wurden Mitglieder des Vorstands und des Kontrollgremiums sowie deren Ersatzmitglieder festgenommen. Auch die Räumlichkeiten der Organisation wurden durchsucht [1]. Bereits am 12. September waren die Websites und Social-Media-Accounts zahlreicher LGBTQIA+ Organisationen, Medien, Studierendengruppen und Aktivist*innen blockiert worden. Auch digitale Zugänge von GoFor waren betroffen.

Die türkischen Behörden begründen die Ermittlungen unter anderem mit Vorwürfen im Zusammenhang mit Prostitution und „Obszönität“ sowie mit der angeblichen Beeinflussung Minderjähriger in Fragen sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität. Auch die Finanzierung der betroffenen Organisationen wird untersucht. Justizminister Akın Gürlek verwies dabei auf die Finanzierung von Organisationen aus dem Ausland und kündigte an, deren Herkunft und Zusammenhang mit den untersuchten Aktivitäten zu prüfen. [2] Diese Maßnahmen insbesondere gegen LGBTQIA+ Organisationen und Aktivist*innen sind explizit in Zusammenhang mit der Familienpolitik der türkischen Regierung zu betrachten, die laut dem Türkiye Report der EU Kommission [3] von 2025 seit 2024 mit dem „Vision for strengthening the family“ Dokument die „traditionelle Familie“ ins Zentrum staatlicher Politik stellt und „gender ideology“ als eine wesentliche Bedrohung für die Familie behandelt.

GoFor und Menschenrechtsorganisationen bewerten das Vorgehen als staatlich gelenkte Diskriminierung und weiteren Abbau zivilgesellschaftlicher Handlungsspielräume. Die gezielte Untersuchung ausländischer Finanzierungen ist dabei besonders relevant: In der Türkei gibt es bislang kein formelles „Foreign Agent“-Gesetz. Kritiker*innen beobachten jedoch eine de-facto-Anwendung entsprechender Mechanismen, bei der ausländische Finanzierung als Verdachtsmoment gegen zivilgesellschaftliche Organisationen herangezogen wird. GoFor weist bereits seit Längerem darauf hin, dass Jugendorganisationen aufgrund ihrer begrenzten finanziellen Ressourcen auf internationale Förderung angewiesen sind und ausländische Finanzierung zugleich zu verstärkter staatlicher Kontrolle führen kann [4].

Özge Erdoğan, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Bundesjugendrings:
„Es ist inakzeptabel, dass junge Menschen und Menschenrechtsverteidiger*innen in der Türkei durch Verhaftungen und Repressionen zum Schweigen gebracht werden sollen. Wir stehen solidarisch an der Seite von GoFor, seinen Mitgliedsorganisationen und allen jungen Menschen sowie allen Menschen, die sich für die Rechte von LGBTQIA+ und für weitere Menschenrechte einsetzen. Wir schließen uns der Forderung von GoFor nach der unverzüglichen Freilassung der Inhaftierten an. Junge Menschen und ihre Organisationen brauchen freie Räume, um sich einzumischen und Gesellschaft mitzugestalten – diese Räume müssen geschützt werden.“

Der unabhängige türkische Jugendring GoFor setzt sich seit seiner Gründung vor zehn Jahren für Demokratie, Menschenrechte und die Beteiligung junger Menschen in der Türkei ein. Der DBJR steht fest an der Seite seines Partnerjugendrings GoFor und der jungen Menschen in der Türkei, die sich für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte einsetzen.

Die aktuellen Vorgänge sind auch vor dem Hintergrund des bereits länger zunehmenden Drucks auf LGBTQIA+ Organisationen und andere zivilgesellschaftliche Akteur*innen in der Türkei zu sehen. Sie zeigen deutlich, wie sich zivilgesellschaftliche Handlungsspielräume verengen, wenn Organisationen unter politischen Druck geraten, internationale Finanzierung zum Gegenstand staatlicher Ermittlungen wird, digitale Kommunikationsräume eingeschränkt und Vertreter*innen von Organisationen festgenommen werden.

Statement des DBJR Vorstands (PDF: 53,5 KB)

[1] Tagesschau24, 14.09.2026, Online verfügbar.

[2] The Associated Press, 13.09.2026, „Turkish authorities launch crackdown on LGBTQ+ and HIV support groups“, Online verfügbar.

[3] EU Kommission, November 2025, „Türkiye Report 2025“, Online verfügbar.

[4] GoFor, November 2024, „4th Cycle of the Universal Periodic Review of Republic of Türkiye. Stakeholder Report.“ (PDF: 360 KB)