Leitveranstaltung 18. DJHT

Satt und sicher – aber auch gesund? Gesundheits(förderung) und Lebenslagen in stationären Einrichtungen der Erziehungshilfe

Am 14. Mai 2025 fand die Veranstaltung „Satt und sicher – aber auch gesund?“ im Rahmen des 18. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetags in Leipzig statt. Sie beleuchtete die Bedeutung von Gesundheitsförderung in stationären Einrichtungen. Expert*innen und junge Menschen diskutierten Gesundheit als ganzheitliches Konzept, das Selbstbestimmung, emotionale Sicherheit und Zugehörigkeit umfasst.

21.07.2025

Am 14. Mai 2025 fand im Rahmen des 18. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetags die vom AGJ-Fachausschuss VI „Hilfen zur Erziehung, Familienunterstützende und Sozialpädagogische Dienste“ organisierte Leitveranstaltung „Satt und sicher – aber auch gesund? Gesundheits(förderung) und Lebenslagen in stationären Einrichtungen der Erziehungshilfe“ statt. Ziel war, die Bedeutung von Gesundheitsförderung in stationären Erziehungshilfen zu beleuchten, aktuelle Herausforderungen sichtbar zu machen und Impulse für eine nachhaltige, strukturelle Verankerung zu geben.

Zum Einstieg bot eine Audioaufnahme eines jungen Menschen aus der stationären Jugendhilfe einen persönlichen Einblick in das subjektive Erleben von Wohlbefinden und Gesundheit. Mia Scholten (Kinder- und Jugendrat der Graf Recke Stiftung) vertiefte diesen Eindruck in einem Kurzimpuls. Sie schilderte, wie sie Gesundheit in einer stationären Intensivwohngruppe erlebt und was aus ihrer Sicht zu einem gesunden Aufwachsen beiträgt.

Nach der Begrüßung durch das Moderationsteam, Dr. Björn Hagen (Evangelischer Erziehungsverband e.V.) und Katja Albrecht (Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen e.V.), folgte eine digitale Publikumsumfrage zur Gesundheitsförderung in stationären Einrichtungen. Ergänzt wurde diese durch persönliche Statements junger Menschen (Care Receiver*innen und Care Leaver*innen) zum Thema Wohlbefinden und Gesundheitsförderung in der Kinder- und Jugendhilfe, die teilweise per Audio eingebunden wurden. Besonders deutlich wurde hierbei: Gesundheit wird als umfassendes Erleben verstanden – geprägt von Selbstbestimmung, emotionaler Sicherheit, Zugehörigkeit und einer positiven Alltagsgestaltung. Gleichzeitig berichteten die jungen Menschen u. a. von widersprüchlichen Anforderungen, defizitorientierten Zuschreibungen und fehlenden Beteiligungsmöglichkeiten.

Im anschließenden Vortrag stellte Dr. Björn Hagen Gesundheitsförderung als mehrdimensionalen Auftrag auf Mikro-, Meso- und Makroebene vor. Dabei verknüpfte er theoretische Konzepte wie Salutogenese und Resilienz mit Ergebnissen wissenschaftlicher Studien (z. B. 13. Kinder- und Jugendbericht, KiGGS, CLS).

Nachfolgende Praxisbeiträge zeigten konkrete Ansätze: Andrea Soujon präsentierte das Projekt „Die Bunten Hunde“ (SOS-Kinderdorf e. V.), das mentale Resilienz fördert. Dr. Matthias Hamberger (kit jugendhilfe) betonte die Bedeutung gesundheitsförderlicher Arbeitsbedingungen für Fachkräfte. Susan Gebhardt und Annett Roßmann (Kinderarche Sachsen e. V.) stellten ein partizipativ entwickeltes Ernährungskonzept vor. Lana Kaiser (basis & woge e. V.) berichtete über die gesundheitliche Versorgung wohnungsloser junger Menschen.

In der abschließenden Podiumsdiskussion kamen Perspektiven aus Wissenschaft, (Fach-)Praxis und junger Selbstvertretung zusammen. Es diskutierten Prof. Dr. Carmen Hack (Fachhochschule Kiel, Bundesarbeitsgemeinschaft Allgemeiner Sozialer Dienst – BAG ASD), Carola Hahne (Venito – Diakonische Gesellschaft für Kinder, Jugendliche und Familien), Mia Scholten (Kinder- und Jugendrat der Graf Recke Stiftung), Dr. Mike Seckinger (Deutsches Jugendinstitut e. V.) sowie Vicky Ulrich-von der Weth (Vorstandsmitglied des Careleaver e. V., Mitglied im Leitungsteam des Careleaver e. V. Österreich, intersektionale Kinderrechtsaktivistin).

Im Zentrum standen Fragen nach subjektivem Gesundheitsverständnis, dem Einfluss von Armut, Zugangsbarrieren im Gesundheitssystem und strukturellen Herausforderungen in stationären Einrichtungen, wie bspw. starre Gruppenregeln oder fehlende Ausdrucksmöglichkeiten. Deutlich wurde: Gesundheitsförderung gelingt insbesondere dort, wo junge Menschen aktiv mitgestalten können, Alltagsstrukturen als sinnstiftend erlebt werden und verlässliche Beziehungen bestehen. Gesundheit ist mehr als ein medizinischer Zustand – sie umfasst Selbstwirksamkeit, Zugehörigkeit, Kohärenz und Teilhabe. Zugleich machten die Beiträge einen erheblichen Handlungsbedarf sichtbar. Gefordert sind verbindliche Beteiligungskonzepte, fachliche Qualifizierung, tragfähige strukturelle Rahmenbedingungen und eine stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Kinder- und Jugendhilfe, Gesundheitswesen und weiteren relevanten Akteuren.

Die Veranstaltung unterstrich eindrücklich: Gesundheitsförderung ist kein Zusatzauftrag, sondern zentraler Bestandteil professioneller Praxis in der stationären Erziehungshilfe und eine wesentliche Voraussetzung für gelingende Hilfeprozesse sowie für eine Kinder- und Jugendhilfe, die junge Menschen schützt, stärkt und Teilhabe ermöglicht.

Text: Monique Sauer, Referentin im Fachausschuss VI „Hilfen zur Erziehung, Familienunterstützende und Sozialpädagogische Dienste“ der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ

Redaktion: Zola Kappauf