Studieren ohne Abi

Öffnung der Hochschulen ermöglicht mehr Bildungsteilhabe und -gerechtigkeit

Studenten hören einen Vortrag in einer Vorlesung im Hörsaal.

Immer mehr Menschen ohne Abitur nehmen ein Studium auf. Aber es gibt auch immer noch sehr viele, die nicht wissen, wie vielfältig die Möglichkeiten sind, eine Hochschulzugangsberechtigung zu erwerben. Zwei Lehramtsstudentinnen der Pädagogische Hochschule Karlsruhe (PHKA) berichten, wie sie ihr Ziel erreicht haben. Und machen Mut, auch ungewöhnliche Bildungswege zu gehen.

25.04.2022

Die meisten Studierenden, die ein grundständiges Studium beginnen, haben Abitur gemacht. Besitzen also die allgemeine Hochschulreife, die zum Studium aller Fachrichtungen an allen Hochschulen berechtigt. Aber auch wer eine berufliche Qualifikation mit Aufstiegsfortbildung oder Eignungsprüfung vorweisen kann oder etwa die fachgebundene Hochschulreife und Fachhochschulreife samt Deltaprüfung bestanden hat, kann in Baden-Württemberg an allen Hochschulen ein Studium aufnehmen. Sich also unter anderem auch um die Zulassung zum Lehramtsstudium für die Grundschule oder die Sekundarstufe I bewerben. An der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe (PHKA) beträgt der Anteil an Studenten und Studentinnen mit fachgebundener Hochschulreife oder Fachhochschulreife mittlerweile nahezu zehn Prozent.

Mit Fachhochschulreife und Deltaprüfung

Alisa Marie Schuff, Lehramtsstudentin Grundschule im ersten Semester mit den Fächern Deutsch und Technik, zählt zu diesen zehn Prozent. Ihr war schon länger klar, dass sie beruflich „in Richtung Erziehung gehen“ möchte. Aber mit dem Abi an einem sozialwissenschaftlichen Gymnasium, das sie nach ihrem Realschulabschluss bis zur 12. Klasse besucht hatte, klappte es aus gesundheitlichen Gründen nicht. Also entschied sie sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) an einer Gemeinschaftsschule und lag damit goldrichtig. „Hier habe ich entdeckt, wie viel Freude mir die Arbeit mit Grundschulkindern bereitet, wie toll es ist, sie auf ihrem Weg zu begleiten“, berichtete die 22-Jährige.

Nach ihrem FSJ und mit der zuvor absolvierten ersten Jahrgangsstufe des gymnasialen Kurssystems, hatte sie schließlich die Fachhochschulreife in der Tasche. Und war damit ihrem „absoluten Traumberuf Grundschullehrerin“ ein großes Stück nähergekommen. Jetzt fehlte nur noch die Deltaprüfung in Mannheim, um sich um einen Studienplatz bewerben zu können. Auch diesen Schritt hat Alisa Schuff erfolgreich gemeistert und fühlt sich als Studentin an der PHKA sehr wohl. „Man muss sein Ziel fest vor Augen haben, dann kann man einiges schaffen“, macht sie anderen Mut, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, die das Bildungssystem bietet.

Schülerinnen und Schüler mit anderen Augen sehen

Dafür, dass mehr Menschen von ihrem Recht Gebrauch machen ohne Abitur zu studieren, plädierte auch Dr. André Epp:

Menschen, die ohne Abitur ein Lehramtsstudium absolvieren, bringen Erfahrungen mit, die sie dazu befähigen ihre zukünftigen Schülerinnen und Schüler mit anderen Augen zu sehen als viele andere Lehrkräfte“, sagte der Erziehungswissenschaftler, der an der PHKA unter anderem zu sozialer Ungleichheit, Bildungsungerechtigkeit und den Übergängen im Bildungssystem forscht. „Die Öffnung von Hochschulen im Hinblick auf den Hochschulzugang für beruflich qualifizierte Bewerber und Bewerberinnen ohne schulische Zugangsberechtigung trägt nicht nur der Individualisierung von Bildungswegen und dem Lebenslangen Lernen Rechnung, sondern wirkt sich ebenso auf die Diversifizierung von Hochschulen aus und ermöglicht mehr Bildungsteilhabe und Bildungsgerechtigkeit."

Mit Ausbildung und Berufserfahrung

Von dieser Öffnung der Hochschulen profitiert auch Petra Dörr als beruflich Qualifizierte. Die 35-Jährige, die mit vier Jahren nach Deutschland kam, studiert ebenfalls Grundschullehramt (Mathe und Technik) im ersten Semester an der PHKA und blickt auf insgesamt acht Jahre Berufserfahrung zurück. Ihren Bildungsweg setzte sie nach der Primarstufe zunächst an einer Hauptschule fort. Von dort wechselte sie auf die Realschule und machte ihre Mittlere Reife. Darauf folgte die Ausbildung zur Fertigungsmechanikerin mit anschließender Berufspraxis, bevor sie sich entschied an einem Berufskolleg die Fachhochschulreife zu erwerben und schließlich noch eine Ausbildung zur Maschinenbautechnikerin obendrauf zu satteln.

Als ich jünger war, hatte ich nicht den Ehrgeiz zu lernen“, erzählte die Mutter einer zweijährigen Tochter. „Aber jetzt bin ich bereit zu studieren und fühle mich hier an der Hochschule willkommen.“ Das Studium mit Kind erfordere eine vorausschauende Organisation, aber sie erfahre viel Wertschätzung dafür.

Anfangs hatte ich Zweifel, ob ich zu alt bin oder mein Bildungsstand ausreicht. Aber ich kann das Studium nur empfehlen und freue mich darauf, Kinder später dabei zu unterstützen, den Grundstein für ihre Bildung zu legen“, sagte die angehende Grundschullehrerin.

Über die Pädagogische Hochschule Karlsruhe

Als bildungswissenschaftliche Hochschule mit Promotions- und Habilitationsrecht forscht und lehrt die Pädagogische Hochschule Karlsruhe (PHKA) zu schulischen und außerschulischen Bildungsprozessen. Ihr unverwechselbares Profil prägen der Fokus auf Bildung in der demokratischen Gesellschaft, Bildungsprozesse in der digitalen Welt sowie MINT in einer Kultur der Nachhaltigkeit. Rund 220 in der Wissenschaft Tätige betreuen rund 3.600 Studierende. Das Studienangebot umfasst Lehramtsstudiengänge für die Primarstufe und die Sekundarstufe I sowie Bachelor- und Masterstudiengänge für andere Bildungsfelder. Die berufsbegleitenden Weiterbildungsangebote zeichnen sich durch ihre besondere Nähe zu Forschung und Praxis aus.

Quelle: Pädagogische Hochschule Karlsruhe vom 21.02.2022

Redaktion: Pia Kamratzki

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