Interview
„Niemand von uns ist allein mit den Ängsten dieser Zeit."
Das deutsch-tschechische Fachforum in Leipzig thematisiert Nachhaltigkeit, Demokratie und Engagement. Klima- und Menschenrechtsaktivist Jakob Springfeld, bekannt durch sein Engagement gegen Rechtsextremismus, wird aus seinem Buch lesen und diskutieren. Im Interview betont er die Bedeutung politischer Bildung und sozialer Gerechtigkeit für eine starke Zivilgesellschaft.
18.11.2025
Nachhaltigkeit, Demokratie und Engagement – das sind die Themen des diesjährigen deutsch-tschechischen Fachforums, das vom 21. bis 23. November 2025 in Leipzig stattfindet.
Einer der besonderen Gäste: der Klima- und Menschenrechtsaktivist Jakob Springfeld, bekannt durch sein Buch „Unter Nazis. Jung, ostdeutsch, gegen Rechts“. In einer Lesung aus seinem neusten Buch „Der Westen hat keine Ahnung, was im Osten passiert" und einer Diskussion am Samstagmorgen (22. November) teilt er seine Perspektive auf Zivilcourage, gesellschaftliche Verantwortung und die Rolle junger Menschen in einer demokratischen Gesellschaft.
Die Tandem-Redaktion hat vorab ein Interview mit Jakob Springfeld geführt. In dem Interview spricht er über seine Motivation, die Herausforderungen des Engagements in Ostdeutschland – und darüber, warum politische Bildung, soziale Gerechtigkeit und Zusammenhalt entscheidend für eine nachhaltige Zivilgesellschaft sind.
Jakob Springfeld im Gespräch
Jakob Springfeld, wie wichtig ist, Ihrer Meinung nach, das Engagement junger Menschen in der heutigen Zivilgesellschaft?
„Wer schweigt, stimmt zu - das galt und gilt nach wie vor. In Zeiten, in denen es normal geworden ist, extrem-rechte Parteien zu unterstützen, ist jede*r gefragt, um klare Kante zu zeigen – nicht nur, aber natürlich auch, die jungen Menschen. Auch heute kann es schon schwer sein, sich klar zu positionieren. Doch wir müssen uns bewusstwerden, dass es nur noch schwerer wird, je länger wir schweigen. In Initiativen, Vereinen oder Parteien aktiv zu werden, ist übrigens nicht nur bedrohlich und herausfordernd, sondern macht auch Spaß, schafft Gemeinschaft und bringt neue Freundschaften.“
Gibt es so etwas wie einen typischen Auslöser für junge Leute, sich politisch zu engagieren?
„Menschen, die Diskriminierung erleben, haben keine Wahl: Sie sind permanent mit dem gesellschaftlichen Rechtsruck konfrontiert und müssen zwangsläufig einen Umgang damit finden. Auch das ist politisch. Privilegierte Menschen wie ich können sich da fein raushalten und ihre Klappe halten. Spätestens als ich mehr mit Leuten zu tun hatte, für die Diskriminierung zur bitteren Normalität gehört, habe ich aber gemerkt, dass ich, auf gut deutsch gesagt, ein ziemlich großes Arschloch sein müsste, wenn ich mich jetzt weiter zurücknehme. Offenheit und Austausch mit Menschen in anderen Lebenssituationen schärfen die Bereitschaft, seine Verantwortung wahrzunehmen.“
Welche Reaktionen haben Ihr Buch „Unter Nazis. Jung, ostdeutsch, gegen Rechts“ ausgelöst?
„Einerseits erneut Anfeindungen – Lesungen, die von der Polizei oder Securitys geschützt werden mussten und eine Menge Hassnachrichten. Andererseits Zuspruch, konstruktive Kritik und Lesungen, an den unterschiedlichsten Orten dieses Landes: in Schulen, bei der Bundeswehr, in Literaturhäusern, Betrieben oder Gewerkschaften. Durch jede dieser Veranstaltungen habe ich Menschen kennengelernt, die, oft auch in kleinen Orten, Widerständen trotzen und sich klar demokratisch und antifaschistisch positionieren. Das macht mir Mut, gibt Kraft und zeigt, dass niemand von uns allein ist mit den Ängsten dieser Zeit.“
Was wünschen Sie sich für eine nachhaltige und starke Zivilgesellschaft?
„Eine Politik, die von den Ursachen aus denkt und nicht nur plump populistisch nach Rechtsaußen abdriftet. Wer sich über Kriminalität beschwert und parallel dazu Sozialstaatskürzungsdebatten führt oder die Mittel für integrative Maßnahmen streicht, macht sich unglaubwürdig. Wer sich oberflächlich über den Aufstieg der Extremrechten ausspricht ,aber die Ursachen aus dem Blickfeld nimmt - ich denke zum Beispiel an ökonomische Ungleichheit, das große Defizit an politischer Bildung oder die Übernahme von extrem-rechten Narrativen – sorgt nicht dafür, dass den Extremrechten langfristig der Nährboden entzogen wird. Um diese Verhältnisse zu verändern, brauchen wir eine breite Zivilgesellschaft, die, gerade jungen Leuten, einen einfachen Einstieg bietet, auch ohne zuvor das große Privileg von politischer Bildung genossen zu haben.“
Herzlichen Dank für das Interview.
Über Jakob Springfeld
Jakob Springfeld ist Student und 2002 in Zwickau geboren und aufgewachsen. Als Klima- und Menschenrechtsaktivist engagiert er sich für einen solidarisches Miteinander und gegen Rechtsextremismus. In Stuttgart erhielt er die Theodor-Heuss-Medaille für besonderes Engagement für Demokratie und Bürgerrechte. ZEIT-Campus hat ihn zu den 100 wichtigsten Ostdeutschen ernannt. Am 31. Januar 2025 erschien sein neues Buch „Der Westen hat keine Ahnung, was im Osten passiert - Warum das Erstarken der Rechten eine Bedrohung für uns alle ist.”
Quelle: Tandem - Koordinierungszentrum Deutsch-Tschechischer Jugendaustausch vom 15.10.2025
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