Studie
Kindesmisshandlung kann Vertrauen in eigene Körperwahrnehmung beeinträchtigen
Ein Team von Forschenden der TU Dresden und der FU Berlin hat in einer Meta-Analyse den Zusammenhang zwischen Kindesmisshandlung und innerer Körperwahrnehmung, der sogenannten Interozeption, untersucht. Die Ergebnisse wurden nun in der Fachzeitschrift „Nature Mental Health“ veröffentlicht.
14.07.2025
Stress schlägt mir auf den Magen. Diesen Satz kennen nicht nur viele Studierende in der Prüfungszeit. Die Psychologie beschreibt das zugrundeliegende Phänomen mit der sogenannten Interozeption. Das ist die Fähigkeit, innere Körpersignale wie Herzschlag, Atmung oder Magenaktivität wahrzunehmen und zu interpretieren. Diese Fähigkeit spielt eine zentrale Rolle für Emotionen, Stressregulation und körperliches Wohlbefinden. In der Wissenschaft ist die Entstehung und Bedeutung der Interozeption bisher noch sehr wenig verstanden. Immer mehr Studiendaten deuten jedoch darauf hin, dass es ein wichtiger gemeinsamer Risikofaktor für verschiedene psychische und somatische Erkrankungen ist.
Das Team der Professur für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie der TU Dresden unter Leitung von Prof.in Anna-Lena Zietlow hat nun in einer Meta-Analyse wissenschaftliche Studien zusammenfassend untersucht, um herauszufinden, ob es einen Zusammenhang zwischen Kindesmisshandlung und veränderter Interozeption gibt und wenn ja, welche Arten von Kindesmisshandlung besonders stark damit verbunden sind.
Das Forschungsteam analysierte dafür Daten aus 17 Studien mit insgesamt 3.705 Teilnehmenden. Über alle Studien hinweg zeigte sich kein einheitlicher Zusammenhang zwischen Interozeption und Missbrauchs- und Misshandlungserfahrungen in der Kindheit. Betroffene solcher Erfahrungen haben jedoch ein vermindertes Vertrauen in die eigenen Körperwahrnehmungen, insbesondere bei emotionalen Misshandlungs- und Vernachlässigungserfahrungen.
Erstautorin Julia Ditzer erläutert:
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Menschen, die in ihrer Kindheit emotionalen Missbrauch oder emotionale Vernachlässigung erlebt haben, häufig über weniger Vertrauen in ihren eigenen Körper berichten. Dies kann weitreichende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben, da es z.B. die Emotionsregulation, die Wahrnehmung eigener Bedürfnisse sowie die Stressverarbeitung beeinträchtigen kann. Dies könnte ein Erklärungsansatz dafür sein, warum Betroffene von Missbrauchs- und Misshandlungserfahrungen ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung psychischer Störungen wie Angststörungen, Depressionen oder Essstörungen aufweisen.“
Dr. Ilka Böhm, Mitarbeiterin an der Professur für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie, ergänzt:
„Trotz der langfristigen Folgen, wird diesen Formen der Kindesmisshandlung bisher nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt. Im Gegensatz zu körperlicher oder sexueller Misshandlung sind sie weniger sichtbar.“
Prof. Dr. Anna-Lena Zietlow betont:
„Wir hoffen, dass unsere Forschung dazu beiträgt, emotionale Misshandlung und Vernachlässigung stärker ins öffentliche und fachliche Bewusstsein zu rücken. Kinder benötigen nicht nur Schutz vor körperlicher Gewalt, sondern ebenso eine verlässliche und feinfühlige emotionale Zuwendung. Ihren emotionalen Bedürfnissen sollte sowohl in der Gesellschaft als auch in der Forschung und in präventiven Maßnahmen deutlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.“
Anknüpfend an die Ergebnisse der Meta-Analyse führt das Team nun eine Studie zum Zusammenhang von Kindesmisshandlung und Interozeption bei Jugendlichen zwischen 12-17 Jahren durch.
Quelle: Technische Universität Dresden vom 07.07.2025
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