Beziehung
Jede*r dritte Jugendliche wird gegenüber den Eltern körperlich aggressiv
Eine Langzeitstudie der Universität Zürich zeigt, dass 32,5% der Jugendlichen zwischen 11 und 24 Jahren mindestens einmal gegenüber ihren Eltern körperlich aggressiv waren. Risikofaktoren sind elterliche Konflikte und ADHS, während ein unterstützendes Umfeld und konstruktive Konfliktbewältigung das Risiko senken. Prävention sollte frühzeitig bei Eltern und Kindern ansetzen.
12.02.2026
Körperliche Aggressionen von jungen Menschen gegenüber ihren Eltern geschehen recht häufig – und sind trotzdem ein Tabu. Betroffene schämen sich oft und suchen keine Hilfe und wollen ihre Kinder vor Konsequenzen schützen. Nun zeigt eine Langzeitstudie der Universität Zürich (UZH) erstmals, wie sich dieses Verhalten von der frühen Jugend bis ins junge Erwachsenenalter entwickelt – und welche Faktoren das Risiko erhöhen oder senken können.
Die Untersuchung basiert auf dem Zürcher Projekt zur sozialen Entwicklung von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter (z-proso), das von Manuel Eisner, Denis Ribeaud und Lilly Shanahan am „Jacobs Center for Productive Youth Development" der UZH geleitet wird. In der Studie wurden über 1500 junge Menschen von der frühen Adoleszenz bis ins junge Erwachsenenalter begleitet.
Ein Drittel ist mindestens einmal körperlich aggressiv
32,5 Prozent der Teilnehmenden gaben an, ihre Eltern mindestens einmal zwischen dem 11. und 24. Lebensjahr körperlich angegriffen zu haben – etwa durch Schlagen, Treten oder das Werfen von Gegenständen. Am häufigsten geschah dies bei den 13-Jährigen. In diesem Alter zeigten rund 15 Prozent der Befragten ein solches Verhalten. Danach nahm die Häufigkeit ab und stabilisierte sich im jungen Erwachsenenalter bei etwa 5 Prozent.
„Dass ein Drittel der Jugendlichen im Laufe der Adoleszenz aggressiv gegenüber den Eltern wird, mag auf den ersten Blick überraschen. Doch meist handelt es sich um einzelne Vorfälle – wohl häufig im Kontext eskalierender Eltern-Kind-Konflikte während der Pubertät. Es betrifft also nicht systematische Gewalt und auch nicht ein individuelles Versagen",
sagt Lilly Shanahan. Dennoch sei besorgniserregend, dass zwei von fünf der Betroffenen dieses aggressive Verhalten zu mehreren Zeitpunkten zeigen.
Elterliche Konflikte und ADHS stärken das Risiko
Was führt dazu, dass Jugendliche gegenüber ihren Eltern tätlich werden? Das Bildungsniveau oder der sozioökonomische Status der Familie scheinen keinen signifikanten Einfluss zu haben. „Kind-Eltern-Aggressionen betreffen alle Gesellschaftsschichten gleichermassen. Es ist kein Problem bestimmter sozialer Milieus oder eines einzelnen Geschlechts.",betont Erstautorin und Postdoktorandin Laura Bechtiger.
Dennoch bestehen mehrere Risikofaktoren unabhängig von einer generellen Aggressionsneigung der Kinder: Körperliche Bestrafung und verbale Aggression durch die Eltern erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass ein „Kreislauf der Gewalt" innerhalb der Familie entsteht und aggressive Verhaltensweisen vorgelebt werden. Auch häufige elterliche Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten tragen dazu bei, dass die eigenen Kinder ähnliche Konfliktmuster übernehmen. Weiterhin haben Jugendliche mit Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssymptomen (ADHS) eine höhere Wahrscheinlichkeit, da sie häufig Schwierigkeiten mit der Impulskontrolle haben und von ihren Eltern vielleicht ungeduldiger behandelt werden.
Kompetente Konfliktbewältigung und gutes Umfeld schützen
Die gute Nachricht: Bestimmte Faktoren können das Risiko deutlich senken, dass Jugendliche gegenüber ihren Eltern körperlich aggressiv werden: Kinder, die gelernt haben, mit negativen Emotionen und Konflikten konstruktiv umzugehen, zeigen eine geringere Tendenz zur Gewaltbereitschaft. Ein unterstützendes Erziehungsumfeld – also Eltern, die sich aktiv am Leben ihrer Kinder beteiligen, Interesse zeigen und emotionale Unterstützung bieten – reduziert ebenfalls die Bereitschaft. Auch frühe Prävention könnte gemäss den Forschenden die Wahrscheinlichkeit von Gewaltausbrüchen senken.
„Konflikte zwischen Eltern und Jugendlichen sind normal und sogar wichtig für die Entwicklung. Einzelne kleinere Ausraster in der Pubertät sollte man reflektieren, sie sind aber nicht unbedingt Grund zur Sorge – ein Muster hingegen schon: Wiederholte körperliche Aggression und deren steigende Intensität sind ebenso Warnsignale wie mangelnde Reue oder aggressives Verhalten auch ausserhalb der Familie.",
erklärt Denis Ribeaud, Ko-Direktor von z-proso.
Frühe Prävention ist wichtig
Bei den 24-Jährigen zeigen mit rund fünf Prozent verhältnismässig wenige Befragte ein körperlich aggressives Verhalten, dennoch ist der Anteil bemerkenswert. Wiederholen sich solche tätlichen Angriffe bis ins junge Erwachsenenalter, steigt das Risiko, dass diese auch später fortgeführt werden – mit entsprechenden psychosozialen Folgen.
„Präventionsmassnahmen sollten früh ansetzen: sowohl bei den Eltern als auch bei den Kindern. Eltern müssen lernen, weniger auf körperliche Bestrafung zu setzen und ein unterstützendes, konstruktives Familienklima zu schaffen. Und Kinder sollten dabei unterstützt werden, sich idealerweise bereits im (Vor)schulalter Strategien zur Regulierung ihrer Emotionen und konstruktiven Konfliktlösungen anzueignen.",
sagt der Soziologe Manuel Eisner.
Quelle: Universität Zürich vom 02.02.2026
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