Bildungstrends

Gezielte Maßnahmen zur Sicherung der Mindeststandards sind notwendig

Die neue Studie des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen – der „IQB-Bildungstrend 2021“ – untersucht den Bildungsstand von Viertklässlern in den Fächern Deutsch und Mathematik. Das Ergebnis: Die Kompetenzen der Viertklässler sind gegenüber den Ergebnissen aus den Jahren 2011 und 2016 bundesweit deutlich zurückgegangen. Der negative Trend hat sich seit 2016 sogar verstärkt.

07.11.2022

Das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) hatte zum dritten Mal im Auftrag der Kultusministerkonferenz untersucht, inwieweit Viertklässlerinnen und Viertklässler die bundesweit geltenden Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz (KMK) in den Fächern Deutsch und Mathematik für den Primarbereich in den Ländern erreichen. Die Daten zum IQB-Bildungstrend 2021 wurden zwischen April und August 2021 erhoben, ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie.

Der Anteil der leistungsstarken Schülerinnen und Schüler, die den Regelstandard erreichen oder übertreffen, hat in beiden Fächern abgenommen. Zugleich hat der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die den Mindeststandard nicht erreichen und damit ein hohes Risiko für einen weniger erfolgreichen Bildungsweg aufweisen, in allen Kompetenzbereichen teils deutlich zugenommen.

Die geschlechtsbezogenen Disparitäten sind im Fach Deutsch stabil geblieben, sie haben jedoch im Fach Mathematik zu Lasten der Mädchen geringfügig zugenommen. Die Daten belegen auch in der bundesweiten Betrachtung eine Verstärkung des Zusammenhangs zwischen sozialem Hintergrund der Kinder und erreichtem Kompetenzniveau (soziale Disparitäten). Zudem fallen die Kompetenzeinbußen für Kinder mit Zuwanderungshintergrund – insbesondere für Kinder der ersten Generation, die selbst im Ausland geboren sind – überwiegend größer aus als für Kinder ohne Zuwanderungshintergrund. Bei insgesamt sinkendem Kompetenzniveau haben sich die zuwanderungsbezogenen Disparitäten in allen Bereichen verstärkt.

Die erreichten Kompetenzen hängen auch bedeutsam mit Merkmalen der Lernumgebung während der pandemiebedingten Schulschließungen zusammen, insbesondere mit der räumlichen und technischen Ausstattung zu Hause. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass zwar der überwiegende Teil der Kinder zu Hause über gute Lernbedingungen verfügte, eine mangelnde Ausstattung den Lernerfolg aber beeinträchtigt haben kann.

Zentrale Ergebnisse der Studie 

Allgemein

  • Im Lesen im Fach Deutsch beträgt der Mittelwert der erreichten Kompetenzen im Jahr 2021 in Deutschland insgesamt 471 Punkte (2016: 493; 2011: 500), im Zuhören 456 Punkte (2016: 484; 2011: 500) und in der Orthografie 473 Punkte (2016: 500; 2011: nicht berichtet). Im Fach Mathematik (Globalskala) werden im Mittel 462 Punkte (2016: 483; 2011: 500) erreicht.
  • Bundesweit fällt der Anteil der Schüler:innen, die im Jahr 2021 den Regelstandard erreichen oder übertreffen, in allen untersuchten Fächern und Kompetenzbereichen signifikant geringer aus als im Jahr 2016: Lesen: -8 Prozentpunkte; Zuhören und Orthografie: -10 Prozentpunkte; Mathematik: -7 Prozentpunkte.
  • Der Anteil der Schüler:innen, die den Mindeststandard verfehlen, hat in allen Bereichen signifikant zugenommen: Lesen: +6 Prozentpunkte; Zuhören und Orthografie: +8 Prozentpunkte; Mathematik: +6 Prozentpunkte.
  • Die erreichten Kompetenzen der Schüler:innen im Jahr 2021 hängen bedeutsam mit den Lernbedingungen während der Coronavirus-Pandemie zusammen, insbesondere mit der räumlichen und technischen Ausstattung zu Hause.
  • Zudem geht ein höherer Anteil an Präsenzunterricht, eine gute Unterstützung beim Lernen im Distanzunterricht durch die Eltern, sowie ein nach Einschätzung der Lehrkräfte besser funktionierender Distanzunterricht mit höheren Kompetenzwerten der Schüler:innen einher.

Geschlechtsbezogene Disparitäten

  • Im Fach Deutsch sind die geschlechtsbezogenen Disparitäten in Deutschland insgesamt und in den Ländern im Vergleich zu den Jahren 2011 und 2016 weitgehend stabil geblieben. In Mathematik ist seit 2016 eine geringfügige Zunahme zu verzeichnen.
  • Mädchen erzielen im Fach Deutsch im Mittel höhere Kompetenzwerte als Jungen, wobei der Kompetenzvorsprung im Bereich Orthografie mit 31 Punkten am größten ist, während er im Zuhören nur 5 Punkte beträgt. Demgegenüber erzielen Jungen im Fach Mathematik Kompetenzwerte, die im Durchschnitt um 25 Punkte höher sind als die der Mädchen.

Soziale Disparitäten

  • Kompetenzrückgänge bei Grundschülerinnen und -schülern aus sozial weniger privilegierten Familien in Deutschland sind insgesamt stärker ausgeprägt als bei Schüler:innen aus sozial privilegierteren Familien.

Zuwanderungsbezogene Disparitäten

  • Im Jahr 2021 weisen insgesamt 38 Prozent der Viertklässler:innen in Deutschland einen Zuwanderungshintergrund auf. Der Anteil von Kindern mit Zuwanderungshintergrund schwankt jedoch erheblich zwischen den Ländern (von rund 12% bis über 58%). Bundesweit hat sich der Anteil von Kindern mit Zuwanderungshintergrund seit dem Jahr 2016 um etwa 5 Prozentpunkte und seit dem Jahr 2011 um knapp 14 Prozentpunkte signifikant erhöht.
  • Eine Steigerung ist insbesondere für den Anteil der Kinder, die nicht in Deutschland geboren sind (erste Generation) zu verzeichnen. Bundesweit ist dieser Anteil gegenüber dem Jahr 2016 um 7 Prozentpunkte auf insgesamt knapp 11 Prozent angestiegen. Innerhalb dieser Gruppe ist mehr als jedes dritte Kind (ca. 40%) fluchtbedingt nach Deutschland gekommen.
  • Am stärksten fallen die Kompetenzrückgänge und die zuwanderungsbezogenen Disparitäten im Zuhören aus. Hier beträgt die Punktdifferenz im Jahr 2021 146 Punkte (erste Generation) bzw. 90 Punkte (zweite Generation) im Vergleich zu Kindern ohne Zuwanderungshintergrund. In der Orthografie fallen die Disparitäten mit 76 Punkten (erste Generation) bzw. 31 Punkten (zweite Generation) am geringsten aus.
  • Bundesweit lassen sich die zuwanderungsbezogenen Disparitäten im Jahr 2021 teilweise auf andere familiäre Hintergrundmerkmale (geringerer sozioökonomischer Status und weniger kulturelles Kapital sowie nicht-deutsche Familiensprache) und ungünstigere Lernbedingungen von Kindern aus zugewanderten Familien während der Corona-Pandemie zurückführen. Dabei bestätigt sich erneut die Rolle der in der Familie gesprochenen Sprache: Kinder, bei denen zuhause nur manchmal oder nie Deutsch gesprochen wird, erreichen bei gleichem sozialen Hintergrund und gleichen pandemiebedingten Lernbedingungen überwiegend deutlich geringere Kompetenzen als Kinder, in deren Familien immer Deutsch gesprochen wird.

Schulzufriedenheit

  • Im Jahr 2021 sind Grundschülerinnen und Grundschüler unverändert überwiegend zufrieden mit ihrer Schule und fühlen sich mehrheitlich gut in ihre Klasse integriert. Dies ist weitgehend unabhängig vom Zuwanderungshintergrund, wobei fluchtbedingt zugewanderte Kinder im Durchschnitt sogar zufriedener sind als ihre Mitschüler:innen.

Hintergrundinformationen zur Studie

Am IQB-Bildungstrend 2021 haben 26.844 Schüler:innen der 4. Jahrgangsstufe in 1.464 Schulen aus allen 16 Ländern teilgenommen. Die Datenerhebung erfolgte zwischen April und August 2021. Trotz pandemiebedingter Einschränkungen im Schulbetrieb konnten die geplanten Tests überwiegend wie geplant durchgeführt werden. Lediglich in Mecklenburg-Vorpommern konnten aufgrund von pandemiebedingten Schulschließungen in Verbindung mit frühen Sommerferien nicht die Teilnahmequoten erreicht werden, die für eine länderspezifische Berichtslegung erforderlich sind.

Im Fach Deutsch wurden die Kompetenzbereiche Lesen, Zuhören und Orthografie getestet. Im Fach Mathematik wurden fünf sogenannte inhaltsbezogene mathematische Kompetenzen bzw. Leitideen überprüft, die sich in einer Globalskala mathematischer Kompetenzen zusammenfassen lassen.

Die Bildungstrends werden auf Grundlage der von der Kultusministerkonferenz vereinbarten Bildungsstandards durchgeführt und richten sich damit stärker an der Lehrplanwirklichkeit und Unterrichtspraxis aus als internationale Erhebungen, an denen Deutschland ebenfalls regelmäßig teilnimmt. Die wissenschaftliche Gesamtverantwortung für den IQB-Bildungstrend 2021 liegt beim Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Petra Stanat.

Den Bericht, eine Zusammenfassung der Ergebnisse sowie weitere Informationen zum IQB-Bildungstrend 2021 finden sich auf der Website des IQB.

Quelle: Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland vom 17.10.2022

Redaktion: Johanna Fock

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