Umfrage

Fast jeder dritte junge Deutsche denkt antisemitisch

Davidstern mit der Aufschrift "Jude" als Teil einer Gedenktafel in der Altstadt von Hildesheim

Der Judenhass in Deutschland hat in der Corona-Pandemie ein alarmierendes Ausmaß erreicht. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Umfrage des Jüdischen Weltkongresses in Deutschland. Insgesamt wurden mehr als 5.000 Menschen befragt, von Ihnen waren mehr als 850 zwischen 18 und 29 Jahren alt.

01.02.2022

Jeder fünfte aller erwachsenen Deutschen denkt antisemitisch. Unter den 18- bis 29-Jährigen ist es sogar jeder Dritte. Zahlreiche Verschwörungstheorien über die Pandemie bedienen sich antisemitischer Vorurteile und richten sich explizit gegen Juden. Das ist das Ergebnis einer von Ronald S. Lauder, Präsident des World Jewish Congress (WJC), in Auftrag gegebenen, repräsentativen Umfrage mit 5.000 Teilnehmern in ganz Deutschland.

„Die Ergebnisse sind alarmierend. Sie zeigen das Ausmaß des Hasses und der Ressentiments gegenüber Juden, insbesondere unter jungen Deutschen. Es ist verstörend zu sehen, wie weit Verschwörungsglaube und antijüdische Vorurteile verbreitet sind“, sagt WJC-Präsident Lauder. „Gleichzeitig schwindet das Wissen über den Holocaust. Die Pandemie wirkt wie ein Brandbeschleuniger: Menschen vergleichen den Holocaust verharmlosend mit Impfungen. Unter dem Deckmantel vermeintlicher Kritik an Corona-Maßnahmen ist Antisemitismus noch gesellschaftsfähiger und damit gefährlicher geworden.“

Corona-Pandemie wirkt wie ein Brandbeschleuniger

Die wichtigsten Ergebnisse der WJC-Umfrage über Antisemitismus:

  • Antisemitismus ist allgegenwärtig: Ein Fünftel aller Befragten gab jeweils mindestens einmal an, dass Juden im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen zu viel Einfluss in den Gesellschaftsbereichen Finanzen, Politik, Medien oder in Konflikten und Kriegen hätten. Unter den 18- bis 29-Jährigen hat sogar fast jeder Dritte eine solche antijüdische Einstellung.
  • Corona-Verschwörungsglaube befeuert Judenhass – und umgekehrt: Viele Mythen um die Covid-19-Pandemie bauen auf antisemitischen Vorurteilen auf: Je rund ein Fünftel aller Befragten denkt, dass Juden eine bessere Impfung bekommen und wirtschaftlich von der Pandemie profitiert hätten. Unter den 18- bis 29-Jährigen ist es sogar jeder Dritte. Junge Menschen, die auch sonst antisemitische Einstellungen äußern, sind für Corona-Verschwörungstheorien besonders anfällig: Rund drei Viertel der antisemitisch denkenden 18- bis 29-Jährigen glauben, dass Covid-19 in einem Labor hergestellt und die Pandemie von einer Gruppe globaler Eliten geplant worden sei.  
  • Holocaust-Wissen nimmt ab: 30 Prozent der Befragten finden, dass Juden den Holocaust nutzen, um ihre „eigene Agenda“ voranzutreiben. 40 Prozent meinen, Juden sprächen zu viel über den Holocaust. Die Hälfte der Bevölkerung denkt, Deutschland habe sich genug für die Wiedergutmachung des Holocausts engagiert. Gleichzeitig fehlt es einer wachsenden Mehrheit der Deutschen an Grundwissen über den Holocaust. 60 Prozent können nicht korrekt sagen, dass sechs Millionen Juden im Holocaust ermordet wurden. 2019 waren es 54 Prozent. Unter den 18- bis 29-Jährigen fehlt inzwischen 71 Prozent dieses Basiswissen.  

Junge Menschen sind sich der Gefahren weniger bewusst

„Am 27. Januar gedenken wir der Millionen Opfer des Holocaust. Dennoch sind Juden in Deutschland heute ständig der Gefahr von Gewalt, Vorurteilen und Hassreden ausgesetzt“, sagt WJC-Präsident Lauder. „Es fällt auf, dass sich die jungen Menschen der Gefahren des Antisemitismus weniger bewusst sind als ältere Erwachsene. Es ist sogar wahrscheinlicher, dass sie antisemitische Ansichten vertreten. Vorurteile und Hass gegen Juden in den Köpfen gerade junger Menschen, ebenso wie Islamophobie und Rassismus, bedrohen die Zukunft der demokratischen Gesellschaft in Deutschland.“

Der WJC-Präsident lobt das Bestreben der neuen Bundesregierung, Antisemitismus zu bekämpfen und Vielfalt und Gleichberechtigung zu fördern. „Ich erwarte von den Verantwortlichen in Deutschland einen unermüdlichen Einsatz. Jedes Kind sollte in der Schule über jüdisches Leben und Geschichte lernen. Deutschland hat Gesetze gegen Hass im Netz, doch illegale und schädliche Inhalte breiten sich auf vielen Online-Plattformen weiter aus. Eine wachsende Herausforderung sind ruchlose Aktivitäten in Telegram-Gruppen“, sagte Lauder. „Als internationale Organisation bietet der WJC den Regierungen in Deutschland, Europa und weltweit seine ganze Unterstützung an, um dieses Problem zu bekämpfen.“

Die Ergebnisse der Umfrage (PDF 1,4 MB) stehen als Executive Summery zur Verfügung (in englischer Sprache).

Über den Jüdischen Weltkongress und die WJC-Umfrage in Deutschland 

Der Jüdische Weltkongress (World Jewish Congress, WJC) ist die internationale Organisation, die die jüdischen Gemeinden in 100 Ländern gegenüber Regierungen, Parlamenten und internationalen Organisationen vertritt.

Die WJC-Umfrage 2022 zum Antisemitismus in Deutschland wurde von Ronald S. Lauder, Präsident des World Jewish Congress, in Auftrag gegeben und von Schoen Cooperman Research durchgeführt. Die Online-Interviews mit einer repräsentativen Stichprobe von 5.006 deutschen Erwachsenen fanden zwischen dem 12. November und dem 30. November 2021 statt. Darunter repräsentierte eine Teilstichprobe von 851 Befragten die Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen. Die Befragungen wurden in Zusammenarbeit mit dem Berliner Marktforschungsunternehmen GapFish, einem Unternehmen von Cint, und dem Hamburger Büro von Ipsos durchgeführt. Die Befragten wurden nach dem Zufallsprinzip ausgewählt und mussten eine Reihe von Screening-Fragen beantworten, um sicherzustellen, dass sie zur Teilnahme berechtigt waren.

Quelle: World Jewish Congress vom 26.01.2022

Redaktion: Frank Beckmann

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