Forderung

Digitale Grundversorgung muss soziales Grundrecht werden

Die neue D21-Studie „Digital Skills Gap 2025“ zeigt: Digitale Ausgrenzung ist ein strukturelles Problem. Schwierige Wohnverhältnisse, geringes Einkommen und fehlende digitale Ausstattung behindern digitale Teilhabe. Die Initiative D21 fordert deshalb eine digitale Grundversorgung als soziales Grundrecht.

22.09.2025

Wer in herausfordernden Wohnverhältnissen lebt oder nur über ein sehr geringes Einkommen verfügt, hat deutlich schlechtere Chancen, digitale Kompetenzen aufzubauen. Diese ernüchternden Ergebnisse liefert die Sonderauswertung „Digital Skills Gap 2025“ der Initiative D21. Nur 27 Prozent der Menschen in schwierigen Wohnsituationen und 32 Prozent der Einkommensschwachen verfügen über digitale Basiskompetenzen – in der Gesamtbevölkerung sind es 49 Prozent.

Die Ursachen sind strukturell: fehlende Rückzugsorte, geteilte Geräte, unzureichender oder teurer Internetzugang und ein Mangel an Unterstützung im persönlichen Umfeld. Wer wenig Platz, wenig Geld und kein stabiles Netz hat, bleibt digital abgehängt – und damit oft auch von Bildung und Teilhabe ausgeschlossen.

„Der Digital Skills Gap ist kein individuelles Versagen – er ist ein strukturelles Problem. Wer keinen Laptop hat, das Datenvolumen rationieren muss oder keinen ruhigen Ort zum Lernen findet, bleibt vom digitalen Fortschritt ausgeschlossen – mit gravierenden Folgen für Bildungs- und Beschäftigungschancen und gesellschaftliche Teilhabe.“

Lena-Sophie Müller, CEO der Initiative D21

Digitale Teilhabe ist Grundrecht – kein Privileg

Auch Expert*innen aus Sozialforschung und internationaler Praxis bestätigen: Digitale Teilhabe hängt stark von Lebensumständen ab und braucht klare sozialpolitische Antworten. Für Greta Schabram, Referentin für Sozialforschung und Wohnen im Paritätischen Gesamtverband, ist klar:

„Digitale Teilhabe darf kein Privileg sein, sondern muss Teil eines gerechten Sozialstaats werden. Menschen in prekären Lebenssituationen fehlt es oft an zentralen Ressourcen: Geräte, Internetzugang, Zeit, Unterstützung. Selbst geschenkte Technik hilft wenig, wenn das Wissen fehlt, sie zu nutzen.“

Die britische Expertin Dr. Emma Stone von der Good Things Foundation verweist auf internationale Lösungsansätze. Das von ihr mitentwickelte Konzept eines Minimum Digital Living Standard beschreibt digitale Grundversorgung als unverzichtbaren Bestandteil sozialer Infrastruktur – vergleichbar mit Strom oder Heizung. Ein solcher Mindeststandard für digitales Leben umfasst demnach Zugang zu einem Internetanschluss, geeignete Geräte sowie die digitalen Fähigkeiten und das Wissen, das Menschen benötigen, um sie zu benutzen.

Emma Stone, Good Things Foundation:

„Es geht um mehr als Technik. Digitale Teilhabe ist eine Frage von Würde und Chancengerechtigkeit.“

Forderung: Digitale Grundversorgung sozialpolitisch verankern

Ähnliche Lösungsansätze fordert die Initiative D21 auch für Deutschland: Bund, Länder und Kommunen sollten digitale Teilhabe als Grundbedürfnis anerkennen und in ihren sozialpolitischen Programmen sowie der kommunalen Infrastruktur verankern. Konkret bedeutet dies, das soziokulturelle Existenzminimum um eine digitale Grundversorgung zu erweitern und somit an die Realität der digitalen Transformation anzupassen. Nur so lässt sich die digitale Chancenlücke des Digital Skills Gaps in strukturell benachteiligten Lebenslagen wirksam schließen.

„Digitale Kompetenz entscheidet über Teilhabe, Chancengerechtigkeit und Wettbewerbsfähigkeit. Ihre Verteilung ist derzeit alles andere als gerecht. Deshalb braucht es jetzt eine umfassende digitale Kompetenzoffensive, die Lebenslagen, Bildungszugänge und berufliche Realitäten berücksichtigt. Ohne die richtigen strukturellen Bedingungen wird sie ihre Wirkung jedoch nicht entfalten können. Deshalb muss die digitale Grundversorgung zum sozialen Grundrecht werden,“

so Lena-Sophie Müller, CEO der Initiative D21

Über die Studie

Die Studie „Digital Skills Gap 2025 – Digitale Spaltung neu vermessen: Kompetenzen im Lebenslagenvergleich“ untersucht die digitalen Kompetenzen der deutschen Bevölkerung ab 14 Jahren und wurde durchgeführt vom mmb Institut. Die der Auswertung zugrunde gelegten Daten stammen aus dem D21-Digital-Index 2024/25 vom Juli 2024, Befragungsmethode CAPI und CAWI mit n=7.237. Bei der Abfrage der Kompetenzen handelt es sich um Selbsteinschätzungen der Befragten anhand einer 5er-Skala. Die Kompetenzen sind angelehnt an das „European Digital Competence Framework“ der EU-Kommission mit den Bereichen „Information und Datenkompetenz“, „Kommunikation und Kollaboration“, „Gestalten und Erzeugen digitaler Inhalte“, „Sicherheit und Wohlbefinden“ sowie „Problemlösekompetenz“. Darüber hinaus untersucht die Studie digitale Basiskompetenzen und die KI-Affinität.

Über die Initiative D21 e. V.

Die „Initiative D21“ ist Deutschlands größtes gemeinnütziges Netzwerk für die Digitale Gesellschaft. Sie wurde 1999 mit dem Ziel gegründet, die digitale Spaltung der Gesellschaft zu verhindern. Gemeinsam mit einem großen Netzwerk bestehend aus rund 140 Mitgliedsunternehmen und -organisationen aus allen Branchen, der Wissenschaft, der Zivilgesellschaft sowie mit politischen Partner*innen aus Bund und Ländern beleuchtet die Initiative D21 die gesellschaftlichen Herausforderungen des digitalen Wandels. Sie liefert jährliche Lagebilder und stößt Debatten an, um die Zukunft der Digitalen Gesellschaft sinnvoll zu gestalten.

Weitere Informationen

Studienseite
 Grafiken aus der Studie
Zusatzmaterialien

Quelle: Initiative D21 e. V. vom 09.09.2025

Redaktion: Sofia Sandmann