Save the Children zum Nationalen Bildungsbericht 2026
Chancen von Kindern und Jugendlichen bleiben ungerecht verteilt
Der aktuelle Bildungsbericht zeigt, dass in Deutschland Bildungschancen stark von der sozialen Herkunft abhängen. Kinder aus benachteiligten Familien starten mit schlechteren Voraussetzungen, was sich in Kompetenzen wie Lesen widerspiegelt. Strukturelle Probleme wie Personalmangel und regionale Unterschiede verschärfen die Ungleichheit. Digitale Kompetenzen sind ebenfalls ungleich verteilt.
24.06.2026
In Deutschland hängen Bildungschancen weiterhin stark von der sozialen Herkunft ab. Das zeigt der aktuelle Bericht „Bildung in Deutschland 2026“. Demnach öffnet sich die Bildungsschere bereits ab der Geburt: Kinder aus benachteiligten Familien starten mit deutlich schlechteren Voraussetzungen und haben geringere Chancen im Bildungssystem. Diese Unterschiede zeigen sich etwa bei grundlegenden Kompetenzen wie dem Lesen: So erreichten 39 Prozent der 15-Jährigen aus den am stärksten benachteiligten Elternhäusern nur die unterste Kompetenzstufe im Lesen, bei Gleichaltrigen aus privilegierten Haushalten sind es nur acht Prozent. Neben den ungleichen Startbedingungen benennt der Bericht weitere strukturelle Herausforderungen wie den Personal- und Kapazitätsmangel oder große Unterschiede zwischen den verschiedenen Bundesländern.
Dazu sagt Marion Zirngibl, Bildungsexpertin bei Save the Children Deutschland:
„Der nationale Bildungsbericht bestätigt einmal mehr, wie schlecht es um die Chancengerechtigkeit im deutschen Bildungssystem steht. Wie in den allgemeinbildenden Schulen, hängt auch die berufliche Perspektive von Kindern und Jugendlichen noch immer stark von ihrer sozioökonomischen Herkunft ab. Das bedeutet: Nicht Talent, Engagement oder individuelle Wünsche entscheiden maßgeblich über den beruflichen Werdegang, sondern oft der soziale Hintergrund. Aus kinderrechtlicher Perspektive ist das nicht hinnehmbar.
Der Bildungsbericht bestätigt deutliche Unterschiede bei grundlegenden Kompetenzen wie dem Lesen, das als Schlüsselkompetenz für Bildungserfolg gilt. Save the Children setzt hier früh an: Mit den LeseKitas und LeseOasen fördern wir die Kinder, die bislang weniger Zugang zum Lesen haben. Wir unterstützen sie dabei, Spaß an Geschichten zu entwickeln, positive Erlebnisse mit Büchern zu haben und fördern so ihre Lesekompetenz. Damit beugen wir späteren Lücken vor und eröffnen Kindern Chancen auf eine selbstbestimmte Zukunft.
Auch andere Studien zeigen, dass sich Bildungsungleichheit in zentralen Bereichen fortsetzt: So macht etwa die „International Computer and Information Literacy Study“ (ICILS) deutlich, dass digitale Kompetenzen in Deutschland stark von der besuchten Schulform und der sozioökonomischen Herkunft abhängen. In einer sich zunehmend digitalisierenden Arbeitswelt werden die Chancen auf eine berufliche Perspektive dadurch ungerecht verteilt. Hier setzt Save the Children mit seinem Projekt MakerLabs an. Wir unterstützen Schulen in Sozialräumen mit hohen Kinderarmutszahlen dabei, Räume mit digitalen Tools auszustatten und geben den Jugendlichen Freiräume zum Tüfteln, Experimentieren, Entwickeln, zum Fehler machen und daraus lernen. Damit unterstützen wir sowohl die digitalen Kompetenzen als auch die Selbstwirksamkeit.
Ein Schulsystem, das Kinder wirklich in den Mittelpunkt stellt, muss ihre Lebensrealität ernst nehmen und sie dort abholen, wo sie stehen. Dafür braucht es längeres gemeinsames Lernen, das allen Kindern ausreichend Zeit gibt, ihre Stärken zu entdecken und sich in ihrem eigenen Tempo zu entwickeln. Statt starrer Klassenziele wird individuelle Unterstützung benötigt, die sich an den Fähigkeiten, Interessen und Bedürfnissen jedes einzelnen Kindes orientiert. Der Fokus sollte konsequent auf den Fähigkeiten der Kinder liegen - nicht auf ihren vermeintlichen Defiziten. Ein solches Bildungssystem lebt außerdem von einem positiven und wertschätzenden Umgang mit Vielfalt, der Unterschiede nicht als Problem, sondern als Bereicherung versteht. Damit alle Kinder tatsächlich gerechte Chancen erhalten, braucht es darüber hinaus eine politische Gesamtstrategie gegen Kinderarmut, die soziale Benachteiligungen wirksam abbaut und verhindert, dass der sozioökonomische Hintergrund über Bildungserfolg entscheidet.
Grundsätzlich wissen wir seit der ersten PISA-Studie im Jahr 2000, wie ungerecht das Schulsystem ist. Seitdem hat Deutschland das Bildungssystem zwar deutlich reformiert, aber grundlegende Probleme wie soziale Chancenungerechtigkeit sind bis heute nicht gelöst und es fehlt eine positive Zukunftsvision dafür, was Schule zu einem guten Aufwachsen von Kindern beitragen kann. An die großen Reformen will niemand ran und die, die am meisten benachteiligt sind, können sich am wenigsten wehren. Jahr für Jahr nimmt unsere Gesellschaft so sehenden Auges hin, wie das Bildungssystem massenhaft Kinder zurücklässt und der Teufelskreis der Armut immer weiterbesteht. Das ist eine kinderrechtliche Bankrotterklärung und auch gesellschaftlich kurzsichtig. In unserer alternden Gesellschaft können wir es uns schlichtweg nicht leisten, wenn auch nur ein Kind durch das Raster fällt.“
Quelle: Save the Children vom 15.06.2026
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