Junge Menschen im politischen Wandel

Ungarn als Beispiel guter Praxis

Am 12. April 2026 beendete der Wahlsieg der Tisza-Partei von Péter Magyar die 16-jährige Ära Viktor Orbáns. Mit der Freigabe von rund 16,4 Milliarden Euro zuvor eingefrorener EU-Mittel und der angekündigten Rückkehr zu Erasmus+ öffnete sich Ungarn wieder nach Europa hin. IJAB sprach mit Bálint Molnár, Leiter des Europäischen Jugendzentrums Budapest des Europarats, darüber, was sich unter jungen Menschen verändert hat und was das für die Zivilgesellschaft bedeutet.

23.09.2026

IJAB: Sie haben mit dem EYCB eine Einrichtung des Europarats durch die gesamten Orbán-Jahre geleitet. Was bedeutete es für Ihre Arbeit, eine Jugendeinrichtung für Menschenrechte und Demokratie in einem Staat zu führen, der zivilgesellschaftliche Räume zunehmend verschloss?

Bálint Molnár: Ich möchte den Kontext des EYCB vollständig darstellen: Das EYCB wurde 1995 gegründet. Wichtig ist dabei, dass es vom Ministerkomitee des Europarats und auf Einladung der ersten demokratisch gewählten ungarischen Regierung eingerichtet wurde - nach dem Ende des Kommunismus unter dem damaligen Ministerpräsidenten József Antall. Das EYCB arbeitet in Ungarn auf der Grundlage eines sogenannten Sitzabkommens, einer diplomatischen Vereinbarung zwischen dem Europarat und Ungarn. Daran hat sich nie etwas geändert. Das ist der wichtigste Punkt: Der Auftrag des EYCB – die Aktivitäten, die wir umsetzen, die jungen Menschen, die aus den 46 Mitgliedstaaten des Europarats hierherkommen – das alles hat sich in den 31 Jahren seines Bestehens nicht verändert, auch nicht in den Jahren, in denen der demokratische Rückschritt in Ungarn zu einem zunehmend ernsten Problem wurde.

Der Spielraum zwischen Schutz und politischem Druck

Aber ich möchte der Frage nicht ausweichen. Rechtlicher Schutz und ein politisch angenehmes Umfeld sind offensichtlich zweierlei. Partnerorganisationen, die früher frei kooperiert haben, wurden vorsichtig; junge Menschen, die an unseren Programmen teilnahmen, fragten mitunter, ob es sicher sei, bestimmte Dinge außerhalb des EYCB zu sagen. Zeitweise wurden sogar das EYCB selbst und die Aktivitäten, die bei uns stattfinden, von verschiedenen damals regierungsnahen Medien angegriffen.

Wir haben aber auch eine sehr bewusste Entscheidung getroffen. Das EYCB erfüllt seinen Auftrag auf der Grundlage seines Statuts. Es ist kein Akteur der ungarischen Innenpolitik; das ist nicht seine Rolle. Es ist auch nicht notwendigerweise unsere Aufgabe, die Stimmen anderer Institutionen des Europarats zu verstärken, die über die Jahre kontinuierlich und sehr nachdrücklich verschiedene Schritte der Regierung kritisiert haben – sei es der*die Menschenrechtskommissar*in, die Parlamentarische Versammlung, der Kongress der Gemeinden und Regionen, die Venedig-Kommission oder andere. Gleichzeitig ist wichtig zu betonen: Wir als EYCB waren ebenso entschieden darin, unsere Programme zu Jugendbeteiligung, Menschenrechtsbildung, Demokratiebildung, Antidiskriminierung und Inklusion oder zum Schutz von Minderheiten und vulnerablen Gruppen nicht zu verwässern. Wir sind also bei all diesen Themen engagiert geblieben und haben zugleich sichergestellt, dass wir den Auftrag des EYCB für junge Menschen schützen.

Bemerkenswert fand ich, dass der Bedarf an unseren Programmen nicht zurückging. Im Gegenteil: Bei jungen Menschen, Jugendarbeiter*innen, zivilgesellschaftlichen Akteur*innen und Pädagog*innen wuchs das Bedürfnis nach einem Raum, in dem diese Werte offen diskutiert und praktiziert und nicht nur theoretisiert werden können. Das EYCB ist zu einer Art Referenzpunkt geworden. Ich würde sagen, für manche Menschen, zeitweise sogar zu einem Zufluchtsort, an dem sie diese europäischen Werte nah halten und ihre Arbeit über die 16 Jahre hinweg fortsetzen konnten. So konnten sie trotz des schrumpfenden zivilgesellschaftlichen Handlungsspielraums in Ungarn diese Werte schützen. Ich möchte die Leistungen der ungarischen Zivilgesellschaft einschließlich der Jugendorganisationen, die durchgehalten und ihren Werten treu geblieben sind, ausdrücklich würdigen. Sie hatten großen Anteil daran, den demokratischen Rückschritt in Ungarn aufzuhalten und letztlich umzukehren.

Ich möchte die Leistungen der ungarischen Zivilgesellschaft einschließlich der Jugendorganisationen, die durchgehalten und ihren Werten treu geblieben sind, ausdrücklich würdigen.

IJAB: Der Wahl vom 12. April 2026 wird vielfach zugeschrieben, jüngere, zuvor politisch inaktive Wähler*innen mobilisiert zu haben. Jenseits dieses Narrativs: Was hat sich im Vorfeld und am Wahltag unter jungen Menschen tatsächlich verändert?

Bálint Molnár: Es lohnt sich, diese allgemeine These mit konkreten Zahlen zur Wahlbeteiligung junger Menschen und zur Aufschlüsselung der Wahlpräferenzen nach Generationen zu hinterlegen [1]. Ich möchte hier sehr deutlich sein: Als Leiter des EYCB und als Vertreter einer europaweiten zwischenstaatlichen Organisation werde ich mich sicher nicht auf eine parteipolitische Wahlanalyse einlassen. Zur Dimension der Jugendbeteiligung, die ich mir genau angesehen habe, kann ich mich aber mit einer gewissen Sicherheit äußern: Was ich in den vergangenen Jahren beobachtet habe, ist eine Erfahrungskluft, die sich zwischen den Generationen aufgetan hat. Der Ausschluss von Erasmus+ etwa war nicht nur ein abstrakter politischer Konflikt. Für viele junge Menschen war er eine persönliche Erfahrung. Eine Generation junger Ungar*innen sah dabei zu, wie Gleichaltrige in ganz Europa Zugang zu Möglichkeiten hatten, die ihnen wegen eines politischen Konflikts zwischen der Regierung und den europäischen Institutionen plötzlich verschlossen waren. Unter den jungen Menschen und Jugendorganisationen, mit denen ich gesprochen habe, herrschte ein echtes Gefühl der Ungerechtigkeit, weil das ihre eigene Zukunft, ihre Freundschaften, ihre Chancen betraf.

Gleichzeitig veränderte sich auch das Informationsumfeld: Staatlich kontrollierte Medien hatten in den jüngeren Generationen nur begrenzte Reichweite. Diese bezogen ihre Nachrichten und politischen Deutungsrahmen von anderen Plattformen, die die Regierung nicht dominieren oder kontrollieren konnte – oder dies nicht ernsthaft versuchte. Es gab hier kein echtes Deutungsmonopol. Sichtbar war das auch in jugendkulturellen Räumen, bei Konzerten, Festivals, in Kunstprojekten: Hier war die Distanzierung der jüngeren Generationen von der regierenden politischen Kraft am deutlichsten spürbar. Politisches Engagement setzt nicht zwingend voraus, dass zuerst jene Desillusionierung junger Menschen gegenüber Institutionen überwunden wird, auf die die Forschung häufig verweist. Was es braucht, ist eine glaubwürdige politische Alternative und die Überzeugung, dass die Teilnahme an einer bestimmten Wahl tatsächlich etwas verändern wird; dass sie einen echten Impact haben wird. Beides schien in den Jahren vor der Wahl im April 2026 für junge Menschen in Ungarn zusammenzukommen. Es ist nicht so, dass sie plötzlich sehr politisch geworden wären; vielmehr wuchs die Überzeugung, dass dieser Moment unumkehrbar sei, wie immer er ausgehen würde - und dass man ernsthaft die Wahl hat.

Die demografische Aufschlüsselung der Wahlpräferenzen deutet auf eine strukturell bedeutsame Verschiebung hin. Es ist nicht bloß eine Stimmungslage. Ob sie anhält, ob junge Menschen sich weiterhin auf unterschiedliche Weise politisch engagieren und nicht nur durch Wahlbeteiligung, bleibt abzuwarten. Offensichtlich ist aber: Im Vorfeld der Wahl stieg das Interesse jüngerer Generationen an Politik und öffentlichen Angelegenheiten. Sie haben sich die Lage und die Themen, die sie bewegten, offenkundig genau angesehen: eine Abkehr von der europäischen Einheit, insbesondere von der Europäischen Union, endemische Korruption, fehlende Chancen – wirtschaftlich wie bildungsbezogen. Mit Erasmus+ hatten sie bereits gespürt, was es bedeutet, aus dem europäischen Mainstream herauszufallen. All das zusammen und das Auftreten einer aus ihrer Sicht glaubwürdigen Alternative haben ihre Beteiligung an dieser Wahl befördert.

Diese sehr schwierige Phase für unabhängige NGOs hat auch zu Kreativität, Solidarität und Eigenständigkeit geführt.

IJAB: Können Sie beschreiben, was konkret abgebaut wurde und was überdauert hat?

Bálint Molnár: Die Unabhängigkeit der Studierendenvertretungen etwa wurde massiv untergraben. Der Nationale Jugendring hat seinen pluralistischen Charakter nur wenige Jahre nach seiner Gründung verloren. Zivilgesellschaftliche Organisationen, die internationale Mittel erhielten, sahen sich aufeinanderfolgenden Wellen rechtlichen Drucks ausgesetzt: Gesetzgebung nach dem Muster von „Agentengesetzen", das „Stop Soros"-Gesetz, das Souveränitätsschutzgesetz, sogar das sogenannte „Kinderschutzgesetz", das Elemente enthielt, die klar darauf zielten, LGBTI-Gruppen und ‑Bürger*innen zu schwächen und zu stigmatisieren. Sie alle hatten in der Summe die Wirkung, die Unabhängigkeit und Tragfähigkeit der Zivilgesellschaft zu untergraben. Auch die akademische Autonomie wurde untergraben: Universitäten wurden in regierungsnahe Stiftungen überführt, die die neue Regierung inzwischen abgeschafft hat; die Central European University wurde des Landes verwiesen, und so weiter. Vielfach wurden zuvor unabhängige Strukturen in staatlich kontrollierte überführt, die nur noch formale Unabhängigkeit behielten.

Aber es gab vieles, das überdauert hat, und vieles, das neu entstanden ist: informelle Netzwerke, die oft im Stillen arbeiteten, Organisationen mit starken internationalen Verbindungen und zahlreiche Vereinigungen, die ihre Arbeit trotz der schwierigen Umstände fortgesetzt haben. Zivilgesellschaftliche Kapazität und Motivation lassen sich nicht einfach auslöschen. Und das ist in Ungarn auch nicht geschehen. Die Lage war sehr schwierig, aber zugleich fand die unabhängige Zivilgesellschaft Wege, weiterzuarbeiten, weiter zu bestehen und Unterstützung aus dem Ausland zu erhalten. In wesentlicher Hinsicht ist sie unter dem politischen Druck der vergangenen 16 Jahre stärker, vielfältiger und besser vernetzt geworden. Diese sehr schwierige Phase für unabhängige NGOs hat auch zu Kreativität, Solidarität und Eigenständigkeit geführt, die in einer substantiellen Verbindung zu Stakeholdern und Unterstützerkreisen wurzeln.

Am besten zeigt sich das an der neuen Kultur der Unterstützung in Ungarn: Menschen spenden für zivilgesellschaftliche Organisationen, für unabhängige Medien und für Ad-hoc-Anliegen und -Initiativen. Viel Unterstützung kam über die 1-Prozent-Steuerregelung zusammen, bei der jede*r Bürger*in einer zivilgesellschaftlichen Organisation ein Prozent der Einkommensteuer zuweisen kann. Die Lage war bedrückend, aber nicht so, dass man von einer vollständigen Beseitigung eines nennenswerten zivilgesellschaftlichen Sektors sprechen könnte. Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was in Systemen geschieht, die mit offener Repression arbeiten, und dem, was in Ungarn geschehen ist.

IJAB: Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, sagte nach der Wahl: „Ungarn hat Europa gewählt". Anschließend folgte die Freigabe von rund 16,4 Milliarden Euro an EU-Mitteln. Was muss jetzt zuerst geschehen, um die zivilgesellschaftliche Infrastruktur in Ungarn wieder aufzubauen?

Bálint Molnár: Es ist offensichtlich wichtig – nicht nur symbolisch, sondern auch wirtschaftlich ganz konkret, dass Ungarn wieder Zugang zu diesen Mitteln hat. Aber die Governance-Strukturen müssen in Ordnung gebracht werden; es muss sichergestellt sein, dass diese EU-Mittel – ob für die Zivilgesellschaft oder für andere Zwecke – transparent, gerecht und über ein breit zugängliches Verfahren nach sachlichen Kriterien vergeben werden. Dabei spielt es keine große Rolle, ob wir über den zivilgesellschaftlichen Sektor oder über die Wirtschaft sprechen. Es ist dieselbe Idee: Wie können diese Mittel so eingesetzt werden, dass sie einem Land den größten öffentlichen Nutzen bringen? Und Ungarn hat jetzt klar die Gelegenheit, einen anderen Umgang damit unter Beweis zu stellen als unter der Vorgängerregierung.

180-Grad-Wende für die Zivilgesellschaft in Ungarn

Es ist zu früh, um zu sagen, wie das in den einzelnen Sektoren aussehen wird. Soweit ich sehe, ist die Absicht da, einen anderen Weg zu gehen. Zugleich braucht der Jugendsektor Strukturaufbau, nicht nur Förderung: Erfahrene Jugendarbeiter*innen haben das Feld verlassen, ein großer Teil des institutionellen Gedächtnisses ist verloren gegangen. Es müssen auch Brücken gebaut oder wieder aufgebaut werden. Deshalb muss ein gesundes zivilgesellschaftliches Ökosystem entstehen, das diese Mittel aufnehmen und wirksam einsetzen kann. Ich bin nah genug dran, um zu sehen, dass es viele großartige Projekte gibt, die mit minimalen Budgets umgesetzt wurden. Bei verlässlicherer Förderung ließen sie sich breiter und nachhaltiger umsetzen. Und es könnten qualifizierte Fachkräfte in den zivilgesellschaftlichen Sektor zurückgeholt werden, mit der Aussicht, diese Arbeit ungehindert und sogar mit staatlicher Unterstützung leisten zu können. Das Ausmaß der Veränderung sollte man nicht unterschätzen. Es ist eine 180-Grad-Wende, die viel positive Energie freisetzen kann, doch die anstehende Arbeit ist auch sehr komplex.

Niemand sollte schnelle Ergebnisse erwarten. Aber allein die Tatsache, dass diese Türen nun offen sind, ist bedeutsam: Es besteht erkennbar der Wille, mit der Zivilgesellschaft zusammenzuarbeiten, und viele prominente zivilgesellschaftliche Akteur*innen, die unter sehr schwierigen Bedingungen sehr wichtige Arbeit geleistet haben, haben inzwischen hohe Regierungsämter übernommen. Das lässt ein großes Verständnis für die Rolle und den Wert der Zivilgesellschaft bei dieser Art des demokratischen Wiederaufbaus erwarten.

IJAB: Wie sehen Sie dabei die Rolle des EYCB?

Bálint Molnár: Der Auftrag des EYCB wird sich nicht ändern. Das EYCB ist in erster Linie ein Begegnungsort für junge Menschen aus allen Mitgliedstaaten des Europarats, Ungarn eingeschlossen. Wichtig ist zu verstehen: Das EYCB liegt zwar in Budapest, dient aber allen 46 Mitgliedstaaten des Europarats. Dieses Zentrum gehört allen Mitgliedstaaten und noch wichtiger: allen jungen Menschen, die in diesen Ländern leben und die hierherkommen und an den Aktivitäten teilnehmen können. Aber natürlich erwächst uns aus der bloßen Tatsache, dass wir hier vor Ort sind, eine Aufgabe – erst recht in einem politischen Umfeld im Umbruch: Wir haben eine Rolle darin, die Standards des Europarats hier zu vermitteln. In erster Linie im Jugendbereich, aber nicht nur dort, denn in Ungarn vertreten wir auch den Europarat als Ganzes. Deshalb arbeiten wir sehr eng mit anderen Bereichen der Organisation zusammen und vermitteln deren Kontakte zu ungarischen Partnern und Stakeholdern.

Die verschiedenen Teile des Europarats haben immer darauf hingewiesen, wo sie ein Abrücken von den eigenen Standards gesehen haben. Jetzt gibt es die Gelegenheit, zu diesen Standards zurückzukehren, und der Europarat ist bereit, Ungarn und die ungarische Regierung bei dieser Verpflichtung zu unterstützen, zu der sie sich so deutlich bekannt hat. Für uns am EYCB sind es der Jugendsektor, die Jugendarbeit, Jugendbeteiligung, marginalisierte junge Menschen und ihre Chancen; wir sind aber auch da, um mögliche Verbindungen und Synergien mit anderen Bereichen des Europarats zu erkennen – ob Korruptionsbekämpfung, Mis- und Desinformation, Medienfreiheit oder Kinderrechte.

Der New Democratic Pact des Europarats sucht nach Wegen, die Demokratie in den Mitgliedstaaten und in Europa insgesamt in diesem sich verschiebenden geopolitischen Kontext zu stärken und zu erneuern. Er enthält vieles von dem, was wir bisher getan haben und weiter tun werden. Und wir rechnen damit, dass Ungarn eine aktive Rolle bei der Normsetzung des Europarats und bei dieser Arbeit am New Democratic Pact spielen wird.

Zivilgesellschaft ist nicht bloß ein Anhängsel demokratischer Strukturen, sie ist deren Herzstück.

IJAB: Für die europäische Jugendpolitik ist Ungarn nun ein Fallbeispiel für demokratische Resilienz. Was lässt sich daraus für die Mitgliedstaaten des Europarats über den Schutz zivilgesellschaftlicher Räume für junge Menschen lernen?

Bálint Molnár: Die erste Lehre ist, dass sich zivilgesellschaftliche Räume sehr viel schneller schließen lassen, als Institutionen darauf reagieren können. Die verschiedenen Instrumente und Methoden des demokratischen Rückschritts, die wir nun seit vielen Jahren beobachten – Gesetzgebung mit Zweidrittelmehrheit, Verfassungsänderungen, vereinnahmte Gerichte, Medienkonzentration, Druck auf die Finanzierung der Zivilgesellschaft  –,  lassen sich sehr schnell einsetzen. Die Monitoring-Mechanismen sowohl des Europarats als auch der EU haben diese Fälle sehr genau erfasst. Man kann allerdings sagen, dass die Reaktion spät kam. Immerhin sind solche Instrumente am Ende doch entstanden und wurden sichtbar eingesetzt.

Künftig muss darüber nachgedacht werden, wie man diese Institutionen zu schnelleren Reaktionen befähigt. Besser noch: Wie man robustere demokratische Rahmen schafft, die den Versuchen, sie zu schwächen, standhalten. Das ist die Rolle des Europarats: Normsetzung, Monitoring und Kooperation. Monitoring ist ein wesentlicher Teil der Arbeit des Europarats. Die Organisation wird auch das Gewissen Europas genannt. Die Idee ist, dass sie Mitgliedstaaten beim Namen nennt, wenn diese sich von den Werten entfernen, die in den verschiedenen Standards festgelegt sind – in erster Linie in der Europäischen Menschenrechtskonvention und in weiteren Konventionen.

Ebenso wichtig zu verstehen ist: Die Zivilgesellschaft ist ein wesentliches Puzzleteil. Sie ist nicht bloß ein Anhängsel demokratischer Strukturen, sie ist deren Herzstück. Demokratische Resilienz kann zusammenbrechen, wenn die Zivilgesellschaft stranguliert wird. Sie gehört zur kritischen Infrastruktur der Demokratie, gleichrangig mit unabhängigen Gerichten und einer freien Presse. Deshalb muss die Zivilgesellschaft geschützt und wertgeschätzt werden, und sie muss so weit wie irgend möglich Teil des demokratischen Prozesses sein. 

Junge Menschen geraten als Erste unter Druck

Junge Menschen und Jugendorganisationen geraten in Kontexten demokratischen Rückschritts oft als Erste unter Druck. Ihre Finanzierung ist fragil, sie sind weiche Ziele und dadurch leichter unter Druck zu setzen und auszuschalten, weil sie nicht einmal so stark aufgestellt sind wie andere zivilgesellschaftliche Organisationen. Umgekehrt sieht man aber auch, dass junge Menschen außerordentlich resilient, kreativ und mutig sind. Sie scheinen sehr widerstandsfähig und sehr aufmerksam gegenüber Mis- und Desinformation zu sein. Sie können auf Informationen zugreifen und sie bewerten, sie schaffen eigene Informationsplattformen und sie wissen, wie man sich organisiert. Manchmal aber auf Wegen, die für Menschen, die an formalere Strukturen gewöhnt sind, nicht ohne Weiteres erkennbar sind. Wer im Jugendbereich arbeitet, aber nicht mehr so jung ist, muss diese Mechanismen verstehen: ehrlich und neugierig dorthin schauen, wo junge Menschen sind, was sie tun, wie sie handeln, wie sie an Informationen kommen, wie sie sich organisieren und was sie bewegt.

Zugang zu jungen Menschen durch Authentizität

In institutionellen Kreisen kursieren viele Annahmen über junge Menschen. Die Realität ist aber viel komplexer, ambivalenter, weniger eindeutig – und auch viel spannender. Es geht wirklich ums Beobachten und ums Neugierigsein: dorthin gehen, wo sie sind, mit ihnen sprechen, sie einbeziehen, Wege finden, sie in Formaten zu beteiligen, die für sie interessant sind. Das ist nicht immer einfach, denn institutionelle Kommunikation macht mitunter den Fehler, jugendlich wirken zu wollen, um junge Menschen anzusprechen. Meiner Erfahrung nach ist das in der Regel nicht der richtige Weg.

Junge Menschen interessieren sich für Menschen, die authentisch sind, die sich für sie interessieren, die neugierig und wirklich bereit sind zuzuhören. Aber es braucht ein Gespräch in beide Richtungen, denn junge Menschen müssen auch den Wert dieser Institutionen wie des Europarats erkennen, die manchmal fern und verstaubt und nicht besonders aufregend wirken können. Diese haben aber gleichzeitig über Jahrzehnte Bemerkenswertes geschaffen und stehen für gewaltige Errungenschaften, von denen junge Menschen täglich profitieren. Vielleicht ist ihnen nicht unbedingt bewusst, woher diese Rechte und die Bedingungen kommen, in denen sie leben und die sie manchmal einfach für selbstverständlich nehmen. Der Europarat hat dieses Thema im Blick. Er war eine der ersten internationalen Organisationen mit einem eigenen Jugendsektor – mit seiner Infrastruktur (den Europäischen Jugendzentren in Straßburg und Budapest), seinem Fördermechanismus (der 1972 gegründeten Europäischen Jugendstiftung) und seinem einzigartigen Co-Management-System, in dem junge Menschen und Mitgliedstaaten die Entscheidungsmacht teilen.

Auf dem Gipfel von Reykjavík (2023) wurde die Jugendperspektive als politische Leitlinie der Organisation verankert; inzwischen wurde sie auf der Jugendministerkonferenz in Malta 2025 und nun in einem Aktionsplan, der umgesetzt wird, operationalisiert. Der Europarat sagt: Befreien wir die Jugenddimension aus diesem Silo, versuchen wir, junge Menschen in alle zwischenstaatlichen Beratungen und Aktivitäten des Europarats einzubeziehen, unabhängig vom Thema. Die Institution versucht, ein System mit Verfahren zu schaffen, die keine symbolische, sondern echte Beteiligung junger Menschen ermöglichen. Das kann auch für die Mitgliedstaaten ein Modell sein. Der Europarat ist wieder einmal ein Ideenlabor, das Ansätze erprobt – so wie er es mit diesen Jugendzentren getan hat, dem ersten 1972 in Straßburg, wo die Idee war, physische Räume zu schaffen, in denen junge Menschen zusammenkommen und gemeinsam lernen können, und so wie er es mit non-formaler Menschenrechtsbildung getan hat. Junge Menschen müssen sich auf jeder Ebene der Entscheidungsfindung und zu jedem Politikthema einbringen können. Das ist sehr stark ein laufender Prozess.

Die Lehre aus dem ungarischen Fall lautet: Demokratischer Rückschritt ist ein langer Prozess, aber er kann sehr schnell beginnen. Die Zivilgesellschaft ist ein wesentlicher Akteur, sie muss geschützt, einbezogen und unterstützt werden. Und während junge Menschen bei demokratischem Rückschritt besonders verwundbar sind, können sie zugleich zu den Resilientesten und Wirksamsten gehören, wenn es darum geht, ihn umzukehren. Ihre Energie sollte genutzt werden – nicht nur im Wahlkampf, sondern strukturell in der Politikentwicklung, der Politikumsetzung und in Entscheidungsprozessen.

IJAB: Vielen Dank!

Das Interview führte Natali Petala-Weber

[1] Zum Zeitpunkt des Interviews lagen keine amtlichen, nach Alter aufgeschlüsselten Beteiligungsdaten vor; Umfragen aus der Schlussphase des Wahlkampfs zeigen bei in allen Altersgruppen einheitlich hoher Wahlbereitschaft (87–93 %) eine deutliche Generationenkluft in der Parteipräferenz (Tisza +66 Punkte bei unter 30-Jährigen, Fidesz +18 Punkte bei über 65-Jährigen). Vgl. Medián (05.03.2026): https://median.hu/2026/03/05/a-fiatalok-kozott-ketharmados-a-diplomasok-kozott-majdnem-ketharmados-tobbsege-van-a-tiszanak/. 

Quelle: IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. vom 14.09.2026