Interprofessionelle Versorgung

Stark im Netzwerk: Seh-Lotsende eröffnen neue Perspektiven

Verena Kerkmann eröffnete 2017 die erste Seh-Lotsen-Sprechstunde in Dortmund. Heute arbeitet sie an der Hochschule Bochum an der bundesweiten Verbreitung des Modells. Unterstützt von Stiftungen und dem BMBF wird ein innovatives Versorgungsmodell entwickelt, um sehbeeinträchtigten Kindern frühzeitig zu helfen.

24.03.2025

Verena Kerkmann hat 2017 gemeinsam mit Dominik Schneider und Nina Gawehn die erste Seh-Lotsen-Sprechstunde (SLS) in Dortmund eröffnet. Heute arbeitet sie als Stiftungsprofessorin an der Hochschule Bochum (ehemals Hochschule für Gesundheit) weiterhin daran. Ein starker Partner ist die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ). Zudem unterstützen Fördermittel vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die aktuelle Entwicklung in Forschung, Beratung und Transfer. Schließlich fördern drei Stiftungen unter dem Dach des Deutschen Stiftungszentrums die Arbeit der Professorin. Auch für Stiftungsverantwortliche, wie etwa Kurt Menzel von der Waldtraut und Sieglinde Hildebrandt-Stiftung im Stifterverband, ist das Angebot der SLS ein Herzensanliegen.

Es ist Freitag. Die Eltern haben sich mit ihrer 13 Monate alten Tochter auf den Weg in die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Dortmund gemacht. Ihre Kinderärztin hat empfohlen, dass sie einen Rat in der Seh-Lotsen-Sprechstunde einholen.

Das Mädchen ist aufgrund einer Entwicklungsstörung des Gehirns körperlich beeinträchtigt. Beim Kennenlernen hat die Seh-Lotsin beobachtet, dass das Kind auf den Armen der Eltern zwar versucht hat, Blickkontakt aufzunehmen, die Augenmuskeln aber offenbar nicht stark genug sind, damit das gelingt. Nun hat sie eine für das Kind möglichst angenehme Position geschaffen und beugt sich über das Mädchen, um es zum Blickkontakt einzuladen.

Das Kind erscheint wach und aufmerksam – aber die Augen wandern durch den Raum. Sie wirken unkoordiniert, richten sich kurz auf die Augen der Seh-Lotsin aus, ein Auge schielt dabei, dann driften beide Augen wieder ab. Die Seh-Lotsin schaut in den Augenarztbefund, nimmt eine Probierbrille, steckt Gläser mit der vom Augenarzt angegebenen Brechkraft in die Brille und setzt sie dem Mädchen auf. Nach kurzer Zeit wirkt das Kind wie verwandelt.

Neue Perspektiven

Blinden und sehbeeinträchtigen Menschen neue Perspektiven bieten für Waldtraut Hildebrandt war dies eine Herzensangelegenheit. Gemeinsam mit ihrer Schwester Sieglinde hatte sie am Ende des Zweiten Weltkrieges sowie danach Sanitätsdienst geleistet. Diese Erfahrung hat die beiden Frauen verbunden und so nachhaltig geprägt, dass Waldtraut im Gedenken an ihre Schwester 1991 eine Stiftung gründete, die Wissenschaft und Forschung auf dem Gebiet der Rehabilitation und der Verbesserung der Lebensbedingungen blinder und sehbehinderter Menschen fördert. Kurt Menzel, Waldtraut Hildebrandts Neffe und heutiger Stiftungsvorstand, erzählt: 

„Sie haben damals so viel Leid und Elend, zerplatzte Träume und vernichtete Lebensentwürfe von Augenverletzten gesehen, das die beiden nie vergessen konnten. Am Ende ihrer Leben haben sie ihre Vermögen in eine Stiftung überführt, die sich der Aufgabe widmet, die Lebensbedingungen von sehbeeinträchtigten Menschen zu verbessern und die bis heute fortbesteht.“

In Detektivarbeit einen interprofessionellen Handlungsplan entwickeln

Zurück in der Seh-Lotsen-Sprechstunde. Dank der Probierbrille schafft es das kleine Mädchen, die Seh-Lotsin anzuschauen. Das Kind hält inne, beobachtet den Mund und die Augen der Seh-Lotsin und scheint zu staunen.

Was wie eine Wunderheilung wirkt, hat System. Drei Komponenten werden von der Seh-Lotsin miteinander verbunden: Beobachtung von Verhalten (wie Blickkontakt aufnehmen), Untersuchung von Sehfunktionen (wie die Naheinstellung der Augen) und Erproben eines Hilfsmittels (wie der Brille). Das Ergreifende: Wirkt das Hilfsmittel unterstützend, lässt sich das manchmal direkt sehen und erleben – Blickkontakt stellt sich ein oder Schulkinder lesen plötzlich schneller und mit weniger Anstrengung.

Bis dahin kann es in der Versorgungsrealität ein steiniger Weg sein. Oft haben zuerst die Eltern das Gefühl, das etwas in der Entwicklung ihres Kindes nicht stimmt. Herauszufinden, warum ein Kind nicht kann, was es können sollte, kann Detektivarbeit sein, insbesondere, wenn das Kind noch nicht sprechen kann. Hat es visuelle Einschränkungen? Motorische? Kognitive? Und selbst wenn ein visuelles Problem als Ursache eingegrenzt wurde, ist es oft noch ein langer Weg vom „Was?“ zum „Warum?“ – und dann, am wichtigsten, zum Handlungsplan: „Wie können wir dem Kind helfen?“

Sozialpädiatrische Zentren (SPZ) sind Anlaufstellen für Familien, die auf der Suche sind. Im Auftrag der niedergelassenen Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin wird Ursachenforschung und Beratung im Hinblick auf Lern- und Entwicklungsstörungen sowie Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter angeboten. Hierbei arbeitet ein interprofessionelles Team daran, die alltagsbezogenen Herausforderungen von Familien in den Blick zu nehmen und individuell medizinische, psychologische, therapeutische und pädagogische Maßnahmen zu planen und – bei Bedarf – bis zum vollendeten 18. Lebensjahr zu verfolgen. 2017 wurde Verena Kerkmann mit Unterstützung von der Psychologin und Leiterin der Entwicklungsneuropsychologischen Ambulanz (ENPA), Prof. Dr. Nina Gawehn, und dem Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Prof. Dr. Dominik T. Schneider, als erste Seh-Lotsin in Deutschland Teil des SPZ-Teams in Dortmund.

Von der ersten Seh-Lotsen-Sprechstunde hin zur Einrichtung eines bundesweiten Angebots

2017 wurde durch die Förderung des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft NRW und der Kooperation der Hochschule für Gesundheit und der Klinikum Dortmund gGmbH die Eröffnung der bundesweit ersten Seh-Lotsen-Sprechstunde in der Entwicklungsneuropsychologischen Ambulanz (ENPA) im SPZ des Klinikums Dortmund ermöglicht.

Das innovative Angebot erhielt regional und national viel Aufmerksamkeit und wurde in den Folgejahren von den Familien so gut angenommen, dass die Klinik schließlich wieder gemeinsam mit der Hochschule für Gesundheit einen kooperativen Antrag an die Waldtraut und Sieglinde Hildebrandt-Stiftung stellte. Diesmal für eine Stiftungsprofessur – mit Erfolg!

Verena Kerkmann erhielt den Ruf. Bereits in den ersten Monaten des Jahres 2022 konnte sie den Dachverband DGSPJ für die bundesweite Einrichtung von Seh-Lotsen-Sprechstunden als Partner gewinnen. Dr. Thomas Becher, Kinderneurologe und Diplom-Heilpädagoge, gründete die Arbeitsgemeinschaft für Seh-Lotsen in SPZ im Zentralen Qualitätsarbeitskreis (ZQAK) der DGSPJ.

Das starke Team aus Hochschule, Klinik und DGSPJ warb 2024 erfolgreich Forschungsmittel ein – als Innovationssprint im Rahmen der DATIpilot Förderlinie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Von 2024 bis 2026 wird das Projekt zur Entwicklung einer Wissenschaftlichen Weiterbildung für Seh-Lotsende durchgeführt. Zwölf berufserfahrene SPZ-Mitarbeitende erlernen in diesem Rahmen die Beratung nach dem Dortmunder Modell – und helfen gleichzeitig dabei, das Modell so weiterzuentwickeln, dass auch weitere SPZ bald Seh-Lotsen-Sprechstunden eröffnen können. Parallel werden die SPZ-Leitenden zu Implementierungsbedingungen des neuen Versorgungsmodells befragt. 

Weil die Erfolge bei der Entwicklung eines innovativen Versorgungsmodells in so kurzer Zeit außergewöhnlich und sinnstiftend sind, haben wir Verena Kerkmann zum Interview eingeladen. 

Quelle: Deutsches Stiftungszentrum vom 27.02.2025

Redaktion: Paula Joseph