Soziale Arbeit

Queer Professionals zwischen „queeren Expert:innen“ und „Anderen“

Wie (berufs-)biografische Erfahrungen in das professionelle Handeln von Sozialarbeiter:innen einfließen können und wie queere Fachkräfte mit Diskriminierung und Stigmatisierung umgehen hat ein Forschungsteam vom Fachbereich Sozialwesen der Hochschule RheinMain (HSRM) erforscht.

20.07.2022

Lesbische, schwule, bi- und pansexuelle sowie trans*, inter* und non-binäre (queere) Fachkräfte der Sozialen Arbeit erleben in ihrer (Berufs-)Biografie häufig Prozesse der Abwertung und Ausgrenzung, ähnlich wie ihre queeren Adressat:innen. Diese Erfahrungen gilt es zu bewältigen, wodurch sie wiederum Kompetenzen und Resilienz aufbauen. Gleichzeitig unterstützen und begleiten diese Fachkräfte ihre Adressat:innen bei der Bewältigung dieser und anderer Erfahrungen in unterschiedlichen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit.

Wie solche (berufs-)biografischen Erfahrungen möglicherweise in das sozialpädagogische professionelle Handeln einfließen können und wie queere Fachkräfte mit Diskriminierung und Stigmatisierung umgehen – auch mit Blick auf mögliche notwendige Veränderungen in Organisationen der Sozialen Arbeit – haben Prof. Dr. Davina Höblich und Steffen Baer vom Fachbereich Sozialwesen der Hochschule RheinMain (HSRM) erforscht. Das Projekt Queer Professionals – Professionalität zwischen „queerer Expert*in“ und „Andere*r“ in der Sozialen Arbeit (QueerProf) (Laufzeit 01.06.2020 bis 31.03.2022) wurde aus Mitteln des Hessischen Aktionsplans für Akzeptanz und Vielfalt (APAV) gefördert.

Zweifache Perspektive im Blick

„Mit der Studie wollten wir die Situation queerer Fachkräfte in der Sozialen Arbeit genauer untersuchen und haben hierbei eine zweifache Perspektive und Zielsetzung verfolgt“, sagte Prof. Dr. Höblich. Dies war zum einen die professionstheoretische Perspektive auf queere Fachkräfte als Queer Professionals und lebensweltliche Expert:innen für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. Zum anderen wurden die Diskriminierungen, Diskriminierungserfahrungen und individuellen Bewältigungsleistungen von LSBTIQ*-Fachkräften in Feldern der Sozialen Arbeit rekonstruiert.

Auf Grundlage qualitativer Interviews mit schwulen, lesbischen, bi -und pansexuellen Fachkräften sowie trans* und non-binären Fachkräften aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe führt die vorliegende Studie verschiedene Perspektiven zusammen. Dazu Steffen Baer:

„Uns hat besonders interessiert: Welche Diskriminierungserfahrungen machen queere Fachkräfte in Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit, hier am Beispiel der Kinder- und Jugendhilfe? Wie wirken sich diese Erfahrungen konkret aus? Welche Bewältigungsstrategien haben die Befragten entwickelt?“

Außerdem wollten die Wissenschaftler:innen herausfinden, ob hieraus eine spezifische Expertise erwächst, die die eigene und vielleicht auch die Arbeit des Teams und der Einrichtung bereichert, ob Adressat:innen der Sozialen Arbeit hiervon profitieren – und wenn ja, wie.

Wichtige Ergebnisse für Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie Sozialpolitik

Zu den mehrdimensionalen Ergebnissen sagte Prof. Dr. Höblich:

„Die Befunde des Projekts liefern wichtige Erkenntnisse zur Antidiskriminierung und zum Diversity-Management am Arbeitsplatz sowie zu professionstheoretischen Perspektiven auf Queer Professionals als lebensweltliche Expert:innen sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in der Kinder- und Jugendhilfe“.

Die Erkenntnisse liegen hierbei auf mehreren Ebenen:

  • Ausbildung künftiger Fachkräfte Sozialer Arbeit: Die Erkenntnisse des Projektes flossen und fließen unmittelbar in die Ausbildung der Fachkräfte Sozialer Arbeit in den Bachelor- und Master-Studiengängen der Hochschule RheinMain ein.
  • Fort- und Weiterbildung für bereits in der Sozialen Arbeit tätige Fachkräfte: Es wurden Empfehlungen zu Bedarfen und Inhalten der Fort- und Weiterbildung erarbeitet.
  • Sozialpolitik und Strukturen: Es werden Handlungsempfehlungen für sozialpolitische Maßnahmen der wohlfahrtsstaatlichen politischen Akteur:innen sowie Träger:innen der Sozialen Arbeit (Landesjugendamt, Landesgesundheitsämter, Pflegekassen etc.) gegeben.

Zum Abschluss der Studie stellte Kai Klose, Hessischer Minister für Soziales und Integration, fest: „Eine große Stärke des Forschungsberichts liegt darin, die vielschichtigen Fragestellungen, die sich mit der Rolle queerer Fachkräfte der Sozialen Arbeit verbinden, prägnant auf den Punkt zu bringen.“ Hierdurch werde nicht nur der wissenschaftliche Diskurs bereichert; die Ergebnisse seien auch wertvoller Input für die Qualitätsentwicklung. „Die abschließenden, kenntnisreich formulierten und durchaus streitbaren Empfehlungen fordern Entscheidungsträger:innen heraus. Ich wünsche der engagierten Forschung auch deshalb, dass sie breite Rezeption und Anerkennung erfährt!“, so Klose weiter.

Weitere Informationen zum Projekt sind auf der Website der Hochschule RheinMain zu finden.

Quelle: Hochschule RheinMain vom 08.07.2022

Redaktion: Laura Burger

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