Interview

Prof. Dr. Nadia Kutscher zum Thema Digitale Kompetenzen

Prof. Dr. Nadia Kutscher ist Professorin für Erziehungshilfe und Soziale Arbeit an der Universität zu Köln. Im Interview präzisiert sie zunächst Begriffe wie „digitale Kompetenzen“ und „Digitalität“. Anschließend erläutert sie, wie das Forschungsprojekt „DiKoJu“ erstmals systematisch untersucht, mit welchen digitalen Anforderungen Fachkräfte tatsächlich konfrontiert sind und warum ein rein individueller Kompetenzfokus zu kurz greift.

15.04.2026

Der Begriff „Digitale Kompetenzen“ wird sehr breit verwendet. Was wird damit in der Kinder- und Jugendhilfe genau beschrieben und wo beginnt aus Ihrer Sicht begriffliche Unschärfe?

In der Praxis der Kinder- und Jugendhilfe werden damit sehr unterschiedliche Dinge verstanden – von der Fähigkeit, mit bestimmten Tools wie Software, Apps und in letzter Zeit insbesondere „KI“ umzugehen, der Fähigkeit, junge Menschen im Kontext des Aufwachsens in einer durch Digitalität geprägten Gesellschaft zu unterstützen, über das Verfügen über Wissen und Fähigkeiten, die für medienpädagogische Projektangebote erforderlich sind, bis zur Fähigkeit, fachliche Fragen im Kontext von Digitalität und Digitalisierung reflektieren und eine entsprechend (auch kritisch-)reflexive Praxis gestalten zu können. Auch in der Wissenschaft existieren unterschiedliche Kompetenzverständnisse, die auch kontrovers diskutiert werden.

Obwohl oft von Digitalisierung die Rede ist, trifft Digitalität den Kern der Sache in vielen Fällen besser. Wo genau liegt da der Unterschied und wie verändert die dauerhafte Präsenz digitaler Technologien fachliches Handeln in der Kinder- und Jugendhilfe?

Mit Digitalität ist kurz gesagt die Anwesenheit des Digitalen im Alltag gemeint. Felix Stalder hat den Begriff im Zusammenhang seiner „Kultur der Digitalität“ geprägt. Es spricht vieles dafür zwischen Digitalisierung und Digitalität zu differenzieren, da mit Digitalisierung Prozesse und Anstrengungen bezeichnet werden, Dinge, Verfahren oder Angebote ins Digitale zu übertragen. Digitalität meint hingegen, dass das Digitale längst selbstverständlicher Teil des Alltags ist und damit Beziehungen, Arbeitsweisen und institutionelle Abläufe mitprägt, auch ohne dass etwas bewusst „digitalisiert“ wird. Früher wurde das oft auch unpräzise als Digitalisierung bezeichnet. 
Zur Frage, wie die digitale Präsenz die Kinder- und Jugendhilfe verändert, ist schon viel geschrieben worden, empirisch wissen wir erstaunlich wenig darüber. Es gibt viele Diskurse dazu, was aber tatsächlich passiert, ist noch Gegenstand von Forschungen, die versuchen über subjektive Erfahrungen und Eindrücke hinaus das, was mit Digitalität und Digitalisierung das Feld der Kinder- und Jugendhilfe und die damit verbundenen fachlichen Fragen und Anforderungen transformiert, empirisch zu untersuchen. Wir sind gerade dabei, in dem BMBFSFJ-geförderten Projekt „Digitale Kompetenzen in der Kinder- und Jugendhilfe“ (DiKoJu), das wir gemeinsam mit der AGJ durchführen, erstmals systematisch zu erfassen, wie Digitalität den Arbeitsalltag in unterschiedlichen Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe tatsächlich prägt und welche Anforderungen sich daraus für Fachkräfte ergeben. Dazu führen wir eine bundesweite empirische Studie durch.

Sie unterscheiden analytisch zwischen der Ebene der Adressat*innen der Kinder- und Jugendhilfe, der Fachkräfte und der Organisationen. Warum ist diese Unterscheidung zentral, um digitale Entwicklungen im Feld angemessen zu verstehen?

Diese Systematik orientiert sich am sogenannten „Bielefelder Dreieck“, das in vielen Zusammenhängen als Referenz für die Dimensionen Sozialer Arbeit genutzt wird. Es hilft dabei, die verschiedenen Ebenen Sozialer Arbeit bzw. der Kinder- und Jugendhilfe systematisch in den Blick zu nehmen und einzuordnen, in welchen Beziehungen und Verantwortungszusammenhängen digitale Entwicklungen jeweils verankert sind. Die Unterscheidung ist wichtig, da auf diesen Ebenen unterschiedliche Verantwortungen, Handlungsmöglichkeiten und Perspektiven bestehen. Digitale Entwicklungen betreffen Adressat*innen, Fachkräfte und Organisationen jeweils auf unterschiedliche Weise und können auch zu Spannungen zwischen diesen Perspektiven führen. Gerade in der Sozialen Arbeit, etwa im Kontext ihres doppelten Mandats, werden dadurch unterschiedliche Anforderungen und Entscheidungslogiken sichtbar.

Digitale Medien wirken in der Kinder- und Jugendhilfe sowohl als Arbeitsmittel als auch als Organisationstechnologien, etwa in der Dokumentation oder Fallsteuerung. Welche fachlichen und machtbezogenen Fragen sind damit verbunden?

Damit ist gemeint, dass beispielsweise Falldokumentation (als Arbeitsmittel im Alltag einer Fachkraft) gleichzeitig auch eine Rolle im Zusammenhang der Organisationstechnologie spielt, wenn diese Dokumentationen oder Daten daraus auch für Controlling und Steuerung durch die Geschäftsführung genutzt werden. Wir sehen das konkret bei den „Komplett“-Lösungen, die viele Träger mittlerweile nutzen, die sowohl Falldokumentation als auch administrative Funktionen umfassen und je nach zugeteilten Rechten eben unterschiedlichen Personen Zugriff auf Daten ermöglichen, die früher möglicherweise nur in den Händen der fallführenden Fachkräfte lagen. Damit entstehen erweiterte Datenschutzfragen. Aus Studien wissen wir, dass das auch die Art und Weise, wie Fachkräfte mit solch einer digitalgestützten Dokumentation umgehen (z. B. was sie darin eintragen und was vielleicht auch nicht) beeinflussen kann. Hier liegt ein sehr sensibles Feld für alle Beteiligten, also Trägervertreter*innen, Vorgesetzte, Fachkräfte, Adressat*innen und ihre Daten, aber auch Softwareentwickler*innen.

In vielen Fortbildungsangeboten sowie im politischen Diskurs generell geht es darum, die digitalen Kompetenzen einzelner Fachkräfte zu stärken. Wo sehen Sie die Risiken eines stark subjektorientierten Kompetenzverständnisses, insbesondere im Kontext von Digitalisierung?

Der Blick auf die Fähigkeiten der Fachkräfte ist grundsätzlich wichtig, denn pädagogisches Handeln ist immer auch mit Bildungsprozessen von Subjekten verbunden. Allerdings stellt die starke Kompetenzfokussierung, die die Bildungsdebatte seit etwa zwei Jahrzehnten prägt, eine Verkürzung dessen dar, was Bildung umfassen kann. Kompetenzen sind in der Regel zweckrational ausgerichtet. Bildungsprozesse, die nicht unmittelbar einem vorgegebenen Verwertungsziel folgen, geraten dadurch leicht aus dem Blick. 
Wenn wir Menschen immer nur unter dem Gesichtspunkt künftiger Verwertbarkeit betrachten, gehen zentrale Aspekte dessen, was uns als Menschen ausmacht, verloren. Diese Kritik an einer engen Kompetenzorientierung ist in der Bildungsdebatte vielfach formuliert worden und bildet auch einen wichtigen Bezugspunkt unserer eigenen Auseinandersetzung mit dem Kompetenzbegriff.
Im Kontext digitaler Medien kommt hinzu, dass der von Dieter Baacke geprägte Begriff der Medienkompetenz bis heute einen zentralen Referenzpunkt darstellt. Bei Baacke umfasst der Begriff unterschiedliche Dimensionen, die in der Praxis jedoch häufig verkürzt auftauchen. Zudem liegen solchen Kompetenzvorstellungen oft normative Annahmen zugrunde, die bestimmte Formen der Mediennutzung als „wünschenswert“ markieren, während Fragen sozialer Ungleichheit oder Machtverhältnisse unterbelichtet bleiben.
Das Grundproblem der Kompetenzorientierung besteht darin, dass Fähigkeiten häufig individualisiert betrachtet werden, während die strukturellen Bedingungen, unter denen Fähigkeiten entwickelt und wirksam werden, aus dem Blick geraten. Angesichts einer von globalen Technologieunternehmen geprägten digitalen Infrastruktur, scheint es fast zynisch, ausschließlich auf individuelle Kompetenzentwicklung zu setzen. Fragen von Datennutzung, Plattformmacht und politischer Regulierung lassen sich nicht alleine über individuelle Souveränität lösen. Ohne eine stärkere gesellschaftliche und politische Gestaltung digitaler Rahmenbedingungen stößt der Fokus auf individuelle Kompetenzen schnell an Grenzen. Ganz besonders geht es hier auch darum, die Anbieter noch mehr in die Pflicht zu nehmen als bisher.

Welche Leerstelle adressiert das Projekt „Digitale Kompetenzen in der Kinder- und Jugendhilfe“ vor diesem Hintergrund und was unterscheidet Ihren Zugang von bestehenden Kompetenzmodellen

Das Projekt fokussiert, entsprechend der Schwerpunktsetzung der Förderlinie des Ministeriums, die digitale Kompetenzförderung von Fachkräften in der Kinder- und Jugendhilfe. Dafür führen wir in 2026 eine bundesweite Onlinebefragung von Fachkräften in allen Handlungsfeldern und Bundesländern durch. Erhoben werden sowohl Kompetenz- und Qualifizierungsbedarfe als auch die Bedingungen von Digitalität und Digitalisierung, mit denen Fachkräfte in ihrem Arbeitsalltag konfrontiert sind. Damit nehmen wir bewusst auch die strukturellen Rahmenbedingungen, aus denen spezifische Kompetenzanforderungen entstehen, in den Blick. Diese betrachten wir sowohl handlungsfeldspezifisch als auch handlungsfeldübergreifend.
Daran schließt sich eine qualitative Vertiefungsstudie an. In Gruppendiskussionen, Interviews und teilnehmenden Beobachtungen in Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, in Jugendämtern, in stationären Erziehungshilfen sowie in Kitas gewinnen wir Einblicke in die Praxis. Ziel ist es, auch Widersprüche, Brüche und bislang wenig sichtbare Bedarfe im Arbeitsalltag einzubeziehen. Auf dieser Grundlage entsteht erstmals ein bundesweiter Überblick über Digitalität in der Kinder- und Jugendhilfe aus der Perspektive der Fachkräfte sowie über die damit verbundenen strukturellen Bedingungen. Besonderheit des Projekts ist, dass Kompetenzprofile nicht isoliert betrachtet werden, sondern stets im Zusammenhang mit konkreten fachlichen Anforderungen und organisationalen Rahmenbedingungen. Gemeinsam mit der AGJ und unter Einbeziehung von Vertreter*innen aus den verschiedenen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe werden daraus Kompetenzprofile und Qualifizierungsmodule für den fachlichen Umgang mit Digitalität und Digitalisierung entwickelt, die der Praxis anschließend zur Verfügung stehen sollen.