15. Kinderschutzforum
Jugendliche Lebenswelten
Beim 15. Kinderschutzforum wurden Herausforderungen in der Jugendhilfe thematisiert, darunter die Verunsicherung Jugendlicher durch globale Krisen und unzureichende politische Unterstützung. Vorträge beleuchteten Entwicklungsaufgaben, die Bedeutung der Sprache in der Pädagogik und die Risiken digitaler Medien.
20.11.2025
Wie ticken Jugendliche heute und welche Entwicklungsaufgaben stechen hervor?
Zum Einstieg präsentierte Prof.in Dr.in Karin Böllert (Universität Münster) zentrale Befunde aus dem 17. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung. Sie verdeutlichte, vor welchen Herausforderungen Jugendliche in einer alternden Gesellschaft stehen. Unterschiedliche Startbedingungen prägen ihre Perspektiven auf Ausbildung, soziale Positionierung und somit auch ihre Zukunft. Jugendliche zeigen sich offen und reflektiert, sind zugleich aber angesichts globaler Krisen verunsichert. Ihre zentrale Kritik: Forderungen nach einer Stärkung der Kinder- und Jugendhilfe finden politisch derzeit nur wenig Gehör.
Aus ressourcenorientierter Sicht betrachtete Prof. Dr. Heike Eschenbeck (Katholische Hochschule Schwäbisch Gmünd) anschließend im zweiten Vortrag die Entwicklungsaufgaben von Jugendlichen. Für die Praxis der Kinder- und Jugendhilfe erwiesen sich dabei insbesondere Hinweise auf wissenschaftlich evaluierte Präventionsmaßnahmen für ein gesundes und sicheres Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen als hilfreich („Grüne Liste Prävention“).
Wer ist in welcher Weise „schwierig“?
Prof. Dr. Diana Düring (Ernst-Abbe-Hochschule Jena) stellte in ihrem Vortrag die Bedeutung der eigenen fachlichen Haltung sowie die bewusste Reflexion von Sprache und Begrifflichkeiten in den Mittelpunkt. Am Beispiel des Begriffs „Systemsprenger“ machte sie deutlich, wie sprachliche Zuschreibungen Wirklichkeit schaffen, pädagogische Beziehungen beeinflussen und Handlungsspielräume sowohl eröffnen als auch einschränken können. Sie plädierte dafür, solche Etikettierungen kritisch zu hinterfragen, um nicht vorschnell problemzentrierte Sichtweisen zu verfestigen, und verwies zugleich auf die Verantwortung der Fachkräfte, eine ressourcenorientierte Perspektive einzunehmen. Abschließend warnte sie eindringlich vor einer zunehmenden Tendenz zu verhaltenssteuernden, restriktiven und geschlossenen Unterbringungsformen in der Kinder- und Jugendhilfe, die Chancen auf Teilhabe und Entwicklung erheblich begrenzen können.
Was bewegt Jugendliche heute? Von neuen Herausforderungen und Dauerbrenner-Themen
In den Foren richtete sich der Blick stärker auf die konkreten Lebenswelten Jugendlicher und dabei zunächst auf neue Phänomene im Zusammenhang mit digitalen Medien:
- Greta Bernstone von JUUUPORT machte auf das Problem von Sextortion (Erpressung mit sexualisierten Inhalten und Abbildungen) aufmerksam. Diese Übergriffe und spezifische Form der Gewalt nehme unter Jugendlichen rasant zu und betrifft sowohl Jungen als auch Mädchen, so die Peer-Beraterin.
- Über Grenzen hinaus zu gehen und mutig zu sein, ist Teil jugendlicher Selbstfindung. Dennoch gibt es einen zunehmenden Trend riskanter Online-Challenges, so Pamela Heer von Klicksafe. Viele dieser Onlinewettbewerbe (wie Sing- und Tanz-Challenges) sind harmlos, der starke Drang nach Anerkennung in der Community erweist sich jedoch oftmals auch als Potenzial für problematisches und mitunter gefährdendes Verhalten. Hier finden sich weitere Informationen für Fachkräfte zur Problematik.
- Dr. Bernd Zywietz von jugenschutz.net eröffnete Einblicke in neue Möglichkeiten zum Einsatz von KI, die vor allem in rechtsextremistischen Plattformen und Netzwerken zum Einsatz kommen und sich damit potenziell gefährdend auswirken können.
Resümierend aus dem Forum lässt sich ableiten, dass neben den wichtigen Effekten von jugendlicher Exploration auch die riskanten und gefährdenden Aspekte neuer Phänomene stärker berücksichtigt werden sollten. Wie wirken sich diese auf jugendliche Entwicklung aus und an welchen Stellen kommt es bereits zu Gefährdungsmomenten? Mit dieser Frage sind Fachkräfte in der Praxis beschäftigt, aber auch oftmals allein gelassen. Kinder- und Jugendmedienschutz, Medienpädagogik und Jugendhilfepraxis sollten hier stärker zusammenwirken.
Die Zusammenarbeit zwischen Kinder- und Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrie stand im Mittelpunkt des zweiten Forums – und damit ein schon länger bekanntes Problemfeld, eine Art Dauerbrenner im Diskurs um die Versorgung von Jugendlichen in psychosozialen Krisen. In den Statements der Referent*innen Dr. Tobias Berg (Facharzt für Kinder-/Jugendpsychiatrie und -psychotherapie) und Ann-Kathrin Fasel (DRK LV Rheinland-Pfalz) wurden zunächst die strukturellen Handlungsgrundlagen und rechtlichen Unterschiede der Systeme benannt.
In der Analyse eines gescheiterten Fallverlaufs wurde dann sehr eindrücklich deutlich, wie wenig belastbar sich die Zusammenarbeit aufgrund von Überlastung, Ressourcenmangel und unabgestimmter fachlicher Expertise erwies und sie sich letztlich negativ auf die Lebenssituation und die Krisen des Jugendlichen auswirkte, der im Mittelpunkt des Falles stand.
Beteiligung: Ja! Aber? Brauchen wir einen pragmatischeren Beteiligungsbegriff?
Heinz Müller (Institut für sozialpädagogische Forschung Mainz) nahm den Beteiligungsbegriff kritisch in den Blick. Unter dem Titel „Man kann nicht nicht beteiligen“ plädierte er dafür, den oft normativ überhöhten Anspruch realistisch einzuschätzen. Wichtiger sei es, kreative Formen der Mitsprache zu entwickeln – etwa in Hilfeplangesprächen. Beteiligung müsse auch für Fachkräfte umsetzbar und motivierend sein.
Auf dem Weg in eine diskriminierungsfreie Kinder- und Jugendhilfe? Inklusion als Ausblick
Zum Abschluss warb Kerstin Ankenbrand in ihrem Vortrag für eine diskriminierungsfreie Kinder- und Jugendhilfe. Sie plädierte für einen weiten Inklusionsbegriff, der die Vielfalt jugendlicher Lebensentwürfe anerkennt und gesellschaftliche Unterschiede stärker berücksichtigt.
Fazit: Jugendliche in Krisen – Hilfesysteme an Grenzen
Wie ein roter Faden zog sich durch alle Beiträge: Trotz vieler guter Ansätze stoßen die Hilfesysteme an ihre Grenzen. Sowohl in Städten als auch im ländlichen Raum fehlen spezialisierte Einrichtungen, Unterbringungsplätze und Inobhutnahmestellen. Angesichts hoher Fallzahlen und komplexer Problemlagen ist es kaum möglich, passgenau zu reagieren.
„Die Tendenz, dass der Hilfebedarf aus dem heraus bestimmt wird, welche Angebote vorhanden sind und nicht, was der Jugendliche braucht, darf sich nicht weiter verfestigen! Unter diesen Rahmenbedingungen verpassen wir den Anschluss an die Lebenswelten von Jugendlichen“,
so das Resümee von Keno Burmester, Fachreferent bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren.
Die zentrale Botschaft des Kinderschutzforums richtet sich deshalb an kommunale, Landes- und Bundespolitik: Die gegenwärtigen Rahmenbedingungen, die Versorgungsstrukturen, die Fachkräftesituation in der Kinder- und Jugendhilfe entsprechen bei weitem nicht dem, was Jugendliche in Krisen brauchen. Nur in regional angemessen und regelhaft verfügbaren Strukturbedingungen können Jugendliche in ihren Lebenswelten und in den zunehmenden gesellschaftlichen und psychosozialen Krisen unterstützt werden.
Hier sind politische Entscheidungsträger*innen gefordert,
- die Situationen vor Ort zu überprüfen und auf die Bedarfe veränderter Lebenslagen und psychosozialer Krisen im Jugendalter hin auszurichten. Dazu gehören deutlich mehr Unterbringungsplätze, Inobhutnahmestellen, Beratungseinrichtungen und psychotherapeutische Versorgungsangebote sowie regional verfügbare Plätze in der Kinder- und Jugendpsychiatrie.
- möglichen Kürzungen in den Sozialhaushalten entgegenzutreten, sich an Sozialstaatsprinzipien der Subsidiarität zu orientieren und somit eine angemessene Ausstattung freier Träger nicht aus dem Blick zu verlieren, die zentralen ambulanten und stationären Hilfeleistungen für Jugendliche in ihren Lebenswelten bieten.
- neue Gefährdungen und Risiken im Aufwachsen nicht mehr zwischen analog und digital zu unterscheiden und (medien)pädagogische Unterstützung, Erziehung, Beratung und Schutz stärker zu verknüpfen und dafür entsprechende Angebote in der niedrigschwelligen Beratung wie in der Hilfelandschaft der Kinder- und Jugendhilfe weiterzuentwickeln.
Quelle: Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren e. V. über den 18.-19.09.2025
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