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Interview zum IMA-Bericht – Im Alltag entwickelt, in der Krise bewährt: Daten aus dem Sozialatlas in der Corona-Krise genutzt

Das Fachkräfteportal widmet sich den Handlungsempfehlungen aus dem IMA-Bericht „Gesundheitliche Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche durch Corona“. Heute dazu im Gespräch: Andrea Schumacher. Die Diplom-Verwaltungswirtin ist als Sozialplanerin bei der Stadt Neuss tätig. Sie betont, dass sich die integrierte Sozialberichterstattung auch in den verschiedensten Krisen der jüngsten Vergangenheit sehr stark bewährt habe. Das begrenzte und zugleich sorgfältig und breitgefächert ausgewählte Datentableau des Berichts mache ihn zu einem multifunktionalen und dennoch gut zu handhabenden Werkzeug.

15.12.2021

Für das Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe kommentiert Christa Frenzel die Ergebnisse zum IMA-Bericht „Gesundheitliche Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche durch Corona“. Außerdem befragen wir Fachkräfte sowie Entscheidungsträger/-innen zu den Kernempfehlungen des IMA-Berichts, dieses Mal: Andrea Schumacher

Andrea Schumacher ist Diplom-Verwaltungswirtin und als Sozialplanerin bei der Stadt Neuss tätig. Außerdem ist sie Stellvertretende Vorsitzende im Arbeitskreis „Sozialplanung, Organisation und Qualitätssicherung“ des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e.V..

Die Empfehlungen zum Abbau sozialer Ungleichheiten der gesundheitlichen Gefährdung infolge von COVID-19 betonen auf lokaler Ebene die Notwendigkeit, Präventionsprojekte trotz drohender Kürzungen bedarfsorientiert anzubieten und speziell bei sozial benachteiligten Familien gezielt anzusetzen (Ernährung, Bewegung, Förderung psychischer Gesundheit, Lernhilfen bei Kindern), so das Kompetenznetz Public Health COVID-19 in seinem Hintergrundpapier „Integrierte gesundheitspolitische Empfehlungen“.  

Am 15.09.2021 wurden dem Bundeskabinett die Ergebnisse der Interministeriellen Arbeitsgruppe (IMA) von BMG und BMFSFJ "Gesundheitliche Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche durch Corona", vorgestellt.

Ziel der auf Bundesebene angesiedelten IMA war es Maßnahmen zu diskutieren, die erforderlich sind, um die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu stärken und die negativen Folgen der COVID-19-Pandemie für die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu minimieren und Handlungsansätze insbesondere für kurzfristig umsetzbare Maßnahmen in drei Handlungsfeldern zu identifizieren. Dabei sollte insbesondere die Situation von Kindern und Jugendlichen in den nächsten Monaten in den Blick genommen werden. 

Für die Fachkräfte und Verantwortlichen der Kinder- und Jugendhilfe, die ebenso wie der öffentliche Gesundheitsdienst und das Gesundheitssystem insgesamt, von der Pandemie und den Folgen der Pandemie sehr stark betroffen sind, ist von großem Interesse, wie die Empfehlungen umgesetzt werden können. 

Das Handlungsfeld 2 „Gemeinsam stark machen“ betrifft die primäre Prävention und Gesundheitsförderung in den Lebenswelten Schule, Kindertageseinrichtungen, Kommune, Vereine; außerschulische Jugendbildung. 
In diesem Bereich werden Prävention und Gesundheitsförderung als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe benannt, die unter anderem die Bereiche Gesundheit, Familie, Kinder- und Jugendhilfe sowie schulische und außerschulische Bildungsbereiche umfasst. Steuernde und koordinierende Akteure vor Ort sind der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) und die Träger der Kinder- und Jugendhilfe sowie der außerschulischen Bildung. „Die gesetzliche Krankenversicherung stärkt als wichtiger Partner im Rahmen der Präventionsmaßnahmen nach dem SGB V die Prävention und Gesundheitsförderung insbesondere in den Kindertageseinrichtungen und Schulen“ heißt es weiter. 

Handlungsfeld 3 „Zielgerichtete und bedarfsorientierte Hilfe“: Besonders belastete Kinder und Jugendliche frühzeitig identifizieren - Unterstützung der besonders belasteten Kinder, Jugendlichen und ihrer Familien bei der Bewältigung der gesundheitlichen Folgen der Pandemie.

Das Handlungsfeld 3 nimmt einen deutlichen Schwerpunkt im Maßnahmenkatalog ein. Auch die Hilfe für besonders belastete Kinder, Jugendliche und deren Familien wird als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe beschrieben. Die vorgeschlagenen Maßnahmen sollen innerhalb der bestehenden Strukturen zu einer unmittelbaren Verbesserung der Hilfs- und Unterstützungsangebote führen.

Voraussetzung für die Förderung: datenbasierte Projektbeschreibungen  

Die Empfehlungen sehen die Kommunen, insbesondere die Träger die öffentliche Kinder- und Jugendhilfe und den Öffentlichen Gesundheitsdienst, in der Verantwortung für eine koordinierende und steuernde Rolle und als wesentlicher Akteur für die Durchführung von Maßnahmen. Zudem wird die Inanspruchnahme von Fördermitteln, zum Beispiel der Präventionsmaßnahmen nach dem SGB V durch Zuwendungen der gesetzlichen Krankenversicherung stets an datenbasierte Projektbeschreibungen geknüpft. 

Die Förderung nach dem SGB V setzt voraus, dass im Rahmen einer Bedarfsanalyse die kommunale Ausgangslage erfasst wurde. Hierzu können kommunale bzw. regionale Daten der Gesundheits- und/oder Sozialberichterstattung sowie Erkenntnisse regionaler Bedarfsanalysen (Expertenbefragungen, qualitative Interviews mit der Zielgruppe) genutzt werden, um den Bedarf sowie zielgruppenspezifische Schwerpunkte und Handlungsfelder zu benennen. Die adressierte/n Zielgruppe/n ist bzw. sind präzise einzugrenzen (https://www.gkv-buendnis.de/fileadmin/user_upload/Foerderprogramm/Zielgruppenspezifische_Projektfoerderung/Foerderbekanntmachung_Zielgruppenspezifische_Interventionen.pdf).

Der Sozialatlas der Stadt Neuss:  fachliches Werkzeug für Politik und Verwaltung 

Frau Schumacher, für das bedarfsgerechte Planen und damit nachhaltige Handeln einer Kommune ist die Kenntnis der Lage der Menschen vor Ort – sowohl insgesamt als auch kleinräumig differenziert – von elementarer Bedeutung. Die Stadt Neuss verfügt über seit über 10 Jahren über eine strukturierte Sozialberichterstattung und gehört damit zu den Kommunen, die schnell gute Grundlagen für Entscheidungen liefern können. Die Kommunen sind den Sorgen und Nöten der Menschen sehr nahe und sind insbesondere in Krisensituationen gefordert, schnell fundierte Entscheidungen zu treffen. Welche strategischen Vorteile hatte die Stadt Neuss durch ihre kontinuierliche Sozial- und Jugendberichterstattung zu verzeichnen? In welchen Situationen waren die Daten als Grundlage von Entscheidungen hilfreich und nutzbar?

Der Sozial- und Jugendbericht der Stadt Neuss wurde im Auftrag des Sozialausschusses und des Jugendhilfeausschusses der Stadt Neuss entwickelt und dient seither in erster Linie allen Verantwortlichen in Politik und Verwaltung als fachliches Werkzeug. Darüber hinaus steht der Bericht durch seine Veröffentlichung auf der Internetseite der Stadt Neuss allgemein zur Verfügung. So haben beispielsweise auch die Wohlfahrtsverbände und freien Träger Sozialer Arbeit jederzeit Zugriff auf sämtliche Daten und Informationen. 

Daten und Fakten stets „griffbereit“ – ein multifunktionaler und gut zu handhabender Baustein für viele Akteure
Der Bericht bietet allen Interessierten gleichermaßen die Möglichkeit, sich kurzfristig sowohl themenbezogen als auch kleinräumig regional einen grundsätzlichen Überblick über die Entwicklung und den aktuellen Stand der Lebensrealitäten der Menschen in Neuss zu verschaffen. So fließen die Datengrundlagen in die unterschiedlichsten fachlichen Bewertungen der Akteure ein und machen deren Entscheidungen insoweit für alle transparent und nachvollziehbar, ohne den Akteuren ihre Bewertungs- und Entscheidungskompetenzen zu nehmen. 

Im Verwaltungsalltag wird der Bericht in sozialen und den verschiedensten weiteren fachlichen Kontexten genutzt. So fand er beispielsweise im Rahmen der Aufstellung eines neuen Flächennutzungsplans und anderen stadtplanerischen Kontexten Verwendung. Ferner wird er kontinuierlich und fachübergreifend für die Beantragung von öffentlichen Fördermitteln verwendet, in städtebaulichen Zusammenhängen, insbesondere aber im sozialen Bereich, durch die Verwaltung selbst, aber auch von den weiteren Akteuren der Sozialen Arbeit. 

Im Alltag entwickelt, in der Krise bewährt: Lokalisierung vulnerabler Gruppen – Standorte für Sonderimpfaktionen – Mehrsprachige Informationen zu Corona

Die Situation von Kindern und Jugendlichen wird maßgeblich von der Lebenslage der Eltern beeinflusst. Inwieweit konnten die Daten aus dem Sozialatlas auch in der Corona-Krise genutzt werden?

Über die regulären Planungskontexte hinaus hat sich die integrierte Sozialberichterstattung auch in den verschiedensten Krisen der jüngsten Vergangenheit sehr stark bewährt. Das begrenzte und zugleich sorgfältig und breitgefächert ausgewählte Datentableau des Berichts macht ihn zu einem multifunktionalen und dennoch gut zu handhabenden Werkzeug. In den aktuellen Krisen konnten die Daten wie folgt erheblich unterstützen:  

  1. Corona - Lokalisierung vulnerabler Gruppen
    Im Rahmen der Corona-Pandemie verhalf der Bericht sehr schnell zu einem guten Überblick über die regionalen Schwerpunkte vulnerabler Altersgruppen.
     
  2. Corona - Sonderimpfaktionen 
    Für kurzfristige Impfaktionen konnten über Einwohnerdaten in Verbindung mit Daten zum Transferleistungsbezug und zur Überschuldung sehr schnell regionale Schwerpunkte von Menschen / Familien in tendenziell prekären wirtschaftlichen Verhältnissen lokalisiert werden.
    Außerdem war mit dem Sozialatlas eine Übersicht der Einrichtungen und Akteure vor Ort flächendeckend verfügbar, sodass in Absprache mit diesen frühzeitig eine räumliche Verortung des Impfangebots in der Region möglich war. 
    Im nächsten Schritt konnte durch vertiefende Informationen aus dem Einwohnermeldeamt und unter Beteiligung der Experten*innen aus dem Bereich der Integration die Aktion kurzfristig gezielt und auch fremdsprachlich beworben werden, sodass die Zielgruppe umfänglich erreicht wurde und die gesamte Aktion sehr erfolgreich verlief.
     
  3. Starkregen und drohende Flutwelle 
    In Neuss mündet die Erft in den Rhein, sodass eine Flutwelle im Sommer 2021 auch für Neuss eine Bedrohung darstellte. Durch den Abgleich der Karte zu den Überflutungsrisiken mit dem Sozialatlas wurden einerseits sehr schnell fachübergreifend gefährdete Einrichtungen und andererseits die Gefährdungslage für in Frage kommende Einrichtungen zur Evakuierung sichtbar. Der Neusser Krisenstab konnte insoweit kurzfristig und umfassend unterstützt werden.

Zeitersparnis im Krisenmanagement: Der Rückgriff auf vorhandene Daten

Zusammenfassend ist festzustellen, dass sich der integrierte Sozial- und Jugendbericht der Stadt Neuss in der täglichen Arbeit von Anfang an vielfach bewährt hat und zu einem unverzichtbaren Werkzeug geworden ist. Darüber hinaus konnten durch den gesamten Bericht und speziell den interaktiven digitalen Sozialatlas dem Krisenmanagement stets kurzfristig umfangreiche sachdienliche Materialien strukturiert zur Verfügung gestellt und damit ein in der drohenden oder eingetretenen Krise nicht zu unterschätzender zeitlicher Vorsprung verschafft werden. 

Zur Information:
Integrierter Sozial- und Jugendbericht der Stadt Neuss

Seit 2010 erfolgt eine sozialräumlich ausgerichtete integrierte, d. h. themenübergreifende Berichterstattung zur sozialen Lage der Menschen in der Stadt Neuss. Der Bericht wurde konzipiert als Werkzeug für die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung, steht aber darüber hinaus auch allgemein zur Verfügung.

  • Datenanalyse
    Die Fortschreibung der statistischen Daten erfolgt in einem Turnus von 3 Jahren. Die Daten werden sowohl thematisch als auch regional gegliedert aufbereitet und als jeweils einzelne Dokumente zur Verfügung gestellt.
  • Sozialatlas
    Die Bestandsanalyse der Einrichtungen und Angebote in der Stadt Neuss wird mit ihren objektbezogenen Daten laufend aktualisiert und steht über die interaktive Anwendung des „Sozialatlas“ allgemein zur Verfügung. 

Ferner besteht aus dem Sozialatlas ein unmittelbarer Zugang in ein weiteres Werkzeug, das nochmals neue Dimensionen eröffnet:
Das gesamte Stadtgebiet von Neuss steht über die Liegenschaften und Vermessung (LVN) Neuss in Form eines 3D-Stadtmodells und einem digitalen Geländemodell zur Verfügung. Durch seine intuitive Navigation bietet der Viewer einen einfachen Zugang zu Informationen aus der 2D oder 3D Geoinformation der Stadt Neuss.

Sozial- und Jugendberichterstattung bedarf einerseits der Konstanz eines festen Rahmens, um Entwicklungen im Laufe der Zeit sichtbar machen zu können. Aus bestehenden Krisen und technischem Fortschritt ergeben sich aber immer wieder auch neue Anforderungen und Chancen für neue Visionen der integrierten Sozialberichterstattung. Daher muss sie gleichzeitig auch dynamisch sein und sich weiterentwickeln. Nur so kann sie inhaltlich und technisch dauerhaft ein praktikables Werkzeug sein. 

Die vollständige Datenanalyse mit sämtlichen Gesamtschauen, Kontextinformationen und ihren Bezirksprofilen sowie der interaktive Sozialatlas sind auf der Internetseite der Stadt Neuss verfügbar.

Insbesondere für den Sozialatlas wird für einen grundsätzlichen Überblick zu den Details und Möglichkeiten der Anwendung, insbesondere den verfügbaren thematischen und raumbezogenen Filtern sowie den Nutzungsmöglichkeiten von thematischen Karten als Projektionsflächen, explizit auch auf das als Download wie v. g. verfügbare Handbuch verwiesen.

Kontakt: Andrea.Schumacher@stadt.neuss.de 

Frau Schumacher, ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch!

Das Gespräch führte Erste Stadträtin a. D. Christa Frenzel

Redaktion: Iva Wagner

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