Interviewreihe „Kinderschutz in der Praxis“

Im Gespräch – Ein Schulsozialarbeiter an zwei Schulen

Wie sieht es mit der Umsetzung von Kinderschutzmaßnahmen in der Praxis aus? In unserer dreiteiligen Interviewreihe geben Fachkräfte aus verschiedenen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe Einblicke in ihren beruflichen Alltag und berichten von ihren individuellen Perspektiven und Erfahrungen im Umgang mit (möglichen) Kindeswohlgefährdungen.

28.07.2026

Kinderschutz hat viele Facetten und kennt keinen Stillstand. Das machen Anpassungen oder Ergänzungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen auf Bundes- und Länderebene ebenso deutlich wie kommunale, regionale und lokale Maßnahmen. Eine Stärkung der Partizipation von Betroffenen und die Vernetzung von Akteur*innen unterschiedlicher Disziplinen zum Wohl der Kinder und ihrer Familien ist gewünscht.  

Michael Herting ist als Schulsozialarbeiter an einer Realschule+ und einer berufsbildenden Schule in Rheinland-Pfalz tätig. Zu unserem Gespräch treffen wir uns im „Gründerbüro“ der Schulsozialarbeit an einer der Schulen. Hier arbeitet der Diplom-Sozialpädagoge, der im Studium den Schwerpunkt „Schule, Schulnahe Einrichtungen und Jugendhilfe“ gewählt hatte und sich seit knapp 20 Jahren beruflich in der Schulsozialarbeit engagiert, bereits 17 Jahre.  

„Der Kinderschutz hat einen sehr, sehr hohen Stellenwert in meinem beruflichen Alltag“, sagt Herting. „Mein Auftrag ist, dafür Sorge zu tragen, dass es den Kindern gut geht. Dafür bin ich mit meinen Büros direkt vor Ort.“

Ein zu frühes Reagieren kann es gar nicht geben  

Herr Herting, Sie sind als Schulsozialarbeiter mit zwei halben Stellen für den Caritasverband Mainz allein an zwei Schulen tätig. Erzählen Sie bitte ein wenig davon, wie Sie das in puncto Kinderschutz händeln.

„Ich bin zwar der einzige Schulsozialarbeiter hier, doch kein ‚Einzelkämpfer‘. Die Schulsozialarbeit hat sich aus dem Konzept eines Beratungs- und Jugendhilfezentrums des Trägers, bei dem ich beschäftigt bin, herauskristallisiert. In diesem Zentrum, dem die Schulsozialarbeit bis heute angehört, habe ich immer Kolleginnen und Kollegen als Ansprechpartner*innen, auch wenn es um die Abwägung einer Kindeswohlgefährdung nach § 8a SGB VIII geht, über die wir uns vertraulich und anonym austauschen. Ich war schon mit vielen Grenzfällen konfrontiert. Im Team musste unter Beteiligung einer ‚Insoweit erfahrenen Fachkraft‘ beurteilt werden: Liegt hier etwas vor oder nicht? Und: Braucht es in diesem Fall das Jugendamt oder nicht? Wenn allerdings Gefahr im Verzug ist, muss ich auch allein reagieren und sofort das Jugendamt informieren. Dann betreue ich das Kind oder den Jugendlichen eng, bis es zum Gespräch mit dem Jugendamt kommt. Es gilt, dabei einen klaren, kühlen Kopf zu bewahren. Ein zu frühes Reagieren kann es gar nicht geben. Wir sind froh um jeden Fall, den wir aufklären können.“

Können Sie eine Situation schildern?*

„Ein Jugendlicher war zu Hause massiv verbaler Gewalt ausgesetzt. Mit Schimpfen, Rumschreien und Hausarrest als Strafe. Als die Mutter ihn dann noch schlug, kam der Junge zu mir. Er zitterte am ganzen Körper, hatte Angst und wollte nicht mehr nach Hause gehen. Gleichzeitig bat er mich, seinen Eltern nichts zu sagen. Ich sagte ihm, dass wir dazu weitere Schritte gehen und zur Einschätzung das Jugendamt kontaktieren müssten. Nach ein bis zwei Stunden erhielt ich von dort die Rückmeldung, ob ich mit dem Jungen kommen könne. Nach dem Gespräch im Jugendamt, die Eltern wurden hierzu zügig informiert, fiel die Entscheidung, den Jugendlichen in Obhut zu nehmen: Er kam ins betreute Wohnen.Kein Fall ist wie der andere, und das macht immer etwas mit einer Fachkraft. Doch die eigenen Emotionen müssen zurückgestellt werden. Meine langjährige Erfahrung hilft mir dabei.  

Insgesamt nehmen die Vorfälle verbaler Gewalt in meinem Aufgabenbereich zu. Und in besonderem Ausmaß das Mobbing.“

Wichtige Kooperationen – bei Intervention und Prävention

Worauf führen Sie das zurück?

„Vieles läuft inzwischen über das Cybermobbing. Da werden Sachen in rasantem Tempo mit KI bearbeitet und verbreitet. Es droht die Gefahr, dass etwas im Netz bleibt. Die Polizei hat aber etliche Möglichkeiten, es zurückzuholen. Diesbezüglich und im Bereich Prävention bin ich mit dem Haus des Jugendrechts vernetzt. Mit diesem kooperieren Polizei, Jugendgerichtshilfe, das Jugendamt und freie Träger. Unter anderem nutze ich in themenbezogenen Stunden der Klassen auch Präventionsmaterialien des LKA zu Gefahren, die Schülerinnen und Schülern drohen. Über die Handynutzung in Schulen gibt es ja eine lebhafte politische Debatte. In Rheinland-Pfalz kann jede Schule individuell über das Vorgehen entscheiden. In den Schulen unseres Trägers wollen wir auf einheitliche Weise dafür sorgen, die Handys ein Stück weit mehr außen vor zu lassen. Das geht aber nur mit Unterstützung der Eltern. Zum Umgang allgemein wird sensibilisiert.“

Zurück zum häuslichen Bereich: Wie reagieren Eltern, wenn sie selbst mit einer möglichen Kindeswohlgefährdung konfrontiert werden?

„Da kommt es schon mal zu Reaktionen wie: ‚Was fällt Ihnen eigentlich ein?‘ Das Stichwort Jugendamt ist häufig ein rotes Tuch. Dann ist es am besten, erst einmal aktiv zuzuhören, um dann ruhig klarzustellen:  Das Jugendamt nimmt nicht einfach Kinder weg. Im Gegenteil: Es ist da, um zu unterstützen und zu beraten und bei Bedarf Hilfen zur Erziehung zur Verfügung zu stellen. Ich konnte hier schon sehr oft erfolgreich vermitteln.“  

Sie haben vorhin von den Grenzfällen gesprochen, mit denen Sie zu tun hatten.

„Vor längerer Zeit kam ein Kind zu mir und sagte, die Mama sei sehr laut, schimpfe und es gebe Streit mit dem Papa. Auch in diesem Fall berichtete es dann von Hausarrest und dass es abends teils nichts zu essen bekommen habe. Bei einem Fall von verbaler Gewalt, bei dem das Kind Ängste entwickelt, bringe ich normalerweise erst mal in Erfahrung: Handelt es sich um eine Momentaufnahme oder geschieht es über einen längeren Zeitraum? Das Vorgehen wird mit den Kollegen im Beratungsteam besprochen. Unter Beachtung von Fragen wie: Könnte hier etwas Sensibles in Gang gesetzt werden und das Kind sich unter Druck gesetzt fühlen? Welche Ängste und Reaktionen entwickeln die Eltern?

In diesem Fall war keine ‚Gefahr im Verzug‘, wir luden die Eltern zum Gespräch ein. Der überlasteten Mutter, die auch unter psychosomatischen Beschwerden litt, wurde zur Auflage gemacht, sich Hilfe zu holen. Das war für sie die Gelegenheit, etwas für sich und für die Familie zu tun. Sie war – wie viele andere Eltern – dankbar, dass wir den Stein ins Rollen gebracht haben. Wir arbeiten eng mit den Eltern zusammen und unsere Einzelfallhilfe wird oft in Anspruch genommen.“

Sie haben im Laufe unseres Gesprächs auch erwähnt, dass Sie sich als Bindeglied zwischen Schule und Kinder- und Jugendhilfe sehen. Wie sieht das in Kooperation mit den Lehrkräften aus?

„Jeder, der in der Schule arbeitet, ist gehalten, Blicke auf die Kinder zu werfen. In den Fällen, die ich betreue, kommen die Kinder meistens von selbst zu mir und vertrauen sich mir an. An der Realschule+ haben wir ein sehr hilfreiches Schutzkonzept. Neben mir als Schulsozialarbeiter stehen den Schülerinnen, Schülern und Eltern eine Schulpsychologin und Schulseelsorgerinnen als Ansprechpartner*innen zur Verfügung. Die für Krisenbewältigung ausgebildete Schulpsychologin ist alle zwei Wochen vor Ort. Wir sind in regelmäßigen Sitzungen im Fachaustausch. Bei Bedarf ist die Schulleitung an den vertraulichen Sitzungen beteiligt, die bei Brisanz auch wöchentlich stattfinden können.

Bei den Klassenleitungen und Fachlehrkräften gibt es noch Nachholbedarf, was Weiter- und Fortbildungen betrifft. In der Regel sind sie aber am nächsten an den Eltern dran und ihre ersten Ansprechpartner*innen. Unter anderem, wenn es um Fehlzeiten und schlechter werdende Noten geht. Jüngere Lehrer oder Lehrerinnen, die verunsichert sind, versuche ich zu bestärken, das Gespräch zu suchen. Ich selbst komme ins Spiel, wenn es um häusliche Problematiken geht und diese in die Schule hineingetragen werden.“

Offene Türen und soziales Lernen in den Klassen

Wie gelingt es Ihnen, den Draht zu den Kindern und Jugendlichen zu bekommen bzw. zu halten?

„Ich bin hier bekannt und meine Tür steht auch wörtlich genommen häufig offen. Mit Themen wie Gewalt- oder Suchtprävention, Regelakzeptanz, klassendynamische Verbesserung, Respekt, Streitschlichtung sowie Methoden- oder sozialem Lerntraining gehe ich selbst in die Klassen. Im Rahmen des sozialen Lernens stehen auch die Kinderrechte auf dem Programm, die Pflichten bleiben dabei nicht außen vor. Mir ist es wichtig, dass die Schüler angstfrei in die Schule kommen und mit ihren Anliegen ernst genommen werden. Wir wollen keine Schülerinnen und Schüler verlieren, haben den Auftrag, sie – auch vor dem Hintergrund zunehmender Schulabstinenzen – an der Schule zu halten, damit sie ihren Schulabschluss machen können.“

Wer oder was stärkt Sie bei Ihrem anspruchsvollen und gelegentlich belastenden Aufgabenspektrum?

„Die Vernetzung mit vielen Akteuren zu unterschiedlichen Schwerpunkten ist unheimlich wichtig. Ob es mit dem Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) beim Jugendamt ist oder im Bedarfsfall mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sicherheit gibt vor allem der Rückhalt im eigenen Beratungszentrum und das Wissen um die Weitervermittlung an die richtigen Anlaufstellen. Nicht zu vergessen die Rahmenbedingungen der Schule und die Rechtsvorgaben und klaren Leitlinien meines Arbeitgebers, die uns absichern. 

Ich nehme an Fortbildungen teil, die uns immer auf den neuesten Stand bringen. Darunter auch Inhouse-Schulungen zu § 8a-Abwägungen, mit Beispielen, auf welche nicht alltäglichen Anzeichen gesondert zu achten ist. Für die Psychohygiene sorgt regelmäßige Supervision, in der Dinge intensiv verarbeitet werden. Und natürlich der kollegiale Austausch, das qualitativ hochwertige Arbeiten im Team. Persönlich sorgen meine Hobbys für einen klaren Kopf: ob beim Sport, bei der Gartenarbeit , auf Reisen oder beim kreativen Gestalten.“ 

Sie klingen sehr ausgeglichen. Sehen Sie auch Verbesserungsbedarf?

„Alleine an den Schulen, für die ich zuständig bin, gibt es rund 800 Schüler. Die Schulsozialarbeit muss insgesamt gesehen wachsen. Denn die Gesellschaft verändert sich. Und die Welle an Unsicherheiten, die Kriege und Spätfolgen der Pandemie mit sich bringen, schwappt mit vermehrten psychosomatischen Störungen wie Ängsten, Depressionen oder Traumata auch auf die Schulen über. Kinder und Jugendliche brauchen besonders viel Unterstützung und dafür ist mehr Fachpersonal erforderlich. Dass hierfür nicht genügend Geld da ist, ist ein politisches Dilemma.“  

*Anmerkung von Michael Herting: Die Beschreibung der Fallbeispiele wurde angepasst, damit keine Rückschlüsse auf beteiligte Personen möglich sind.  

Das Interview führte Gabi Winter (freie Autorin)