DJHT Forum von jugendgerecht.de

„Alles anders? Alles gut? – Entwicklungen, Erfolge und Herausforderungen in der Ostdeutschen Jugendpolitik“

Im Rahmen des 18. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetages veranstaltete das AGJ-Projekt jugendgerecht.de – Arbeitsstelle für Eigenständige Jugendpolitik ein Fachforum zu den Entwicklungen, Erfolgen und Herausforderungen in der Ostdeutschen Jugendpolitik. In diesem Beitrag geht es um die zentralen Inhalte der Veranstaltung.

10.07.2025

Im Mittelpunkt des Forums standen jugendpolitische Handlungsbedarfe auf Landesebene und die spezifischen Lebensrealitäten junger Menschen in Ostdeutschland. Die Beiträge aus Wissenschaft, Landespolitik und Jugendhilfe zeigten deutlich: Jugendpolitik in Ostdeutschland braucht strukturelle Aufmerksamkeit, langfristige Strategien und gesetzlich verankerte Beteiligungsformate. Nach einer Publikumsbefragung zum Einstieg in das Thema Jugendpolitik in Ostdeutschland machte den inhaltlichen Auftakt Dr. Frank Tillmann vom Deutschen Jugendinstitut mit einem wissenschaftlichen Impuls zur Lebenslage junger Menschen in den Ostdeutschen Bundesländern. Vier Vertreter*innen ostdeutscher Bundesländer gaben anschließend in Kurzinterviews Einblicke in ihre jugendpolitischen Strategien, Gremien und Erfahrungen mit Beteiligung. Es zeigte sich, dass bereits viele erfolgreiche Formate bestehen, die weiterentwickelt und verstetigt werden sollten.

Speaker*innen:

  • Dr. Ina Bösefeldt: Enquete-Kommission „Jung sein in MV“ / Geschäftsführerin Landesjugendring Mecklenburg-Vorpommern
  • Arne Ehritt: Referent Demografische Entwicklung und Prognosen, Ministerium für Infrastruktur und Digitales des Landes Sachsen-Anhalt
  • Katrin Krumrey: Kinder- und Jugendbeauftragte des Landes Brandenburg, Ministerium für Bildung, Jugend und Sport
  • Christian Kurzke: Arbeitsgruppe Eigenständige Jugendpolitik Sachsen / Studienbereich Jugend und Vertreter des Akademiedirektors der Evangelischen Akademie Sachsen

In einer anschließenden Podiumsdiskussion und im Austausch mit dem Publikum wurden zentrale Themen und Ziele jugendpolitischen Handelns erörtert.

Vielfältige Herausforderungen – zentrale Aufgaben für die Jugendpolitik

Der Vortrag (DJI) basierte auf Ergebnissen der AiDA-Studie 2023 mit rund 3.000 befragten Jugendlichen im Alter von 13 bis 24 Jahren. Er unterstrich, dass der Ost-West-Vergleich nach wie vor eine zentrale Analysekategorie in der Jugendforschung darstellt, jedoch reiche ein rein ökonomischer Blick nicht aus. Vielmehr brauche es eine ganzheitliche Perspektive auf die Lebenslagen Jugendlicher, die soziale Teilhabe, Bildungschancen, Gesundheit, Wohnen und finanzielle Ressourcen einschließt.

In der Diskussion formulierten die vier Speaker*innen verschiedene übergeordnete Zielsetzungen: Katrin Krumrey (Brandenburg) verwies auf die Notwendigkeit demokratiebildender Maßnahmen im Kontext der Wahlalterabsenkung auf 16 bei Kommunalwahlen und plädierte für die Berücksichtigung migrationspolitischer Fragen, etwa beim Umgang mit jungen Geflüchteten. Dr. Ina Bösefeldt (Mecklenburg-Vorpommern) nahm die Erarbeitung einer Jugendstrategie und eine gesetzliche Verankerung dieser in den Blick. Auch sie verlangte eine Herabsetzung des Wahlalters. Arne Ehritt (Sachsen-Anhalt) betonte Demokratieerziehung als zentrales jugendpolitisches Ziel. Außerdem müsse das Thema Jugendpolitik verstärkt in andere Ressort hereingetragen werden. Es sei wichtig, jungen Menschen zu zeigen, dass ihre Stimme etwas bewegen kann. Thematisiert wurde vom Publikum auch der bereits 2021 eingeführten Jugendcheck auf Landesebene in Thüringen, der die Auswirkungen von Gesetzen auf junge Menschen prüft, zudem wurden neue Formate, wie etwa Landesjugendparlamente, erörtert.

Forderung nach Beteiligungsformaten und politischer Aufmerksamkeit

Die Publikumsdiskussion unterstrich die Bedeutung vielfältiger Beteiligungsformate, um alle Jugendlichen zu erreichen und wirksame Veränderungsprozesse anzustoßen. Kurzke und Bösefeldt hoben die Jugendring- und Jugendverbandsarbeit als bewährten Rahmen hervor. Krumrey plädierte für Formatevielfalt, die sich auch an Zielgruppen wie Mädchen oder unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten orientieren müsse. Beteiligung in kleinen Gemeinden sei ebenso wichtig wie in Städten und dezentrale Zugänge stärkten die Reichweite der Angebote. Es müsse zudem versucht werden, dezentrale Formate zu etablieren, um auch in Flächenländern Jugendliche in die Landespolitik einzubinden, so die Diskutant*innen.

Auch wurde vom Publikum die Notwendigkeit betont, dass Bestrebungen der Jugendpolitik mehr wahrgenommen und ernstgenommen werden müssen. Dies könne etwa durch gemeinsames Engagement aller jugendpolitischen Akteur*innen gelingen, es brauche aber zugleich die Aufmerksamkeit der Politik dazu, so die Diskutant*innen des Podiums.

Strukturelle Herausforderungen

Gleichzeitig wurden strukturelle Herausforderungen deutlich: Ressourcenmangel, langsame Prozesse und fehlende institutionelle Verstetigung erschweren nachhaltige Jugendpolitik auf Landesebene. Beteiligung dürfe zudem nicht als abgeschlossener Zustand verstanden werden, sondern müsse kontinuierlich weiterentwickelt werden. Betont wurde, dass es nicht an Konzepten und Engagement mangele, sondern der politische Wille entscheidend sei, um eine wirksame Jugendpolitik stabil aufzustellen und voran zu bringen.

Das Podium machte deutlich: Eine jugendgerechte Politik in Ostdeutschland muss strukturelle Benachteiligungen abbauen, Beteiligung verbindlich und langfristig gestalten und die Lebensrealitäten Jugendlicher ganzheitlich in den Blick nehmen. Notwendig sind langfristige Investitionen in Bildung, verlässliche Strukturen jenseits kurzfristiger Projektlogiken und ein ressortübergreifendes Verantwortungsbewusstsein. Die Beiträge zeigten, dass Jugendliche nicht nur Zielgruppe, sondern Mitgestaltende politischer Prozesse sein müssen, erst recht in Zeiten gesellschaftlicher Herausforderungen.

Weitere Informationen

Ausführlicher Bericht und Präsentation zur Veranstaltung am 14. Mai 2025 beim 18. DJHT

Präsentation der Veranstaltung (PDF: 382 KB)

jugendgerecht.de – Arbeitsstelle für Eigenständige Jugendpolitik