Arbeit und Armut

Immer mehr Menschen geraten in die Schuldenfalle

Zwei Jahre Corona, steigende Preise – Viele gemeinnützige Schuldnerberatungsstellen verzeichnen größeren Beratungsbedarf. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände (AG SBV), die zum Abschluss der Aktionswoche Schuldnerberatung veröffentlicht wurde.

24.06.2022

Mehr als die Hälfte der befragten Beratungsstellen nannte zwischen zehn und 30 Prozent mehr Anfragen im Vergleich zum Sommer 2021. Damit setzt sich der Trend einer ersten Befragungswelle im Sommer 2021 fort, die bereits einen deutlich erhöhten Beratungsbedarf festgestellt hat.

Zwei Jahre Corona-Pandemie und rasant steigende Lebenshaltungskosten zeigen gravierende Folgen: Immer mehr Menschen geraten in finanzielle Not. Im Frühjahr 2022 verzeichneten die gemeinnützigen Schuldnerberatungsstellen in Deutschland im Vergleich zum Spätsommer 2021 einen deutlichen Anstieg bei der Nachfrage nach Beratung. Gleichzeitig machte das Bündnis klar, dass ein Ausbau der Schuldnerberatung, ihre auskömmliche Finanzierung sowie Investitionen in die Digitalisierung der sozialen Schuldnerberatung dringend notwendig seien, damit überschuldete Menschen Unterstützung erfahren. Eine leistungsstarke Schuldnerberatung ist unabdingbar, damit die betroffenen Menschen dem Teufelskreis aus nicht beglichenen Forderungen, Scham und Überforderung entkommen.

Bedarf an Schuldnerberatung erhöht sich – Tendenz steigend

Mehr als die Hälfte der befragten Beratungsstellen nannte zwischen zehn und 30 Prozent mehr Anfragen im Vergleich zum Sommer 2021. Damit setzt sich der Trend einer ersten Befragungswelle im Sommer 2021 fort, die bereits einen deutlich erhöhten Beratungsbedarf festgestellt hat. 32 Prozent der Beratungsstellen gaben im ersten Quartal des Jahres eine erhöhte Nachfrage nach Beratung zu Miet- und Energieschulden an (Sommer 2021: 28,5 Prozent). Die Beraterinnen und Berater der Verbände berichten, dass dieser Trend sich seit dem Zeitpunkt der Befragung angesichts steigender Energiepreise verstärkt fortgesetzt hat. Einen erhöhten Informations- und Aufklärungsbedarf von (Solo)-Selbstständigen gab es in 36 Prozent, von Personen in Kurzarbeit in 29 Prozent, von Erwerbstätigen in 32 Prozent der Beratungsstellen.

Die Aufnahme von Schulden ist gesellschaftlich akzeptiert und wirtschaftlich gewollt – sei es bei der Finanzierung des Autos, der Wohnungseinrichtung oder des Smartphones. Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit oder Krankheit können aber dazu führen, dass Verbindlichkeiten nicht mehr bedient werden können. Aus vorhersehbar kontrollierter Verschuldung wird dann Überschuldung, insbesondere bei Menschen mit wenig Einkommen.

Annabel Oelmann, Vorständin der Verbraucherzentrale Bremen betonte, dass Pandemie und Inflation bei der Verbraucherzentrale deutlich zu spüren seien. Es würden immer mehr Menschen kommen, die ihre Miete und Stromkosten nicht mehr zahlen könnten. Auch sei zu beobachten, dass Ratsuchende mit psychischen Erkrankungen noch häufiger als vor Corona zur Verbraucherzentrale kommen. Leider würden jedoch viele wieder weggeschickt werden müssen, weil kein Anspruch auf Beratung bestünde.

Denn in Deutschland haben nicht alle Menschen die Möglichkeit, sich in der gemeinnützigen Schuldnerberatung professionell beraten zu lassen – oder erst dann, wenn es zu spät ist. Wer keine Sozialleistungen bezieht, kann Schuldnerberatung nicht kostenlos in Anspruch nehmen. So sieht es der Gesetzgeber vor.

Maria Loheide, Vorständin Sozialpolitik der Diakonie Deutschland sagt hierzu „Das trifft vor allem Menschen, die besonders anfällig sind, weil sie meist kein finanzielles Polster haben – wie z.B. Geringverdiener, Rentnerinnen, Solo-Selbstständige, und Studierende. Wer akut in finanzielle Not gerät, greift nach jedem Strohhalm und läuft dabei Gefahr, noch tiefer in die Schuldenfalle zu tappen. Schnelle Hilfe scheinen oft unseriöse oder unqualifizierte Angebote zu versprechen, die im schlimmsten Fall gar aus der Situation Profit schlagen. Darum fordern wir ein Recht auf Schuldnerberatung für alle! Kommunen sollten verpflichtet werden, Schuldnerberatung entsprechend dem gesellschaftlichen Bedarf kostenlos vorzuhalten. Die öffentliche Hand würde davon profitieren, denn die enormen sozialen Folgekosten blieben aus.“

Schuldnerberatung muss kristenfest werden

Fast 90 Prozent der befragten Schuldnerberatungsstellen nutzten im ersten Quartal digitale Beratungsmöglichkeiten – per Mail, Messenger- oder Video-Dienst.

Eva Maria Welskop-Deffaa, Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes forderte hierbei, dass die Schuldnerberatung krisenfest gemacht werden müsse. Die Nachfrage nach Beratung erhöhe sich, wofür die Kapazitäten der Beratungsstellen nicht ausreichen und wiederum auch die Wartelisten immer länger werden würden. „Wem das Wasser bis zum Hals steht, kann nicht Wochen bis zum ersten Beratungstermin warten“, so Welskop-Deffaa. Das Tempo beim Ausbau der Schuldnerberatung – analog und digital – müsse deshalb mit der Geschwindigkeit Schritt halten, mit der die Krisen Menschen in ökonomische Not bringen. Dabei bräuchten Hilfesuchende einen leichten Zugang zu Beratung. Die digitale Erreichbarkeit sei insbesondere für junge Erwachsene zentral, die ganz selbstverständlich zuerst online nach Hilfe suchen.

Insgesamt beteiligten sich 462 Beratungsstellen an der Umfrage.

Hintergrund und weitere Informationen

Die Arbeitsgemeinschaft der Schuldnerberatungsstellen der Verbände (AG SBV), die vom 30. Mai bis zum 3. Juni die Aktionswoche mit dem Motto „…und plötzlich überschuldet“, veranstaltet, vertritt etwa 1.400 gemeinnützige Schuldnerberatungsstellen in Deutschland. Diese sind in Trägerschaft der Verbraucher- und Wohlfahrtsverbände oder der Kommunen bzw. Mitglied in einem der Verbände (Deutscher Caritasverband, Diakonie Deutschland, Arbeiterwohlfahrt Bundesverband, Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband, Deutsches Rotes Kreuz, Verbraucherzentralen).

Quelle: Diakonie Deutschland vom 15.06.2022

Redaktion: Laura Burger

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