Langzeitstudie INSIDE

Wie Inklusion an weiterführenden Schulen gelingt – und wo sie an Grenzen stößt

Das INSIDE-Projekt untersucht die Umsetzung von Inklusion an weiterführenden Schulen in Deutschland. Es zeigt, dass Inklusion sowohl Erfolge als auch Herausforderungen aufweist, darunter die Kooperation zwischen Lehrkräften und der Einsatz digitaler Medien. Die Studie betont die Bedeutung von inklusiven Lernumgebungen für den Lernerfolg und die soziale Teilhabe.

29.10.2025

Die Pflicht zur Umsetzung von Inklusion, also das gemeinsame Lernen von Schüler*innen mit und ohne sonderpädagogische Förderbedarfe, ist eine der großen Herausforderungen für das deutsche Bildungssystem. Doch wie wirkt sich Inklusion auf den Schulalltag, den Lernerfolg und die soziale Teilhabe aus? Helfen inklusive Lernumgebungen nur Kindern und Jugendlichen mit sonderpädagogischen Förderbedarfen oder profitieren alle Schüler*innen gleichermaßen davon? Das bundesweite Forschungsprojekt INSIDE („Inklusion in und nach der Sekundarstufe I in Deutschland“) liefert dazu erstmals umfassende Längsschnitt-Daten – basierend auf einer 5-jährigen Langzeitstudie an 246 Schulen. In einem Sammelband der Zeitschrift für Erziehungswissenschaft (ZfE) werden nun ausgewählte Ergebnisse zum Stand der schulischen Inklusion veröffentlicht.

Das interdisziplinäre INSIDE-Projekt, eine Kooperation des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi), des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) bzw. der Humboldt-Universität zu Berlin (HU), der Bergischen Universität Wuppertal (BUW) und der Universität Potsdam (UP), startete 2019 mit mehr als 4.000 Schüler*innen mit und ohne sonderpädagogische Förderbedarfe (SPF) an 246 allgemeinbildenden Schulen und begleitete diese ab der sechsten Jahrgangsstufe mit Befragungen und Kompetenztestungen durch die Sekundarstufe I. Ihre Schulleitungen, Lehr- und Fachkräfte sowie Eltern wurden ebenfalls befragt.

„Wir wollten wissen, wie Inklusion in den Schulen praktisch umgesetzt wird, welche Bedingungen Inklusion fördern, wie Schülerinnen und Schüler unterstützt werden und welche Folgen das gemeinsame Lernen beispielswiese für ihre schulischen Leistungen, ihr soziales Miteinander und ihren weiteren Bildungsweg hat“, 

fasst Dr. Amelie Labsch, Leitung des INSIDE-Projekts am LIfBi, die Forschungsziele des Projekts zusammen.

Inklusion in der Sekundarstufe: Ein gemischtes Bild

Bei den INSIDE-Daten handelt es sich um die umfassendste Datengrundlage im Längsschnitt, die bislang für die Untersuchung schulischer Inklusion in der Sekundarstufe I in Deutschland vorliegt. Die Beiträge des ZfE-Sammelbands zeigen zu ausgewählten Themenbereichen, dass Inklusion in der Sekundarstufe I weder durchweg gelingt noch grundsätzlich scheitert. Dabei richten die wissenschaftlichen Mitarbeitenden des INSIDE-Projekts und weitere Forschende aus dem Bildungsbereich einen Blick auf verschiedene inklusive Rahmenbedingungen, wie unter anderem die Gestaltung des inklusiven Unterrichts durch Lehrkräfte, und die Entwicklung inklusiv lernender Schüler*innen. Unter anderem geht es um die folgenden Themen:

  • Lehrkräfte-Kooperation als Schlüsselfaktor
    Die Zusammenarbeit von allgemein- und sonderpädagogischen Lehrkräften ist zentral für erfolgreichen inklusiven Unterricht. Eine gute Vorbereitung, eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung und eine positive Arbeitsatmosphäre fördern die sogenannte ko-konstruktive Kooperation. Allgemeinpädagogische Lehrkräfte bewerten die Zusammenarbeit tendenziell positiver als ihre sonderpädagogischen Kolleginnen und Kollegen.
  • Einsatz digitaler Medien hängt von der Lehrkraft ab
    Der Einsatz digitaler Medien kann hilfreich sein, um auf die unterschiedlichen Lernbedürfnisse und -anforderungen von Schüler*innen einzugehen. Die INSIDE-Daten zeigen, dass die inklusionsbezogene Selbstwirksamkeit von Lehrkräften entscheidend für ihre Einstellung zur Nutzung digitaler Medien im Unterricht zur Differenzierung von Lerngelegenheiten ist. Lehrkräfte, die sich gut darauf vorbereitet fühlen, inklusiv zu unterrichten, sind auch digitalen Medien im Fachunterricht gegenüber aufgeschlossener und sehen in solchen Medien eher eine Chance, Schüler*innen individuell zu fördern.
  • Inklusion und Demokratiebildung hängen positiv miteinander zusammen
    Es besteht ein positiver Zusammenhang zwischen der inklusiven Ausgestaltung einer Schule (z.B. mit Blick auf die Unterrichtsgestaltung oder die Teamstrukturen innerhalb der Schule) und der Wahrnehmung von Demokratiebildung in der Schule. Schüler*innen und Lehrkräfte berichten eine stärkere demokratische Ausrichtung der Schule, wenn diese sich aktiv um inklusive Lernumgebungen bemüht.
  • Kompetenzentwicklung im inklusiven Unterricht fällt verschieden aus
    In der INSIDE-Studie wurden wiederholt die Kompetenzen aller Schüler*innen in den Bereichen Lesen und Mathematik untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass zu Beginn der Sekundarstufe, also von Jahrgangsstufe 6 nach 7 alle Schüler*innen im Lesen und in der Mathematik dazu lernen. Lernende mit SPF zeigen aber erwartungsgemäß geringere Kompetenzen als Lernende ohne SPF, wobei die Kompetenzen von Schüler*innen mit einem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt Lernen geringer ausfallen als die Kompetenzen von Lernenden mit anderen sonderpädagogischen Förderschwerpunkten, wie bspw. Sprache.
  • Elternnetzwerke fördern den Schulerfolg
    Eltern spielen eine entscheidende Rolle beim Bildungserfolg ihrer Kinder. Dazu zählen auch Kontakte, die Eltern zu Eltern von Mitschüler*innen ihrer Kinder haben. Mit den INSIDE-Daten kann gezeigt werden, dass sich solche Elternkontakte innerhalb einer Klasse positiv auf den Schulerfolg von Schüler*innen mit SPF auswirken, wenn nur wenige Kinder mit SPF in einer Klasse lernen.
  • Mehr Differenzierung – weniger Lernerfolg?
    Beim „Universal Design for Learning“ (UDL) handelt es sich um Prinzipien, die den Unterricht für alle Schüler*innen zugänglich machen sollen – beispielsweise durch Differenzierung. Auswertungen der INSIDE-Studie dokumentieren, dass UDL-Prinzipien im Deutschunterricht etwas häufiger angewendet werden als im Mathematikunterricht. Für das Fach Mathematik zeigt sich ein negativer Zusammenhang zwischen der Anwendung der UDL-Prinzipien und dem Lernzuwachs der Schüler*innen. Inwiefern dieser überraschende Befund mit der Klassenzusammensetzung oder der generellen Kompetenzentwicklung in Klassen mit leistungsschwachen Lernenden zusammenhängt, wird in dem Beitrag diskutiert.
  • Entwicklung von Sozialkompetenzen von Lernenden ohne SPF unabhängig vom inklusiven Lernkontext 
    Die Sozialkompetenzen von Schüler*innen ohne SPF entwickeln sich weder systematisch besser noch schlechter, wenn sie im Laufe der Sekundarstufe I unter inklusiven Bedingungen lernen oder nicht. Entscheidend ist das Klassenklima: Wertschätzende Beziehungen zwischen Lehrkräften und Schüler*innen fördern die Entwicklung der Sozialkompetenzen von Kindern ohne SPF.
  • Schüler*innen mit SPF erleben sich weniger als Teil der Klasse als ihre Mitschüler*innen ohne SPF
    Erwartungsgemäß berichten Schüler*innen mit SPF von einer geringeren sozialen Teilhabe als ihre Mitschüler*innen ohne SPF. Dies trifft insbesondere auf diejenigen mit dem Förderschwerpunkt „emotionale und soziale Entwicklung“ zu. Im Laufe der Sekundarstufe I nimmt die Einschätzung ihrer sozialen Teilhaben bei allen Schüler*innen ab. Eine wertschätzende Beziehung mit Lehrkräften kann diese Negativentwicklung etwas abpuffern.
  • Individualisierter Unterricht kann soziale Teilhabe von Schüler*innen fördern
    Individualisierende Unterrichtspraktiken in den Fächern Deutsch und Mathematik stehen in einem positiven Zusammenhang mit der sozialen Teilhabe von Schüler*innen. Je stärker die Schüler*innen wahrnehmen, dass ihre Fachlehrkräfte den Unterricht differenzieren und damit an ihre individuellen Bedürfnisse anpassen, desto stärker erleben die Lernenden ihre soziale Teilhabe. Dies trifft insbesondere für diejenigen mit SPF zu

Der Sammelband ist bei Springer in der Buchreihe ZfE-Edition erschienen und kann hier gelesen und bezogen werden:

Quelle: Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) vom 13.10.2025

Redaktion: Paula Joseph