Bildungsforschung
Welche Stereotype angehende Lehrkräfte mit besonders förderbedürftigen Schüler*innen verbinden
Im Zuge der Inklusion unterrichten Lehrkräfte verstärkt besonders förderbedürftige Schüler*innen. Stereotype Annahmen über diese Kinder und Jugendlichen können beeinflussen, wie die Lehrer*innen mit ihnen umgehen. Das Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF) hat jetzt untersucht, welche ausgeprägten Stereotype sich unter den angehenden Lehrkräften zeigten.
02.05.2024
„Autistische Schüler*innen werden als besonders kompetent und wenig warmherzig, Schüler*innen mit Down-Syndrom als besonders warmherzig und wenig kompetent, Schüler*innen mit Lese-Rechtschreib-Störung als wenig kompetent und auch relativ wenig warmherzig empfunden“,
fasst Charlotte Schell die übergreifenden Kernergebnisse der Untersuchung zusammen. Die DIPF-Forscherin ist die Erstautorin eines Artikels im Fachmagazin „Teaching and Teacher Education“, in dem die Ergebnisse jetzt veröffentlicht wurden. Im Vergleich wurden autistische Schüler*innen am kompetentesten und am wenigsten warmherzig, Kinder mit Down-Syndrom als am warmherzigsten und am wenigsten kompetent empfunden. Kinder und Jugendliche mit Lese-Rechtschreib-Störung lagen im Vergleich jeweils in der Mitte.
In die übergreifenden Kategorien „kompetent“ und „warmherzig“ sind systematisch zahlreiche Einzel-Stereotype, die von Lehramtsstudierenden genannt wurden, eingeflossen. Einige von diesen vielfältigen Zuschreibungen waren besonders verbreitet.
„Stark ausgeprägt war unter den angehenden Lehrkräften beispielsweise, autistische Schüler*innen als hochbegabt und introvertiert, Schüler*innen mit Down-Syndrom als gutmütig und unbeholfen und Schüler*innen mit Lese-Rechtschreib-Störung als faul und leistungsschwach einzuschätzen“,
erläutert Charlotte Schell.
Auch wenn solche Stereotype bei einzelnen Personen zutreffend sein können, sind sie zu verallgemeinert und ignorieren individuelle Unterschiede zwischen Schüler*innen, wie die Wissenschaftlerin betont:
„Es greift zu kurz, alle Schüler*innen in die gleiche Schublade zu stecken. Sie haben spezifisch ausgeprägte Verhaltensweisen und Fähigkeiten, die sich stark voneinander unterscheiden. Sie brauchen daher eine individuelle Förderung.“
Schätzen Lehrkräfte zum Beispiel ein Kind aufgrund einer Autismus-Diagnose von vornherein als sehr intelligent oder gar hochbegabt ein, könnten sie eventuell dessen Förderbedarf übersehen und es nicht genug unterstützen. Schließlich sind viele autistische Schüler*innen nicht hochbegabt. Wird wiederum ein Kind mit Lese-Rechtschreib-Störung auf Basis von Stereotypen als faul angesehen, könnten die Lehrkräfte es auffordern, sich mehr anzustrengen, anstatt es gezielt gemäß seinem Bedarf zu fördern.
Die Untersuchung
Das DIPF-Team arbeitete für seine Untersuchung mit Lehramtsstudierenden zusammen, die sich in unterschiedlichen Phasen des Studiums befanden, die verschiedene Fächer belegt hatten und für verschiedene Schulformen studierten. In einer Vorstudie führten die Wissenschaftlerinnen zunächst Interviews mit 13 Studierenden, in denen diese unter anderem Stereotype nennen sollten, die sie mit den genannten Gruppen verbinden. Dabei fand sich ein breites Spektrum von Zuschreibungen – etwa impulsiv, unintelligent, aber auch offen oder inselbegabt.
Die Ergebnisse der ersten Studie arbeiten die Forschenden in einen standardisierten Fragebogen ein, um die empirische Ausprägung der Stereotype im Zusammenhang mit den drei Gruppen von Schüler*innen zu erfassen. Diesen Fragebogen füllten in einer größeren zweiten Studie insgesamt 213 Studierende aus. Die Stärke der einzelnen Zuschreibungen wurde anschließend statistisch aufbereitet und mittels Faktorenanalyse übergreifenden Kategorien zugeordnet.
Implikationen und weitere Forschung
Durchgeführt wurden die Studien im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsprojektes „Stereo-DiSk – Stereotype als Hindernisse für professionelle Diagnostik im inklusiven Schulkontext“. Im Zuge des Projekts entwickelt das DIPF unter anderem Bildungsangebote für Lehrkräfte, um die Wirkung von Stereotypen auf deren Einschätzungen von Kindern mit besonderen Förderbedarfen zu verringern – zum Beispiel Seminare, die das Wissen über die Förderbedarfe der einzelnen Gruppen und die Diagnostik-Kompetenzen vertiefen. Die aktuellen Studien verdeutlichen den Bedarf für solche Angebote.
Für zukünftige Studien haben die Forschenden ein Modell erarbeitet, wie sich einzelne stereotype Zuschreibungen noch besser strukturieren lassen. Auf Basis ihrer Untersuchungen empfehlen sie eine Einordnung in die Kategorien „Akademische Kompetenz“, „Wärme“, „Soziale Fähigkeiten“ und „Verhaltensauffälligkeiten“. Charlotte Schell unterstreicht, dass weitere Forschung zu dem Thema sinnvoll erscheint:
„Wir haben die Stereotype ja nur bei angehenden Lehrkräften und nur für drei der besonders förderbedürftigen Gruppen in den Blick genommen“,
so die DIPF-Wissenschaftlerin. Derzeit ist das Projektteam außerdem dabei, die Wirkungen der Stereotype auf das Verhalten genauer zu untersuchen.
Quelle: Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF) vom 24.04.2024
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