Bestehende und wünschenswerte Angebote
Unterstützung? Da geht noch was…
In der vierteiligen Essay-Reihe gibt der Autor Fabian Schwitter Einblicke in Herausforderungen, Strukturen und Wege der Unterstützung im Leaving Care. Der abschließende vierte Essay unserer Reihe widmet sich den Formen der Unterstützung, die Careleaver*innen neue Perspektiven eröffnen. Fabian Schwitter zeigt, wie Selbstvertretung, zivilgesellschaftliches Engagement und stabile Strukturen dazu beitragen können, Careleaver*innen auf ihrem Weg in die Selbständigkeit zu stärken.
04.09.2025
Endlich ist erst der Horizont die Grenze. Und dann führt auch noch ein Weg darüber hinaus. Ein junger Mensch im Vordergrund blickt über eine Stadt, die sich im Hintergrund ausbreitet. Sie könnte in der Levante liegen oder noch etwas weiter östlich. Jaipur in Indien vielleicht, das zumindest meint die Bildersuche. Rucksack auf dem Rücken hat der Mensch die Arme ausgebreitet, als sei er bereit, die ganze Welt zu umarmen.
Ein solcher Blick auf die Welt, wie ihn die Webseite der Kreuzberger Kinderstiftung abbildet, um das Projekt Careleaver Weltweit vorzustellen, ist allen jungen Menschen zu gönnen. Das Programm, das im Kontext der Initiative „Brückensteine“ 2019 entstanden und mittlerweile bei der Kreuzberger Kinderstiftung angesiedelt ist, unterstützt Careleaver*innen bei der Organisation und der Finanzierung eines Auslandsaufenthalts. Aber auch wenn der Horizont für Careleaver*innen greifbar ist, bleiben Careleaver*innen „aufgrund ihrer psychosozialen Belastung“ eine „vulnerable bzw. sozial benachteiligte und daher unterstützungsbedürftige“ Gruppe, wie Britta Sievers, Severine Thomas und Maren Zeller in „Jugendhilfe – und dann?“ (2018) die Forschung seit Beginn des neuen Jahrtausends zusammenfassen.
Unterstützung muss dabei auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen. Steht die Politik in der Verantwortung, juristische Rahmenbedingungen im Sinne der Betroffenen zu schaffen und für die nötigen finanziellen Ressourcen zur Umsetzung der Vorgaben zu sorgen, braucht es auch zivilgesellschaftliches Engagement. Und nicht zuletzt lebt der Alltag von Careleaver*innen von ihren eigenen Anstrengungen.
Politik! Politik? Politik…
Die Erörterungen zur Praxis und den Hürden des Careleaving-Prozesses zeigen, dass dieser auf eine ausreichende Ausstattung mit personellen und finanziellen Ressourcen angewiesen ist. Stabilität im erzieherischen Umfeld, beständige und ausgeruhte Fachkräfte in der Betreuung, sind die unabdingbare Basis, um vertrauensvolle Beziehungen aufbauen und die Aufmerksamkeit auf die eigene emotionale und geistige Entwicklung, statt auf permanente Problembewältigung, richten zu können. Nicht zuletzt die Careleaver*innen selbst pochen, wie jüngst im Workshop „Stärkung der Selbstvertretungsstrukturen in der Kinder- und Jugendhilfe“ am 18. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetag im Frühjahr 2025, entschieden auf eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Fachkräften.
Die Voraussetzungen für die Gewährleistung dieser Stabilität unterliegen allerdings politischen Entscheidungen. Die Karten der Careleaver*innen im Wettbewerb um staatliche Ressourcen sind nicht unbedingt die besten. Von den rund 215.000 Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die 2023 in Fremdbetreuung aufwuchsen, weist das Statistische Bundesamt lediglich ein Fünftel als Careleaver*innen aus. Die jährliche Zahl neuer Careleaver*innen macht einen kleinen Teil der jugendlichen Menschen in Deutschland aus. Und die Einsicht, dass Menschen ein Leben lang als Careleaver*innen gelten könnten, ist längst nicht allen Entscheidungsträgerinnen plausibel. Überdies gehören viele der politisch besonders verletzlichen Gruppe der unbegleitet eingereisten Minderjährigen an. Umso wichtiger ist die Unterstützung von Wissenschaftler*innen, die aus einer gesicherten Position heraus Missstände benennen und fundierte Kritik üben können.
Selbstvertretung und geschützte Räume
Die Gründung des Careleaver e. V. 2014 im Kontext des Forschungsprojekts „Higher Education without Family Support“ an der Universität Hildesheim war ein wichtiger Schritt in Sachen Selbstorganisation mit dem Zweck der Selbstvertretung auf Bundesebene. Regional ist der Carelaver e. V. jedoch in unterschiedlichem Maß etabliert. „Auch die Kooperation mit den Vertretungen von Pflegefamilien oder Trägern der Jugendhilfe bietet noch Entwicklungspotenzial“, betont Richard Werban, Geschäftsführer des Careleaver e. V. Angesichts des Engagements vieler Careleaver*innen für verbesserte Rahmenbedingungen in der Jugendhilfe erscheint eine engere Zusammenarbeit mit Trägern und Fachkräften folgerichtig.
Auf lokaler Ebene gibt es bereits wegweisende Beispiele für eine wirksame Selbstvertretung. Wenn es etwa um die konkrete Ausgestaltung des Alltags in stationären Einrichtungen geht, ist der Einbezug der betroffenen Menschen besonders einleuchtend. So hat etwa das Bundesland Bremen 2024 die Einrichtung einer Geschäftsstelle beschlossen, um die Selbstvertretung der Careleaver*innen im Kontext stationärer Einrichtungen zu institutionalisieren.
Die Selbstorganisation von Careleaver*innen ist jedoch nicht nur in Bezug auf den politischen Prozess bedeutsam, sondern fördert auch das Selbstbewusstsein. Im gegenseitigen Austausch finden Careleaver*innen am meisten Verständnis für ihre Lebenslage. Die Bedeutung von Selbstvernetzung betonten nicht nur die Leiterinnen des Workshops „Stärkung der Selbstvertretungsstrukturen in der Kinder- und Jugendhilfe“. Sondern auch das Dresdner Careleaver Zentrum „House of Dreams“ als Anlaufstelle für Careleaver*innen unterstreicht die Wichtigkeit dieser Funktion. So ist das House of Dreams ebenso „ein geschützter Ort, an dem Careleaver*innen sich treffen, austauschen und ihre Freizeit gemeinsam verbringen, wie es unter der Mitarbeit von Careleaver*innen „Weiterbildungsangebote“ organisiert.
Der Fall des Dresdner Zentrums zeigt, wie prekär die Lage von Selbstorganisationsprojekten ist: Nach dem Wegfall der kommunalen Förderung sieht sich eine Stiftung in der Pflicht – allerdings nur unter der Auflage, dass das Projekt zusätzlich eigenes Fundraising betreibt. Dank der Unterstützung der Drosos Stiftung kann das House of Dreams so für weitere drei Jahre weiterarbeiten, wenngleich auf unsicherer Basis.
Vielfältige Anlaufstellen
Institutionen wie das House of Dreams bieten nicht nur Vernetzungsgelegenheiten für Careleaver*innen untereinander, sondern dienen auch als Anlaufstellen in schwierigen Situationen. Meist können Careleaver*innen etwa bei Wohnungsproblemen nicht auf ein Elternhaus zurückgreifen. Reicht die finanzielle Unterstützung der Jugendhilfe nicht aus, um eine Unterkunft auf dem freien Markt zu finden, sind kostengünstige Alternativen zwingend notwendig. In Berlin etwa bietet in solchen Situationen die milaa Hilfe an. Fehlen spezifische Angebote für Careleaver*innen vor Ort, springen womöglich übergeordnete Organisationen ein, die Fachkräfte bei der Beratung von Careleaver*innen einbeziehen können. „Verschiedene Housing First-Angebote, die obdachlose Menschen allgemein unterstützen, betreuen bisweilen auch Careleaver*innen“, wie die Geschäftsführerin des Bundesverbands Housing First, Julia von Lindern, bestätigt.
Neben Unterstützung im Bereich Wohnen sind Careleaver*innen auch häufig mit juristischen Fragen konfrontiert. In der Auseinandersetzung mit Jugendämtern und anderen öffentlichen Stellen ist eine rechtliche Beratung hilfreich. Für unterschiedliche Belange bieten verschiedene Initiativen Beratung an. In Dresden, Chemnitz und Leipzig etwa weiß der Kinder- und Jugendhilferechtsverein e. V. Rat.
Unterstützungsangebote konzentrieren sich jedoch vor allem in Städten. Das zwingt Careleaver*innen zu Ortswechseln, gerade wenn Beeinträchtigungen im Spiel seien und geeignete Betreuungsplätze an einem gegebenen Ort fehlten, wie Carmen Thiele, Fachreferentin beim Bundesverband der Pflege- und Adoptiveltern, erklärt. Die Fragmentierung der Sozialhilfelandschaft sowie das Gefälle zwischen Stadt und Land stellt eine anhaltende Herausforderung sowohl für einzelne Institutionen als auch für die Organisation der Jugendhilfe im Ganzen dar.
Beispielhaft engagiert sich diesbezüglich das Projekt „Zeig, was du kannst!“ in Mecklenburg-Vorpommern. In einem landesweiten Verbund beteiligen sich Schulen, private Unternehmen und eine staatliche Koordinationsstelle an der Erleichterung des Übertritts junger Menschen ins Berufsleben. Durch den ständigen Austausch lernen junge Menschen die Anforderungen der Betriebe kennen, während diese umgekehrt frühzeitig ein Verständnis für die Bedürfnisse Auszubildender entwickeln können.
Erwachsenennetzwerke und persönliches Engagement
Das Projekt in Mecklenburg-Vorpommern unterstreicht, wie relevant ein Zugang zu den Netzwerken von Erwachsenen für junge Menschen ist. Bei allen formellen Qualifikationen, die sie im Verlauf des Lebens erwerben können, hängt der Lebensweg wesentlich von sozialen Netzwerken ab. Insbesondere jungen Menschen erleichtern Beziehungen zu Erwachsenen – von den Beziehungen zu Betreuungspersonal über private Kontakte bis zu Arbeitsbeziehungen – den Übergang in die Selbständigkeit und den Einstieg ins Berufsleben. Dadurch, dass Careleaver*innen nicht im gleichen Maß wie Gleichaltrige auf das Beziehungsnetz ihrer Eltern zurückgreifen können, fehlt ihnen in den meisten Fällen dieser Zugang zur Welt der Erwachsenen.
Erleichterten ausreichend finanzielle Ressourcen den Fachkräften das Aufrechthalten des Kontakts zu Careleaver*innen – im Sinne eines Paradigmenwechsels von professioneller Distanz zu professioneller Nähe – über die unmittelbare Zeit der institutionellen Betreuung hinaus, ist der allmähliche Aufbau eines eigenen Netzwerks unabhängig von den Betreuungsinstitutionen unumgänglich. Zwar bestehen Initiativen, die Careleaver*innen etwa über ein Pat*innensystem Zugang zu Erwachsenen außerhalb der eigenen Familien und der Betreuungskontexte ermöglichen. Zu wünschen ist eine Mentorin jedoch allen Careleaver*innen. Der Aufbau solcher Vermittlungsnetzwerke über die bestehenden Orte – wie in Köln oder die deutschlandweite „Ehrenamtliche Wegbegleitung“ – hinaus, ist sicher wünschenswert und verhältnismäßig leicht zu organisieren. Neben einem geringen Administrationsaufwand ist vor allem persönliches Engagement gefragt. Und persönliches Engagement entscheidet letztlich immer über die Beschwerlichkeit des Wegs gerade von besonders vulnerablen Menschen.
Autor: Fabian Schwitter
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