Schulgesundheitsfachkräfte

Schulgesundheitspflege in Deutschland – massiver Nachholbedarf

Im Vergleich zu Ländern wie Belgien fehlen in Deutschland Schulgesundheitsfachkräfte gravierend. Dabei zeigt die Praxis: SGFKs verbessern die Versorgung chronisch kranker Kinder, entlasten Schulen und Eltern und fördern die Gesundheitskompetenz. Die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) fordert ihre flächendeckende Einführung und stabile Strukturen.

31.07.2025

Die Betreuung von Schüler*innen durch ausgebildete Schulgesundheitsfachkräfte hinkt im europäischen und internationalen Vergleich in Deutschland weit hinterher. Einige skandinavische Länder sowie Belgien machen es uns vor: Allein in unserem kleinen Benelux-Nachbarland mit 11,8 Mio. Einwohnern sind bereits 3.300 Schulgesundheitsfachkräfte (SGFK) im Einsatz. Zum Vergleich: In Deutschland kümmern sich gerade einmal erst 150 Schulgesundheitsfachkräfte in vier Bundesländern oder 10 größeren Städten um Kinder und Jugendliche.

25 Prozent chronisch kranke Kinder im Schulalltag, allein über 30.000 Kinder mit Diabetes, zusätzlich allergischen Erkrankungen, Anfallsleiden, Tumoren und vielen anderen mit besonderem Versorgungsbedarf „sollten eigentlich ein Weckruf für die Politik sein,“ mahnt die DGSPJ-Präsidentin Prof. Heidrun Thaiss. „Denn wir haben mitlerweile den Beleg, dass sich der Einsatz von SGFK in multiprofessionellen Teams mehrfach rechnet.“ „Kinder können wieder in den Unterricht zurückkehren und auch die Eltern müssen die Arbeitsstelle nicht verlassen,“ berichtet Nadine Haunsteter, die als ausgebildete Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin als Schulgesundheitsfachkraft am Standort Stutgart-Zuffenhausen an drei Schulen (Grund- und Realschule sowie am Gymnasium) arbeitet. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen betreut sie dort rund 1.800 Schüler*innen sowie etwa 250 Lehrkräfte und Schulbeschäftigte.

So sieht die praktische Arbeit konkret aus:

Kinder und Jugendliche, die in der Schule ein gesundheitliches Problem oder eine medizinische Frage haben, können sich an die SGFK wenden. Dies sind neben den akuten oder chronischen Erkrankungen oder Unfällen auch psychische Belastungen wie Schulangst oder häusliche Probleme, die sich hinter körperlichen Beschwerden verbergen. Auch Panikatacken, vor allem im Zusammenhang mit Prüfungs- oder Leistungsängsten, sind keine Seltenheit. Im Gespräch gelingt es Haunsteter meist schnell, die eigentlichen Ursachen herauszufinden.

Haunsteter erklärt: „Wir sind keine Therapeuten, aber häufig reicht es, mit einer erwachsenen Person zu sprechen, die den Kindern offen und neutral begegnet.“ Oft sind nach Ausschluss eines medizinischen Notfalls schon einfache Maßnahmen oder beruhigende und ermutigende Worte ausreichend. Kommunen und Unfallkassen schätzen sehr, dass die Zahl von Retungsdiensteinsätzen und notfallmäßigen Krankenhausaufenthalten in Schulen mit SGFK signifikant niedriger ist. Besonders wertvoll ist die Expertise der SGFK, wenn es um die Wiedereingliederung in den Unterricht nach
längeren Erkrankungen oder Krankenhausaufenthalten geht.

Für Kinder mit chronischen Erkrankungen ergeben sich im Schulalltag oft spezielle Herausforderungen. Auf dem Boden von Vertrauen und Kompetenz kann die SGFK die pflegerische und medizinische Begleitung von Kindern und Jugendlichen mit chronischen Erkrankungen übernehmen und koordinieren.

Ein gutes Beispiel ist die Betreuung von Schüler*innen mit Diabetes mellitus: Dazu gehören unter anderem die regelmäßige Blutzuckerkontrolle, die Unterstützung bei der Insulintherapie, die Beobachtung des Gesundheitszustandes sowie die Beratung der betroffenen Schüler*innen, Lehrkräfte und Eltern im Umgang mit der Erkrankung im Schulalltag. Ziel dabei ist es – wie bei anderen chronischen Erkrankungen auch – die bestmögliche Inklusion und Teilhabe zu erreichen: Die Kinder sollen in ihrer Selbstständigkeit gestärkt werden und trotz der Erkrankung die Möglichkeit eines sicheren und möglichst unbeschwerten Schulbesuchs haben. 

Ideal ist es, wenn die SGFK als Teil eines multiprofessionellen Teams in Schulalltag verstanden wird und mit der Schulleitung, den Pädagog*innen, Schulsozialarbeiter*innen, Schulpsycholog*innen und anderen zusammenarbeitet.

Überaus positive Bilanz vom Wirken der SGFK

Auch akute Ereignisse wie kleinere Verletzungen, plötzliche Bauch- oder Kopfschmerzen, Schwindel oder Kreislaufprobleme erfordern rasches Einschätzen und Handeln. In sehr vielen Fällen können die Schüler*innen direkt vor Ort professionell versorgt und beobachtet werden. In Notfällen leistet Haunsteter Erste Hilfe und entscheidet, ob weitere ärztliche Behandlung notwendig ist.

Die Bilanz der SGFK nach den bisherigen Erhebungen über einen Zeitraum von zwölf Monaten fällt durchaus positiv aus: 75 Prozent des Schulpersonals beobachten eine Verbesserung der Gesundheitskompetenz der Kinder, 90 Prozent berichten von Fortschriten bei der Früherkennung gesundheitlicher Probleme und 88 Prozent sehen eine bessere Versorgung von chronisch kranken Kindern. (Mehr dazu unter: htps://www.dgspj.de/wp-content/uploads/2024-11-06-DGSPJ-PM-Schulgesundheitsfachkraft.pdf (Pdf: 653 KB)

SGFK sind aber auch aktiv und wertvoll im systemischen Ansatz von Prävention: Sie unterstützen Schulen auf dem Weg zu einer gesundheitsfördernden Schule. Dabei nehmen sie nicht nur die Gesundheitsversorgung der Schüler*innen in den Blick, sondern setzen sich auch gezielt für gesunde Rahmenbedingungen im Schulalltag ein. Ein wichtiger Schwerpunkt ist die Schulverpflegung: SGFK analysieren die bestehenden Angebote, geben Impulse zur Verbesserung und
begleiten entsprechende Veränderungen – immer im Austausch mit der Schulgemeinschaft.

Die Botschaft an die Politik und Verbände fällt für Haunsteter daher eindeutig aus: 

„Ich hoffe, dass es in Deutschland bald eine strukturierte, zügige und flächendeckende Einführung von SGFKs gibt.“ Dazu sei jedoch auch eine einheitliche Finanzierung und der Aufbau „struktureller Pfeiler“ für die SGFK dringend erforderlich, damit nicht jedes Bundesland immer wieder ein neues Pilotprojekt starten muss.“

„Gesundheit und ihre Förderung muss zur Stärkung der Gesundheitskompetenz systemisch im Schulalltag verankert werden – für alle und damit auch für ein positiveres Bildungs-Outcome. Schulgesundheitsfachkräfte können dazu wesentlich beitragen“, 

ist Heidrun Thaiss überzeugt.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) e.V. vom 17.07.2025

Redaktion: Paula Joseph