Corona-Schulschließungen

Eltern in schwierigen sozialen Lagen brauchen besondere Unterstützung

Die Studie von Wissenschaftlern des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi) und der Universität Leipzig zeigt anhand von Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS), wie die Eltern von Schulkindern die Schulschließung in den Corona-Jahren 2020 und 2021 erlebt haben. Insbesondere sozial benachteiligte Familien haben diese problematisch erlebt.

04.10.2023

Die Forscher zeigen auf, welche Familien in diesen Zeiten besonders belastet waren und folgern: Soll der Verschärfung von Bildungsungleichheiten entgegengewirkt werden, sind es besonders sozial benachteiligte Familien, aber auch Alleinerziehende, zugewanderte und kinderreiche Familien, die deutlich mehr Unterstützungsangebote beim Lernen zuhause benötigen.

Häusliche Lernsituation wird während der zweiten Schulschließung schlechter bewertet

Zwei Drittel der Eltern schätzten ihre technischen und digitalen Kenntnisse sowie ihre Fähigkeit, die Kinder inhaltlich zu unterstützen, in der ersten Phase der Schulschließung im Frühjahr 2020 noch als voll und ganz ausreichend ein – während der zweiten Phase im Winter 2020/21 waren es nur noch etwas mehr als die Hälfte. Auch die für den Distanzunterricht nötige technische Ausstattung wurde zunehmend kritischer gesehen. Schätzten mehr als drei Viertel der Eltern diese während der ersten Schulschließungen noch als voll und ganz ausreichend ein, waren es im zweiten Lockdown einige Monate später 10 % weniger. „Da in der zweiten Schulschließungsphase vermehrt Online-Plattformen und Videochats genutzt wurden, hatten Eltern dann vermutlich größere technische Schwierigkeiten als während der ersten Schließphase, in der überwiegend E-Mails eingesetzt wurden“, so der Erstautor der Studie Dr. Markus Vogelbacher.

Betreuung und Lernrückstände machten Sorgen

Starke Anspannung erfuhr die familiäre Situation während der zweiten Phase der Schulschließungen durch Schwierigkeiten bei der Betreuung der Kinder und gleichzeitiger Berufstätigkeit. „Die Situation in der Familie war während der zweiten Schulschließungen sehr herausfordernd: Sowohl bei der Betreuung als auch bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gaben knapp 1/3 der befragten Eltern starke bis sehr starke Probleme an“, so Vogelbacher. Weitere 20 bzw. 25 % der Eltern berichtete von Problemen im mittleren Umfang bei Betreuung bzw. Berufstätigkeit.Pessimistisch blickten die Eltern auch auf die Kompetenzentwicklung ihrer Kinder. Während der ersten Schulschließungen glaubten rund 34 % der Eltern, dass ihre Kinder in den Hauptfächern zuhause ebenso viel wie in der Schule lernen. Dieser Anteil sank im zweiten Lockdown leicht auf 30 %. Dafür stieg der Anteil der Eltern, die Bildungsrückstände durch den Distanzunterricht erwarten von 20 auf 31 % deutlich an.

Größere Herausforderungen für sozial Benachteiligte

Die Lernsituation in der zweiten Welle variierte deutlich je nach sozialer Lage: Formal niedrig gebildete Mütter und Väter (maximal Hauptschulabschluss) fühlten sich im Gegensatz zu Befragten mit höherer Bildung (Mittlere Reife oder höher) durchweg schlechter informiert, welche Aufgaben die Kinder zu bearbeiten haben. Gleiches gilt für alleinerziehende Elternteile, die sich ebenfalls weniger gut informiert fühlten.

Im Vergleich zu den Befragten mit der niedrigsten Bildung sahen sich alle anderen Bildungsgruppen besser in der Lage, ihrem Kind beim Lernen des Schulstoffs zu helfen. Die einkommensschwächste Gruppe fühlte sich im Gegensatz zu allen anderen Einkommensgruppen weniger kompetent, ihre Kinder inhaltlich zu unterstützen. Eine niedrigere inhaltliche Unterstützungsfähigkeit berichten außerdem Befragte aus Familien, in denen mindestens ein Elternteil nach Deutschland zugewandert ist. Auch bei der räumlichen Situation und der Möglichkeit, dem Kind einen ruhigen Platz zum Lernen zur Verfügung zu stellen, zeigen sich Einkommenseffekte und Nachteile für kinderreiche Familien.

Bildungsungleichheiten durch gezielte Unterstützung entgegenwirken

Prof. Dr. Thorsten Schneider von der Universität Leipzig fasst die Studie zusammen und fordert:

„Unsere Studie zeigt deutliche Unterschiede zwischen den sozialen Gruppen und im Zeitverlauf eine kritischere Bewertung der häuslichen Lernsituation. Besonders sozial benachteiligten Gruppen müssen Unterstützungs-, Coaching- und Vernetzungsangebote von den Schulen und öffentlichen Trägern unterbreitet werden, um den bereits entstandenen Bildungsungleichheiten durch die Corona-Pandemie entgegenzuwirken – vor allem, wenn es zu längeren Phasen des Distanzlernens kommt“.

Hintergrund der Studie

Für die Auswertung wurden die Antworten von 1.813 Eltern aus dem Jahr 2020 und von 1.898 Eltern aus dem Jahr 2021 herangezogen, die seit rund zehn Jahren regelmäßig im Rahmen des NEPS befragt werden. Die überwiegende Mehrheit ihrer Kinder, zu denen sie regelmäßig befragt werden, befand sich während des ersten Lockdowns in der zweiten Klassestufe, während des zweiten Lockdowns im Winter und Frühjahr 2021 in der dritten Klassenstufe. Befragt wurden die Eltern zur Übermittlung der Lernmaterialien und der Gestaltung des Distanzunterrichtes, zum Wissen um die Aufgaben der Kinder, zur Einschätzung ihrer inhaltlichen Unterstützungsfähigkeit und ihrer technischen und digitalen Kenntnisse sowie zur räumlichen Situation und der Möglichkeit, dem Kind einen ruhigen Platz zum Lernen zur Verfügung zu stellen. Es wurde zudem erhoben, ob die Eltern zugewandert sind, wie viele Elternteile und Kinder im Haushalt leben, über wie viel Einkommen sie verfügen, welche Bildungsabschlüsse sie besitzen und ob sie erwerbstätig sind.

Alle Ergebnisse der Auswertung finden sich im vollständigen Bericht „Und schon wieder war die Schule dicht“ der mit weiteren Hintergrundinformationen zum Download (PFD:1.052KB) bereit steht.

Quelle: Leibniz-Institut für Bildungsverläufe vom 13.09.2023

Redaktion: Kathrin Stopp

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