Interviewreihe „Kinderschutz in der Praxis“
Im Gespräch – Schutzkonzeptberaterin bei einem Stadtjugendring
Wie sieht es mit der Umsetzung von Kinderschutzmaßnahmen in der Praxis aus? In unserer dreiteiligen Interviewreihe geben Fachkräfte aus verschiedenen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe Einblicke in ihren beruflichen Alltag und berichten von ihren individuellen Perspektiven und Erfahrungen im Umgang mit (möglichen) Kindeswohlgefährdungen.
04.08.2026
Kinderschutz hat viele Facetten und kennt keinen Stillstand. Das machen Anpassungen oder Ergänzungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen auf Bundes- und Länderebene ebenso deutlich wie kommunale, regionale und lokale Maßnahmen. Eine Stärkung der Partizipation von Betroffenen und die Vernetzung von Akteur*innen unterschiedlicher Disziplinen zum Wohl der Kinder und ihrer Familien ist gewünscht.
Wie sieht es mit der Umsetzung von Kinderschutzmaßnahmen im eigenen Berufsalltag aus? Für den dritten und letzten Teil der Interviewreihe zum „Kinderschutz in der Praxis“ hat die Autorin mit einer Kinderschutzkonzeptberaterin aus dem Bereich Kinder- und Jugendarbeit gesprochen.
Im Gespräch – Die Schutzkonzeptberaterin bei einem Stadtjugendring
Lena Schmitt ist Bildungsreferentin beim Stadtjugendring Mannheim e.V., der Arbeitsgemeinschaft von 35 Jugendverbänden und mit dem Mädchentreff MARA , der Integrations-, Sprach- und Hausaufgabenhilfe Misha sowie dem Jugendkulturzentrum forum selbst freier Träger von Einrichtungen der Jugendhilfe-, Bildungs- und Kulturarbeit. Seit letztem Jahr ist die 32-Jährige auch Schutzkonzeptberaterin für die Mitgliedsverbände und Abteilungen des Stadtjugendrings. „Das Thema ist uns wichtig und wir merken, dass die Jugendverbände Sicherheit im Umgang mit Themen des Kinderschutzes und der Ausarbeitung von Kinderschutzkonzepten brauchen“, erklärt sie. Vor allem Jugendverbände ohne Hauptamt hätten bislang meist keine Schutzkonzepte, „weil sie gar nicht die Kapazitäten haben, oft noch mal jünger sind, Peer-to-Peer Ansätze umsetzen und dann oft auch überfordert sind mit solchen großen Themen“.
Lena Schmitt hat selbst einen Verbandshintergrund und war vor ihrer hauptamtlichen Tätigkeit bereits ehrenamtliche Delegierte im Stadtjugendring. „Ich bin lange Jahre bei den Pfadfinder*innen aktiv gewesen, auch als Leiterin einer Jugendgruppe.“ Danach sei sie ihnen weiterhin verbunden geblieben, jedoch eher über pädagogische Aufgaben.
„Mit zwanzig habe ich eine Fortbildung bei ‚Tabubruch‘ gemacht, das ist ein pfadfinderinternes Aufarbeitungs-, aber auch Präventionsprojekt gewesen. Dort wurden Personen ausgebildet, die Schulungen für die Jugendleiter*innen Card (Juleica) und Fortbildungen zur Prävention sexualisierter Gewalt machen können“, führt sie weiter aus. Sie habe bei den Pfadfinder*innen lange Juleica-Kurse zum Thema gegeben, sei nach wie vor Unterstützende bei den Schulungen und im Zuge dessen auch Ansprechperson zu sexualisierter Gewalt. Dabei gehe es in der Regel um Fragen zu Übergriffigkeiten, Grenzverletzungen und Peer-to-Peer-Gewalt. „Im letzten Jahr habe ich in meiner ehrenamtlichen Rolle auch einen solchen Fall begleitet.“
Diese Erfahrungen bringe sie jetzt zum Teil auch in ihre hauptamtlichen Aufgaben mit ein.
Nähe- und Distanzverhältnisse sind oft Thema
Der Kinderschutz spielt in Lena Schmitts beruflichem Alltag auch nach Abschluss der Schutzkonzepte-Werkstätten, die sie im letzten Jahr ins Leben gerufen hatte, eine wichtige Rolle. „Die Jugendverbände haben durchaus auf dem Schirm, dass sie mich ansprechen können, und ich gebe da auch einzeln Ratschläge.“
Sie kooperiere auch mit dem Präventiven Kinderschutz der Stadt Mannheim und anderen Einrichtungen, die Kindeswohlgefährdungsmeldungen annehmen, berichtet sie. In ihrem beruflichen Alltag gehe es im Zuge der Kinderschutzkonzepte aber eher um Fragen zu Nähe- und Distanzverhältnissen als um solche Meldungen. „Sie sind gerade ganz oft Thema oder sind es schon immer gewesen. Z. B.: Dürfen Gruppenleitende mit ihren Kindern kuscheln? Oder untereinander: Wann hört eine Grenze auf, wann fängt sie an? Wie unterschiedlich sind Grenzen und werden sie auch wahrgenommen?“ Das seien Themen, die Nachfragende oft beschäftigten und auf die sie Antworten brauchten.
Die Kinderschutzkonzepte-Werkstätten, die sich zunächst nur an die Jugendverbände richteten, in die dann aber auch die fünf Abteilungen des Stadtjugendrings einbezogen wurden, sind im März 2025 gestartet. Wie kam es dazu?
„Mein Arbeitgeber hat mir eine Fortbildung beim Kinderschutzbund BW zur Schutzkonzeptberater*in ermöglicht und hierdurch konnten wir eine Förderung zur Stellenaufstockung von zwölf Stunden pro Woche bekommen.* Wir hätten nicht alle einzeln beraten können, dafür haben wir gar nicht die Kapazitäten. Ich glaube, mit der Neuentwicklung oder der Überarbeitung von Konzepten könnte man eine ganze Stelle ausfüllen. Deshalb haben wir uns für die Methode einer workshopartigen Werkstatt entschieden.“
Sechs Jugendverbände haben mit den Abteilungen des Stadtjugendrings zunächst im monatlichen Turnus in Präsenz, bis zu sieben weitere später in einer zweiten Online- Werkstatt im „abgespeckten Drei-Monats-Format“ mitgemacht. Mit zusätzlichen Einzelberatungen konnten Lena Schmitt und die Honorarkraft, mit der sie die Veranstaltungen durchgeführt hat, 20 bis 25 Jugendverbände erreichen.
Nach den mittlerweile abgeschlossenen Werkstätten zu Bausteinen wie Partizipation, Kinderrechte und Prävention, Risiko-Potenzial-Analyse, Handlungsleitfäden oder Verhaltenskodex werden die Konzepte von den teilnehmenden Organisationen inzwischen individuell weiter ausgearbeitet. „Als Stadtjugendring hatten wir bis dahin auch noch kein Schutzkonzept, aber sind gerade dabei, eins zu entwickeln“, sagt Lena Schmitt.
„Die Teilnehmenden haben super viel aus den Werkstätten mitgenommen. Die Schwierigkeit liegt jetzt in der Anwendung. Dafür hatten wir nicht mehr die Zeit. Der Prozess braucht viel länger, als wir vielleicht erwartet haben. Aber alle Konzepte sind in Erarbeitung.“
Der zeitliche Aufwand sei es auch, der sowohl hauptamtlichen als auch ehrenamtlichen Kräften Sorgen bereitet habe. „Es ist sehr viel Arbeit und braucht Zeit. Mit den Fortschritten hat sich die Haltung etwas verändert, und zwar von ‚voll anstrengend‘ bis zu ‚super wichtig‘ und ‚wir haben davon mehr Wert‘.“
Um ein Schutzkonzept nachhaltig in kleinen Verbänden verankern zu können, in denen die ehrenamtlich engagierten Jugendlichen sich oft abwechselten, wünscht sie sich dort reduzierte zeitliche wie inhaltliche Anforderungen an ein Konzept. Und mehr Unterstützung durch bislang fehlende Ressourcen.
Die Jugendverbände leisteten enorm wichtige Arbeit und brauchten für diese zusätzliche Aufgabe auch angemessene Unterstützung, sagt die Schutzkonzeptberaterin. Sie bedauert, dass ihr deren Begleitung im weiteren Prozess durch das Auslaufen der Förderung nicht mehr im gleichen Maß möglich ist wie bei den Werkstätten. „Jugendringe haben die pädagogischen Know-hows, um unterstützen zu können, die direkten Kontakte und gewachsene Beziehungen.“
Unterstützung leistet die 32-Jährige trotzdem. „Das machen wir als Arbeitsgemeinschaft Stadtjugendring ohnehin, wenn jemand Fragen oder ein Problem hat. Ich frage auch regelmäßig bei den Verbänden nach. Aber da müsste eigentlich noch jemand dazukommen.“
Und wie sieht es in den eigenen Abteilungen aus?
Hier gebe es regelmäßige Treffen, in denen Ergebnisse vorgestellt werden. Im Zuge der Arbeiten am Konzept wurde Lena Schmitt auch zur Ansprechperson zu Kindeswohlgefährdungsfragen, d. h. zur Kinderschutzbeauftragten für den Stadtjugendring gewählt. „Wir haben gemerkt, dass wir eine Ansprechperson brauchen, da wir Abteilungen haben, die mehr mit Kinderschutzkonzepte-Themen zu tun haben.“ Eine Insofern erfahrene Fachkraft, die für die Einschätzung von Kindeswohlgefährdungen besonders qualifiziert ist, sei sie jedoch nicht, betont Lena Schmitt. „Es wäre toll, wenn es eine solche Fachkraft speziell für Jugendverbände gäbe.“
Man muss nicht in allem Profi sein: Es gibt kompetente fachliche Unterstützung
Im Stadtjugendring gehe es mit der Entwicklung des Kinderschutzkonzepts jetzt gut voran. Extrem weit sei z.B. die Einrichtung „Misha“. Sie arbeite nicht nur mit ihren ehrenamtlichen Kräften zu Regeln und pädagogischen Themen wie „Nähe und Distanz“ zusammen, sondern gehe auch zu den Gruppen in die Schulen, um mit den Kindern mit Hilfe eines Ampelsystems über das Thema Emotionen zu sprechen.
„Einen Handlungsleitfaden haben wir noch nicht erarbeitet. Doch wir haben verschiedene Musterbeispiele vorgestellt, damit die Abteilungen die Möglichkeiten kennen.“ Ansonsten gebe es für das Eintreten eines Falls auch eine klare Vorgabe: „Zuerst müssen die Geschäftsführung und ich informiert werden. Danach suchen wir gemeinsam eine Lösung.“
Was gibt ihr selbst für den Umgang mit einer möglichen Kindeswohlgefährdung mehr Sicherheit?
„Zu wissen, dass ich Sachen nicht mit mir selbst ausmachen muss und Hilfe holen kann. Und dass da auch andere Personen sind, die mich unterstützen können. Ich muss nicht in allem Profi sein, es gibt Menschen, die besser ausgebildet sind als ich, und wenn ich sage, ich gehe da jetzt hin, liegt das nicht an mangelnder Kompetenz. Es ist eher eine Kompetenz, andere mitzunehmen.“
Akuten Handlungsbedarf – ob direkt oder über Kolleg*innen im Team – habe sie noch nicht mitbekommen, so Lena Schmitt. Sie wisse nur, dass die Abteilungen bei ihrer Dokumentenanalyse Dokumente aus verschiedenen Vorjahren gefunden haben, die belegten, dass eine pädagogische Intervention nötig war.
Wenn es zu einem Verdachtsfall käme, würde die 32-Jährige empfehlen, alles aufzuschreiben, ein Gedächtnisprotokoll anzufertigen und zunächst in einer Beratungsstelle Rat zu suchen, statt sofort selbst einzugreifen. Sie nennt den Präventiven Kinderschutz der Stadt Mannheim als mögliche Anlaufstelle für Ehrenamtliche, Eltern und hauptamtliche Mitarbeitende. „Man ruft dort an und schildert den Fall. Die Beratung kann auch anonym sein. Für mich wäre das meine erste Anlaufstelle, weil sie dort auch Kontakt zu Insofern erfahrenen Fachkräften, dem Jugendamt und z. B. dem Mädchennotruf haben. Wenn etwas wirklich akut ist, sagen die mir, was ich machen muss.“
Für sie sind die Institutionen auch gute Kooperationspartner*innen bei den Schutzkonzepte-Werkstätten gewesen. „Sie haben dort von ihrer Arbeit erzählt und sich als Ansprechpartner*innen im Falle von Kindeswohlgefährdungen vorgestellt. Dadurch haben sie auch Kontakte zu den Jugendverbänden und Abteilungen bekommen. Es gibt jetzt auch ein Schutzkonzepte-Treffen in Mannheim von verschiedenen Akteur*innen: Das läuft supergut. Die Kolleg*innen sind sehr dankbar für das, was wir reingeben, und ich bin dankbar dafür, was von ihnen kommt.“ Beteiligt seien hier z.B. auch die Kinderbeauftragte der Stadt Mannheim, der Weiße Ring, der Kindernotruf, der Kinderschutzbund und die Jugendförderung. „Was ich spannend finde: Jugendverbände haben bisher nicht im Fokus gestanden bei dem Thema Kinderschutzkonzepte oder Kinderschutz, jetzt sind sie Teil des Fokus. Das wurde im letzten Jahr erreicht. Und deshalb sind wir auch so gut im Kontakt.“
Bei den Schutzkonzepten ist ihr am wichtigsten, dass sie auch gelebt werden und nicht in der Schublade verschwinden. „Die Menschen sollten wissen, dass es eins gibt und über Schulungen erfahren, was darin steht. Alle, die das Konzept kennen und anwenden müssten, sollten die Haltung haben, dass es wichtig ist.“
Hintergrund
Der Kinderschutzbund Landesverband Baden-Württemberg bildet im Rahmen des mit Landesmitteln geförderten Projekts „Kinderschutz in Baden-Württemberg (KiSchuBW)“ Schutzkonzeptberater*innen für Vereine und Verbände aus. Die Fortbildung, mit der die Entwicklung und Implementierung von Schutzkonzepten landesweit gestärkt werden soll, richtet sich insbesondere an Fachkräfte von öffentlichen und freien Trägern der Jugendhilfe.
Das Interview führte Gabi Winter (freie Autorin).
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