Beteiligung
„Ich kann etwas bewirken“ – Schule als Erfahrungsraum für Selbstwirksamkeit
Ob Regelungen zur Mediennutzung, die Gestaltung von Pausen oder die Verbesserung der Toilettensituation: Kinder und Jugendliche möchten mitreden, wenn es um Dinge geht, die sie in ihrem Schulalltag betreffen. Doch wie lässt sich Beteiligung nachhaltig umsetzen und leben? Darüber sprach das Initiativbüro Gutes Aufwachsen mit Medien mit Alexa Schaegner, die als Geschäftsführerin im Projekt aula tätig ist, welches es seit nunmehr zwölf Jahren gibt.
18.12.2025
Schulen – ein undemokratischer Ort?
Dass Beteiligung erlernt werden und im Alltag praktiziert werden muss, war für Alexa Schaegner die Antwort darauf, dass gesellschaftliche Beteiligungsmöglichkeiten teilweise noch wenig genutzt werden. Das war der Anstoß, zusammen mit Marina Weisband das Projekt aula zu ins Leben zu rufen:
„Mit unserem Projekt möchten wir Schulen zu Orten machen, an denen junge Menschen von Anfang an Teil der Gemeinschaft und aktiv in Entscheidungsprozesse mit eingebunden sind. Wenn sie schon früh erfahren, dass sie ihre Ideen einbringen können, dass sie mitentscheiden können und dass dies selbstverständlich ist, erleben sie, dass ihre Stimme Bedeutung hat. Wir gehen davon aus, dass sich diese Selbstwirksamkeitserfahrungen auch in andere Lebensbereiche außerhalb der Schule übertragen.“
Wie Beteiligung entsteht
Der Ansatz von aula ist so: Schüler*innen, Lehrkräfte und alle anderen Beteiligten in Schulen werden einbezogen, wenn es um Belange geht, die das Miteinander und die Strukturen im Schulleben betreffen. Organisiert wird der Beteiligungsprozess über eine App, in der alle eigene Ideen einbringen können und Austauschtreffen zur Planung und Umsetzung von Projekten geplant werden. „Zu Beginn jedes Prozesses steht die sogenannte wilde Idee. Das nennen wir bewusst so, weil wir wollen, dass grundsätzlich erstmal alle ihre Ideen in den Prozess einbringen können. Oft ist es nämlich so, dass gerade junge Menschen nicht den Raum haben, ihre Ideen und Meinungen beizutragen. Genau das, also Raum für kreative Ideen, wollen wir ermöglichen“, sagt Alexa Schaegner. Das bedeutet nicht, dass automatisch jede Idee umgesetzt wird; das hängt davon ab, wie gut sie ausgearbeitet ist, welche Relevanz sie für andere hat und ob sie sich innerhalb der vorhandenen Rahmenbedingungen umsetzen lässt. Findet eine Idee Zuspruch, wird diese Stück für Stück weiterentwickelt. „Dabei müssen sich die Beteiligten darüber bewusst sein, dass dies Zeit erfordert und es Arbeit und Energie braucht, bis Ideen umgesetzt werden können.“
Wichtig ist zudem, dass zu Beginn des Beteiligungsprozesses ein „Beteiligungsvertrag”, also ein verbindlicher und transparenter Rahmen mit Möglichkeiten und Grenzen zwischen den Beteiligten – Schüler*innen, Lehrkräften, Schulsozialarbeiter*innen und Schulleitung – geschlossen wird. „Hier unterstützen wir, das Projektteam und unsere aula-Botschafter*innen in der Ausarbeitung. Der Fokus liegt hierbei zunächst darauf, auf die Bedarfe der Schulen zu schauen und diese auszumachen. Das ist ein spannender Prozess, weil die Bedarfe sehr individuell sind und von den verschiedenen Beteiligten unterschiedlich wahrgenommen werden“, schildert Alexa Schaegner.
Neugierig sein und Strukturen durchbrechen
Mitunter stellt Alexa Schaegner fest, dass es Schüler*innen und Lehrkräften nicht immer leichtfällt, sich von etablierten Routinen, Strukturen und Konzepten zu lösen. „Schüler*innen sind es oft nicht gewohnt, dass sie ihre Kreativität frei ausleben und sich mit ihren Wünschen und Vorstellungen einbringen können. Und dass es nicht darum geht, das zu sagen, was andere hören wollen. Lehrkräften fällt es manchmal schwer, Schüler*innen mit all ihren Vorschlägen ernst zu nehmen, zuzuhören und einen offenen Raum anzubieten, in dem junge Menschen Mitgestalter*innen sind. Unser Ansatz im Projekt lautet daher radikales ernst nehmen, ganz gleich wie absurd eine Idee am Anfang womöglich scheint. Für einen ehrlichen, nicht künstlichen Prozess der Beteiligung, braucht es eine offene Haltung von Lehrkräften. Dazu zählt, sich auf einen ergebnisoffenen Prozess einzulassen, in dem Lehrkräfte nicht die Personen sind, die alles vorgeben und sich gleichzeitig auch nicht komplett zurückziehen, sondern begleiten.“
Verbündete suchen und gemeinsam umsetzen
Für die Umsetzung bestimmter Ideen und Projekte ist es hilfreich, sich mit anderen Personen zusammenzuschließen, sowohl innerhalb der eigenen Schule als auch außerhalb. „Jeder aula-Prozess startet erstmal damit, dass wir interessierten Personen raten eine Projektgruppe zu bilden aus gleichgesinnten Lehrkräften, Schüler*innen etc. Darüber hinaus gibt es auch die Möglichkeit sich mit Personen aus anderen Schulen auszutauschen: Wir organisieren Treffen zwischen Schulen, bei denen Lehrkräfte den Raum haben, um Erfahrungen auszutauschen und andere Ansätze kennenzulernen, die für die eigene Schule passend sein können“, erläutert Alexa Schaegner.
Mit Herausforderungen umgehen
Dass die Vorstellungen zwischen den Beteiligten auch manchmal auseinandergehen, erlebt Alexa Schaegner, wenn sie an Schulen Prozesse begleitet. „Es gibt Lehrkräfte, die die Vorstellung haben, dass Schüler*innen große, sozial wertvolle Projekte umsetzen. Schüler*innen hingegen bringen oft die Themen ein, die sie in ihrem Schulalltag beschäftigen. Das können dann auch Themen sein, die Lehrkräfte nicht für unterstützenswert halten. In einer Schule haben sich Schüler*innen zum Beispiel für einen überdachten Raucherbereich ausgesprochen, damit sie bei Regen nicht nass werden. Das wurde von den Lehrer*innen erst nicht für gut befunden – weil sie nicht wollten, dass geraucht wird – aber es ging schließlich darum, echte Mitgestaltung zuzulassen.“
Mehr Informationen:
- aula stellt auf seiner Website kostenfreie Materialien für die Einführung des Beteiligungskonzeptes von aula zur Verfügung.
- Das Projekt sUPpress – Medienkompetenz für Engagement und Selbstwirksamkeit des Archivs der Jugendkulturen e. V. fördert Selbstwirksamkeitserfahrungen junger Menschen durch die Erstellung eigener Medienproduktionen.
- Die John-Dewey-Forschungsstelle für die Didaktik der Demokratie setzt sich in ihrer Reihe der Abendschule mit dem Begriff der Selbstwirksamkeit auseinander.
Der Artikel erschien im Magazin der Initiative Gutes Aufwachsen mit Medien, ein Projekt, das durch das BMBFSFJ gefördert wird. Wenn Sie Interesse haben, regelmäßig über Aktuelles aus Jugendmedienschutz, Medienpädagogik und Medienbildung zu erfahren, abonnieren Sie gerne den Newsletter des Initiativbüros Gutes Aufwachsen mit Medien.
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