Gesundheits-Studie

Folgen der Gewichtsdiskriminierung bei Kindern werden massiv unterschätzt

Gewichtsdiskriminierung bei Kindern und Jugendlichen wird oft unterschätzt, warnt die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ). Eine Studie zeigt, dass betroffene Kinder durch stigmatisierende Therapieempfehlungen des Fachpersonals das Vertrauen in medizinische Hinweise verlieren.

18.03.2026

Gewichtsdiskriminierung findet leider in jeder Altersstufe statt. Besonders brisant sind jedoch die Folgen von Stigmatisierungen von Kindern und Jugendlichen aufgrund ihres allzu hohen Körpergewichtes, warnt die die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ). Dennoch ist die Studienlage zur Gewichtsdiskriminierung gerade von Kindern und Jugendlichen noch immer unzureichend. Kein Wunder, dass deshalb auch Handlungsempfehlungen fehlen. 

Wie wichtig in der DGSPJ dieses Thema ist, zeigt allein schon die Tatsache, dass sie bei ihrer jüngsten Jahrestagung ihren bundesweiten Posterpreis zum Thema „Gewichtsdiskriminierung in der pädiatrischen Adipositastherapie – ein unterschätzter Einflussfaktor“ vergeben haben. Preisträgerin war Lucie Schröder von der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Sie hat die Ergebnisse einer qualitativ mehrperspektivischen Erhebung zusammengestellt, in der ein ambulantes Reha-Programm in 4 Reha-Zentren für Kinder mit diagnostizierter Adipositas ausgewertet wurde. Daran beteiligt waren insgesamt 35 Kinder, 19 Gesundheitsfachkräfte und 19 Eltern, die über leitfadengestütze Telefoninterviews und Fokusgruppen befragt wurden. In dieser Evaluationsstudie (EvambAdi) wurde Gewichtsdiskriminierung als ein Teilaspekt gesondert betrachtet.

Dabei klagten die betroffenen Kinder und Jugendlichen insbesondere über stigmatisierende Therapieempfehlungen und diskriminierende Äußerungen durch das sie betreuende Fachpersonal. Eine Studienteilnehmerin schildert ein Erlebnis in der Praxis so: „Und dann sagt die Kinderärztin, du musst mehr abnehmen, geh doch mehr spazieren. Und das regt mich dann immer auf, weil sie das dann jedes Mal sagt und dann will ich da nicht mehr hin.“ Auf diese Weise verlieren Kinder und Jugendliche häufig das Vertrauen in ärztliche Hinweise, wechseln Praxen oder meiden ärztlichen Kontakt sogar ganz. Mit zum Teil fatalen Konsequenzen, die eine weitere Studienteilnehmerin zieht, die die Vorhaltungen ihres Pädiaters beklagt: „Weil du einfach zu dick bist, belastet das dein Knie.“ Dabei ist die Fehlstellung des Knies die entscheidende Ursache für ihre Probleme. Deshalb, so sagt die betroffene Jugendliche, „gehe ich nicht mehr gern dahin. Immer wenn ich krank bin oder Schmerzen habe, nehme ich einfach Ibuprofen und lasse es über mich ergehen.“

Bezogen auf die Reha, war es laut Studienautorin Lucie Schröder zudem erstaunlich, wie einzelne Reha-Ziele unterschiedlich formuliert wurden. Während das interviewte Fachpersonal bezogen auf das Gewicht zumeist das Ziel „Gewicht halten“ bei der Reha verfolgte, drückten die Kinder und Jugendlichen viel häufiger den Wunsch aus, mit dem Reha-Programm „abzunehmen.“ Weiterhin erwies sich die Sprache im therapeutischen Setting als überraschend wichtiger und zugleich limitierender Faktor. So diskutierten die Kinder und Jugendlichen zum Teil rege über einzelne Begriffe, lehnten z.B. das Wort „Adipositastherapie“ ab und befürworteten stattdessen „Ernährungsschulung“, „Sozialkompetenztraining“ oder „Fitnesstraining“. 

Im Ergebnis stellte Lucie Schröder fest, dass sich Gewichtsdiskriminierung auf überraschend viele Aspekte einer Adipositas-Behandlung auswirkt: auf die Gründe für und die Ziele innerhalb der Therapie, auf die Art und Weise der ausgesprochenen Therapieempfehlungen durch das Gesundheitspersonal und auf die Sprache. 

Deshalb sollte künftig in jedem Fall Gewichtsdiskriminierung so weit wie möglich vermieden werden, bekräftigt DGSPJ-Präsident Dr. Andreas Oberle. Dies erfordere allerdings dann auch, Stigmatisierungen zu vermeiden. Gesundheitsfachkräfte sollten dabei insbesondere auf gewichtsdiskriminierende Faktoren wie zu vorschnelle Be- und Verurteilungen, eine unpassende Wortwahl oder unrealistische Reha-Ziele achten. Oberle: „Da sollten wir Kinder- und Jugendärzte Vorbild sein.“ 

Diesen Appell unterstützt auch Lucie Schröder. Doch vieles, so kritisiert sie, sei derzeit auch noch unerforscht. Zukünftige Forschung in der Gesundheitsversorgung von Kindern und Jugendlichen sollte daher genau hier ansetzen. Denn Gewichtsdiskriminierung ist ein weit stärkerer limitierender Faktor bei der Behandlung und Betreuung von immer mehr übergewichtigen Kindern und Jugendlichen als bislang vermutet.

Weiterführende Informationen

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin e.V. vom 25.02.2026

Redaktion: Klara Neumann