Interview
Eine Perspektive für die westlichen Balkanstaaten
„Manchmal wollen sie einfach nur jung sein." Ajsa Hadzibegovic und Mirela Rajkovic haben UPOR gegründet, um Jugendarbeit in Montenegro endlich die Anerkennung zu verschaffen, die sie verdient. Im Interview spricht Ajsa Hadzibegovic über Diversität, Polarisierung – und darüber, warum Jugendarbeit im westlichen Balkan immer auch Friedensarbeit ist.
27.05.2026
Jugendarbeit in Montenegro ist seit jeher eng mit Versöhnung und Friedenserziehung verbunden. Die internationale Organisation PRONI (später FORUM MNE) nahm ihre Arbeit im ehemaligen Jugoslawien auf, um durch Jugendarbeit zu einem nachhaltigen Frieden in gespaltenen Gesellschaften beizutragen. Mehr als 20 Jahre später, Anfang 2025, gründeten Ajsa Hadzibegovic und Mirela Rajkovic UPOR, Professional Association of Youth Workers in Montenegro. Seit Mai 2025 ist UPOR Mitglied von AYWA - Alliance of Youth Workers Associations. IJAB hat mit Ajsa Hadzibegovic ein umfassendes Interview zu Friedens- und Jugendarbeit in Montenegro geführt.
IJAB: Starten wir mit einem Icebreaker. Was hat Jugendarbeit mit Friedenserziehung zu tun?
Ajsa Hadzibegovic: „Für diejenigen von uns, die aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien kommen – einer Region, die noch während meiner Lebzeiten vom Krieg zerrissen wurde – haben Jugendarbeit und Friedenserziehung sehr viel miteinander zu tun. Jugendarbeit gab mir eine andere Perspektive und die Möglichkeit, mit meinen Werten von Frieden und Menschlichkeit zu arbeiten, zu einer Zeit, in der von diesen Werten wenig zu spüren war. Aber auch für alle, die nicht direkt in einem Konfliktgebiet leben, ist das ein wichtiges Thema. Es gibt so viele Spannungen in unserer Gesellschaft, die manchmal unbemerkt bleiben. In diesem Sinne kann Jugendarbeit sehr wertvoll sein: Sie kann dazu beitragen, den Wert der Vielfalt zu erkennen und potenzielle Konflikte rechtzeitig und konstruktiv anzugehen.“
Was bedeutet das konkret für Montenegro?
„Montenegro ist eines der jüngeren Länder in Europa. Leider hat das Land auch gewaltsame und zerstörerische Konflikte erlebt, auch wenn die Auswirkungen in Montenegro weniger verheerend waren als in einigen anderen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens. Da wir uns jedoch denselben kulturellen und geografischen Raum im westlichen Balkan teilen, betreffen negative Entwicklungen unweigerlich uns alle. Es ist wie ein Dominoeffekt. Wenn sich die Dinge bei unseren Nachbarn positiv oder negativ entwickeln, spürt man das in der ganzen Region.
Montenegro ist zudem ein sehr multikulturelles, multinationales und multiethnisches Land auf einem sehr kleinen geografischen Gebiet. Insgesamt sind wir nur etwa 600.000 Menschen. Es ist eine sehr heterogene Gesellschaft und für einige Bevölkerungsgruppen gilt das ganz besonders. Daher sind Frieden und sozialer Zusammenhalt für uns von besonderer Bedeutung. Wir als Jugendarbeiter*innen wollen nicht, dass sich die Gesellschaft in Richtung Hass, Polarisierung und Spaltung entwickelt. Stattdessen möchten wir, dass Inklusion, Vielfalt und Menschlichkeit in dieser wunderschönen natürlichen Umgebung gedeihen. Und wenn wir mehr in Kontakt mit der Natur sind, dann können wir als Menschen – so unterschiedlich wir auch sind – mit Unterstützung der Jugendarbeit in einer friedlicheren Umgebung gedeihen.“
Welche Rolle spielt RYCO in diesem Zusammenhang?
„RYCO, das Regionale Büro für Kooperation im Bereich Jugend (Regional Youth Cooperation Office), wurde von den Regierungen von sechs westlichen Balkanländern gegründet, darunter auch Montenegro. Seine Hauptaufgabe besteht darin, den grenzüberschreitenden Austausch zwischen jungen Menschen zu fördern. In Montenegro ist RYCO aufgrund seiner interkulturellen Dimension selbst innerhalb der Landesgrenzen von besonderer Bedeutung. Für diese relativ jungen Länder war und ist es von entscheidender Bedeutung, die Zusammenarbeit zu verstärken und Möglichkeiten für junge Menschen zu schaffen, um Kontakte zu knüpfen und ein Verständnis für „die anderen“ zu entwickeln. Ich setze „die anderen“ hier bewusst in Anführungszeichen, denn als Erbe des Krieges ist die Wahrnehmung der anderen oft von Stereotypen und negativen Annahmen geprägt.
RYCO bietet also jungen Menschen – insbesondere solchen, die sonst weniger Möglichkeiten hätten, Menschen aus anderen Kulturen kennenzulernen – eine Plattform für bereichernde Begegnungen. RYCO unterstützt nicht nur zivilgesellschaftliche Organisationen, sondern auch Schulen beim Aufbau solcher Austauschmöglichkeiten. Dies ist ein wertvoller Ansatz, weil er dazu beiträgt, diese Art von Arbeit stärker in das formale Bildungssystem zu integrieren. Wir setzen uns nachdrücklich für eine engere Zusammenarbeit und die Integration der Jugendarbeit in die formale Bildung ein.“
Hat die Arbeit von RYCO konkrete Auswirkungen speziell auf Montenegro?
„RYCO hat dazu eine Evaluationsstudie durchgeführt. Montenegro spielt in dieser Studie aufgrund der Struktur von RYCO jedoch eine relativ kleine Rolle, da die Anzahl der unterstützten Projekte von der Bevölkerungszahl eines Landes abhängt. Da wir das kleinste Land in der Region sind, mit der geringsten Bevölkerungszahl und daher dem geringsten finanziellen Beitrag zu RYCO, haben junge Menschen in Montenegro weniger Möglichkeiten an diesen Projekten teilzunehmen als in unseren Nachbarländern. Daher ist es noch zu früh, um von einer großen Wirkung zu sprechen. Die Zahl der Teilnehmenden ist begrenzt und reicht noch nicht aus, um eine breitere Wirkung auf die Gemeinschaft und die Gesellschaft zu erzielen. Meiner Meinung nach müsste RYCO entweder die Zahl der Angebote für junge Menschen erhöhen oder mit mehr Akteuren zusammenarbeiten, um eine nachhaltigere und sichtbarere Wirkung zu erzielen.“
Wie passen diese Hintergründe zur neu gegründeten UPOR?
„UPOR ist etwas ganz Neues und es hat lange gedauert, bis wir die Idee dahinter umsetzen konnten. UPOR ist ein Verband, der Jugendarbeiter*innen und Fachkräfte aus der Praxis zusammenbringt, da Jugendarbeit in Montenegro noch kein anerkannter Beruf ist. Wir möchten ein Verständnis dafür schaffen, dass Jugendarbeiter*innen sich über ihre Arbeit mit jungen Menschen identifizieren und diese dabei unterstützen möchten, sich in der Welt zurechtzufinden. Dazu gehört auch, dass sie Chancen erkennen, die ihnen innerhalb des Systems zur Verfügung stehen – im weiteren Sinne auch im Zusammenhang mit unserem Bestreben, in naher Zukunft der EU beizutreten.
Das Wichtigste an UPOR ist für uns die gemeinsame Wertebasis und das Gefühl der Verbundenheit, das durch das Netzwerk entsteht. Friedensförderung und Friedenserziehung sind unsere gemeinsamen Werte, die wir als Jugendarbeiter*innen in unserem Verband teilen. Diese Werte ermöglichen es uns, junge Menschen dabei zu unterstützen, sich positive Werte anzueignen und den vielen Formen von Hassrede, Polarisierung und nationalistischen Bestrebungen in unserer Umgebung etwas entgegenzusetzen.“
UPOR wurde vor etwas mehr als einem Jahr gegründet. Gibt es seither bereits wesentliche Entwicklungen?
„Ja, wir sind noch ein sehr junger Verband. In diesem ersten Jahr haben wir uns darauf konzentriert, eine Gemeinschaft von Jugendarbeiter*innen aufzubauen, herauszufinden, was es bedeutet, Teil einer solchen Gemeinschaft zu sein, und Bereiche zu entwickeln, die für den Verband von strategischer Bedeutung sind. Die strategischen Ausrichtungen, die wir festgelegt haben, stehen im Zusammenhang mit der Anerkennung der Jugendarbeit, unserer Positionierung in der Gesellschaft und der Stärkung der Praxisgemeinschaft. Bisher gibt es in unserem Bereich kein besonders ausgeprägtes Selbstverständnis. Das heißt, dass sich viele Personen nicht unbedingt als Jugendarbeiter*innen bezeichnen würden, auch wenn sie es per Definition sind.
Wichtig für uns ist aber, dass wir schon in diesem ersten Jahr das Gefühl hatten, nicht allein zu sein. Die Alliance of Youth Workers Associations (AYWA) hat uns sofort zum Beitritt eingeladen. Durch ihre Mitglieder und andere Verbände der Jugendarbeit haben wir große Unterstützung erfahren. Ihre Erfahrungen und ihre Ideen, wie wir zusammenarbeiten können, um unsere gemeinsamen Ziele zu erreichen, waren sehr wertvoll. In einem solchen europäischen Umfeld merkt man schnell, dass man nicht alles alleine schaffen muss.
Diese Unterstützung war in diesem ersten Jahr wirklich hilfreich und ich freue mich schon auf alles, was noch kommt. In diesem Jahr haben wir beispielsweise damit begonnen, alle unsere Mitglieder zu befragen, um ihren Bedarf und ihre Prioritäten sowohl in Bezug auf ihre eigene Entwicklung als auch auf die Ausrichtung des Verbandes zu verstehen, damit wir strategischer auf die Gegebenheiten reagieren können. Wir verfolgen nun auch die Überarbeitung des Jugendgesetzes und hoffen, dass die Jugendarbeit künftig mehr Anerkennung erfahren wird als bisher.„
Werfen wir einen Blick auf die tägliche Arbeit mit jungen Menschen. Mit welchen Problemen sind junge Menschen in Montenegro derzeit konfrontiert und wie beeinflusst das eure Arbeit?
„Leider sind junge Menschen in Montenegro mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert, weil wir als Land auf gewisse Weise zwischen den Stühlen sitzen – sowohl politisch, geopolitisch und wirtschaftlich als auch gesellschaftlich. In vielerlei Hinsicht befindet sich unsere Gesellschaft noch im Übergang und verschiedene Gruppen bewegen sich in unterschiedliche Richtungen. Vieles von dem, was ich hier beschreibe, kann man auch als Polarisierung bezeichnen. Wir leben in einer sehr polarisierten Gesellschaft und Untersuchungen zeigen, dass junge Menschen dies zunehmend leid sind. Sie wollen nicht so sehr von der Politik unter Druck gesetzt werden. Sie wollen nicht in eine Identitätspolitik hineingezogen werden und sie wollen nicht zu allem eine Meinung haben. Manchmal wollen sie einfach nur jung sein. Sie wollen ein Land, in dem sie auf der Grundlage ihrer Leistungen, ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten vorankommen können. Ein Land, in dem sie eine realistische Chance haben, etwas aus sich zu machen oder sich ein gutes Leben aufzubauen. Leider ist das in Montenegro schwierig, weil das Land noch immer mit Korruption zu kämpfen hat und parteipolitische Interessen einen großen Einfluss auf die öffentliche Agenda und die Beschäftigung im öffentlichen Dienst haben. Das heißt im Prinzip: Wer nicht die „richtige“ Parteizugehörigkeit hat, dem bleiben bestimmte Möglichkeiten verwehrt.
Für junge Menschen, die herausfinden wollen, wer sie sind und wo sie hin möchten ist das natürlich kein besonders förderliches Umfeld. Als Jugendarbeiter*innen sehen wir uns als erste Anlaufstelle für junge Menschen. Nach der Gründung unseres Verbands haben wir direkt begonnen, eine formelle Zusammenarbeit mit dem Nationalen Jugendring hier in Montenegro aufzubauen, da wir keinen besseren Partner für unsere Ziele sehen. Auch wenn wir uns eher im Hintergrund halten, war diese Zusammenarbeit unerlässlich. Unsere Idee für dieses Jahr ist es zum Beispiel, mindestens eine Initiative zu unterstützen, die vom Nationalen Jugendring geleitet wird und als Jugendarbeiter*innen bei der Umsetzung zu helfen.
Es ist auch wichtig zu verstehen, dass das, was ich hier beschreibe, nicht die Realität aller junger Menschen ist. Selbst in einem so kleinen Land sind die Erfahrungen sehr unterschiedlich. Eine andere Person würde diese Frage vielleicht völlig anders beantworten. Es ist schwierig, sich in einem derart polarisierten Umfeld zurechtzufinden. Wir bemühen uns, so objektiv wie möglich zu bleiben und dabei stets zu bedenken, dass wir Teilhabe nicht als reinen Selbstzweck fördern. Wir möchten eine Form von Teilhabe fördern, die auf positiven Werten basiert, d.h. wir fördern junge Menschen, die einen Beitrag zu Frieden, Menschlichkeit und Vielfalt leisten wollen. Diese Art der Teilhabe wollen wir unterstützen. Unsere Arbeit ist also nicht losgelöst von unseren Werten.“
Du hast das neue Jugendgesetz und die Zusammenarbeit von UPOR mit politischen Strukturen erwähnt. Wie ist Jugendpolitik in Montenegro auf nationaler und kommunaler Ebene organisiert und wie fügt sich die Jugendarbeit in dieses System ein?
„Es gibt ein Ministerium für Sport und Jugend. Der Bereich Jugend macht allerdings nur einen relativ kleinen Teil seines Mandats aus. Um ehrlich zu sein, wird das Thema Jugend nicht unbedingt als Priorität angesehen. Das war schon immer so, nicht nur unter der derzeitigen Regierung. In der Praxis werden junge Menschen oft fast nachrangig behandelt. Es gibt jedoch einen politischen Rahmen: ein für Jugend zuständiges Referat und eine offizielle Jugendstrategie. Diese Strategie wurde in einem partizipativen Prozess unter Beteiligung junger Menschen entwickelt.
Allerdings fehlt es uns an der Umsetzung. Und das gilt nicht nur für den Jugendbereich, sondern für das gesamte System. Wir sind allgemein viel besser darin, Strategien zu entwickeln, als sie tatsächlich umzusetzen, zu verfolgen, zu überwachen, anzupassen und zu bewerten. Auf kommunaler Ebene ist die Situation ähnlich. Vieles hängt von den Beschäftigten der Kommunen, ihrer Motivation und manchmal auch ihrem Fachwissen ab.
Die Stadt Podgorica zum Beispiel wollte einen Schritt weiter gehen und hat sich als Europäische Jugendhauptstadt 2028 beworben und das Rennen gemacht – ein großer Erfolg für Montenegro. Und damit meine ich ganz Montenegro, denn wir sind ein so kleines Land, dass sich dieser Erfolg auch auf andere Städte und Gemeinden positiv auswirken wird. Ich hoffe, dass junge Menschen aus ganz Montenegro von den Möglichkeiten profitieren werden, die mit diesem Titel einhergehen. Allerdings dürfen wir dabei nicht vergessen, dass ein Drittel der Bevölkerung Montenegros in Podgorica lebt.
Die Jugendarbeit wird also in gewissem Maße anerkannt. Auch im bestehenden Gesetz wird die Jugendarbeit bereits erwähnt und definiert. Auf der Ebene der Umsetzung wird sie jedoch noch nicht wirklich anerkannt. Das beunruhigt mich am meisten. Denn es ist eine Sache, ob ein Begriff im Gesetz steht, aber eine ganz andere, ob er sich auch in der Praxis niederschlägt – wenn man als Jugendarbeiter*in keinen Job findet oder überhaupt Organisationen, die Jugendarbeiter*innen beschäftigen. Dann muss man irgendwie selbst seinen Weg finden.
Eine große Chance für uns liegt in der Zusammenarbeit mit anderen Branchen, die Schwierigkeiten haben, junge Menschen zu erreichen, und zunehmend erkennen, dass im System etwas fehlt. Ich hoffe, dass wir in Zukunft sagen können, dass dieser fehlende Teil wir Jugendarbeiter*innen sind. Also Personen, die gute Beziehungen zu jungen Menschen haben, die wissen, wie man sie erreicht und anspricht, und die sie je nach ihren Bedürfnissen mit Expert*innen oder Fachleuten in Bereichen wie Gesundheit oder Bildung zusammenbringen können. Vor diesem Hintergrund habe ich das Gefühl, dass sich in Montenegro neue Möglichkeiten ergeben, die verschiedenen Teile des Systems auf wirklich positive Weise miteinander zu verbinden. Dafür müssen allerdings viele Faktoren zusammenkommen.
Als Metapher kommt mir da ein Puzzle in den Sinn: Viele kleine Teile müssen zusammengefügt werden. Aber es scheint, dass inzwischen etwas mehr Optimismus herrscht und sich Chancen eröffnen, dass die Jugendarbeit Teil der systemischen Angebote für junge Menschen wird – damit sie in diesem Land wirklich unterstützt werden und es ihnen besser geht.“
Welche Rolle könnten politische Entscheidungsträger*innen auf kommunaler Ebene bei der Stärkung von Jugendarbeit spielen?
„Die kommunale Ebene ist die wichtigste, denn dort findet die Jugendarbeit statt. Genau dorthin müssen unsere Bemühungen durchsickern, um junge Menschen zu erreichen. Ich verstehe, dass sich Beschäftigte im öffentlichen Dienst auf kommunaler Ebene, die für den Jugendbereich zuständig sind, manchmal überfordert fühlen, weil sie oft noch für fünf oder sechs weitere Zuständigkeitsbereiche verantwortlich sind – ohne die nötige Unterstützung, um vollständig zu verstehen, was zu tun ist. In der Regel raten wir ihnen, die Dinge bei der Arbeit mit jungen Menschen anders anzugehen. Ich kann mir vorstellen, dass es bei jedem anderen Zuständigkeitsbereich genauso ist. Dennoch sollten junge Menschen die nötige Unterstützung aktiv einfordern. Als Jugendarbeiter*innen sollten wir sie dabei unterstützen und auch versuchen, den Kommunen beratend zur Seite zu stehen. Genau hier versuchen wir, uns zu positionieren: als Fachleute mit Fachwissen, die eine klare Aufgabe haben. Leider liegt es dann an anderen, den nötigen Raum dafür zu schaffen.“
Hast du konkrete Vorstellungen davon, was sich rechtlich und administrativ ändern müsste, um Jugendarbeit in Montenegro nachhaltiger zu gestalten?
„Wenn unsere Strategie und das vorgeschlagene neue Gesetz tatsächlich umgesetzt werden, wäre das bereits ein großer Schritt nach vorne. Wir brauchen nachhaltigere Räume für Jugendarbeit und das entsprechende Fachwissen in diesen Räumen. Bis zu einem gewissen Grad ist dies eine Frage der Finanzierung. Man kann nicht erwarten, dass talentierte Fachkräfte in einem Umfeld bleiben, in dem es nur wenige Aufstiegsmöglichkeiten oder gar keine realistischen Chancen gibt, von ihrer Arbeit zu leben.
Das gilt übrigens nicht nur für uns. Im formalen Bildungssystem, im Gesundheitswesen und anderen Bereichen ist die Situation ähnlich. In diesen Bereichen sind jedoch bereits Verhandlungen im Gange und es wird erkannt, dass ein Wandel notwendig ist. Dass auch die Jugendarbeit ein wichtiger Teil dieses größeren Systems ist und dass wir geeignete Bedingungen benötigen, um junge Menschen mit unserer Arbeit zu unterstützen, muss erst noch anerkannt werden.“
Welche Rolle spielt dabei die European Youth Work Agenda (EYWA)? Für diese stehen finanzielle Mittel zur Verfügung, aber die westlichen Balkanländer haben ja sehr spezifische Bedürfnisse. Gibt es hier eine Lücke und wenn ja, wie kann sie überbrückt werden?
„Die größte Lücke ist für uns der Zugang zu diesen Mitteln. Das hat viel mit unserem politischen System zu tun und an welchen Programmen wir teilnehmen können. Selbst mit dem begrenzten Zugang, den wir derzeit haben, ist dies aber eine große Chance. Nicht, weil uns das Wissen oder die Fähigkeiten fehlen, sondern weil wir sehen können, wie Jugendarbeit anderswo in Europa funktioniert. Das zeigt uns, dass ein Wandel möglich ist. Das gibt uns ein Ziel vor Augen.
Das ist besonders wichtig für unsere politischen Entscheidungsträger*innen und auch für die Jugendarbeiter*innen selbst, die manchmal frustriert sind und den Eindruck haben, dass sich nie etwas ändern wird. Deshalb ist es für uns so wichtig, zusammenzuarbeiten, uns auszutauschen und voneinander zu lernen. So können wir erkennen, wie unsere Themen auf unterschiedliche Weise umgesetzt, organisiert, konzipiert und strukturell integriert werden. All dies ist sehr wertvoll, wenn man fast bei Null anfängt und versucht, ein völlig neues System aufzubauen. Es ist nicht so, dass es gar keine Jugendarbeit gäbe; vielmehr findet sie oft am Rande statt, außerhalb der formalen Systeme für junge Menschen.
Wir wollen, dass diese Möglichkeiten systematischer genutzt werden, sodass alle jungen Menschen Zugang dazu haben – zumindest, sofern sie das möchten – und nicht nur einige wenige, die in der Regel sowieso schon am motiviertesten oder neugierigsten sind und selbst nach solchen Möglichkeiten suchen. Denn diese sind oft am wenigsten auf Unterstützung angewiesen, weil sie längst ihren eigenen Weg gehen.
Eines noch: Unabhängig davon, wie sich die Situation mit dem EU-Beitritt Montenegros entwickelt, sollten die Kooperationsmöglichkeiten innerhalb der Region und darüber hinaus erhalten bleiben, da sie für junge Menschen in Europa und der ganzen Welt sehr wertvoll sind.“
Vielen Dank!
Das Interview führte Natali Petala-Weber
Mehr Infos über Podgorica als Europäische Jugendhauptstadt in 2028: EYC 2028.
Nachtrag: Das Interview fand im Februar 2026 statt. Am 17. März 2026 fand die 26. Beitrittskonferenz mit Montenegro statt. Montenegro strebt einen EU-Beitritt als 28. Mitgliedsstaat zum Jahr 2028 an. Die EU-Kommission unterstützt diesen ambitionierten Plan grundsätzlich. Weitere Informationen: EU-Beitrittskandidatin Montenegro
Quelle: IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. vom 15.05.2026
Termine zum Thema
-
17.06.2026
Shaping the Future Together: Deutsch-ukrainisches Fachkräftetraining
-
17.06.2026
Safer Spaces and Participation in Cultural Education ‒ A European Conference on Child Safeguarding Policies
-
18.06.2026
Die Neue Rechte und ihr Konzept der Remigration – Aufklärung, Haltung, Handlungskompetenz
-
23.06.2026
Eurodesk Förderworkshop in Hannover
-
26.06.2026
Außerschulisches Kontakt-Seminar "Naturschutz ohne Grenzen"
Materialien zum Thema
-
Anleitung / Arbeitshilfe
Trotzdem über Israel und Palästina sprechen – Der Nahostkonflikt in der Bildungsarbeit
-
Artikel / Aufsatz
Der EU-Jugendbericht 2025 - Einführung und Kontextualisierungen
-
Anleitung / Arbeitshilfe
Leitfaden zum Umgang mit rechtsextremen und populistischen Einflüssen in der Kinder- und Jugendverbandsarbeit
-
Artikel / Aufsatz
Kinder als Dolmetscher – eine übersehene Belastung in der Jugendhilfe
-
Broschüre
Wegweiser zur Finanzierung Internationaler Jugendarbeit in Sachsen
Projekte zum Thema
-
MUTPraxis
Traumapädagogische Stabilisierung und psychosoziale Prävention im pädagogischen Alltag (MUTPraxis)
-
AGJF Sachsen e.V.
Uferlos – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit (IJA) im Freistaat Sachsen
-
Trauerland - Zentrum für trauernde Kinder und Jugendliche e. V.
Trauerland-Pop-Up: Anlaufstelle für trauernde Jugendliche im Bremer Zentrum
-
NaturKultur e.V.
Nationale Kontaktstelle zur Umsetzung der European Youth Work Agenda in Deutschland
-
Landesjugendring Berlin e.V.
Zusammen SEIN – Inklusion in Berliner Jugendverbänden
Institutionen zum Thema
-
Fort-/Weiterbildungsanbieter
MUTPraxis
-
Sonstige
GAMESHIFT NRW / Pacemaker Initiative
-
Träger der freien Kinder- und Jugendhilfe
Generation Interkulturelle Jugend u. Familienhilfe
-
Fort-/Weiterbildungsanbieter
Akademie der Jugendarbeit Baden-Württemberg e.V.
-
Sonstige
ConAct – Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch