Bildungsforschung

Allensbach-Studie zur Bildungsgerechtigkeit: Lehrer sehen große Chancenungleichheit an deutschen Schulen

Kinderhand bedient Abacus

Fast zwei Drittel der Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland bezweifeln, dass Schüler ungeachtet ihrer sozialen Herkunft die gleichen Bildungschancen haben. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland.

29.04.2013

61 Prozent sehen eine Chancengerechtigkeit an deutschen Schulen grundsätzlich nur unzureichend oder überhaupt nicht gegeben. Drei Viertel der Lehrer (74 Prozent) sind zudem der Ansicht, dass eine individuelle Förderung einzelner Schüler - zum Beispiel zur Verringerung bestehender Leistungsunterschiede - im Rahmen der Lehrpläne kaum oder gar nicht möglich ist. Insgesamt geben 54 Prozent der Lehrer an, dass das Unterrichten und der Umgang mit den Schülern im Lauf der letzten fünf bis zehn Jahre deutlich schwieriger geworden sei - ein Anstieg um vier Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr. Zu diesen Ergebnissen kommt eine aktuelle Studie mit dem Titel "Hindernis Herkunft: Eine Umfrage unter Schülern, Lehrern und Eltern zum Bildungsalltag in Deutschland", die das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland durchgeführt hat. Neben einem repräsentativen Querschnitt von Lehrerinnen und Lehrern an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland wurden dafür insgesamt 1.804 bevölkerungsrepräsentativ ausgewählte Personen ab 16 Jahren befragt, darunter 543 Eltern schulpflichtiger Kinder. Darüber hinaus floss auch die Befragung eines repräsentativen Querschnitts von insgesamt 614 Schülern ab Klassenstufe 5 an weiterführenden Schulen in Deutschland in die Studie ein.

Leistungskluft zwischen Schülern verschiedener sozialer Herkunft wächst weiter

Wie die Studie zeigt, sind fast alle Lehrer in Deutschland (96 Prozent) davon überzeugt, dass der soziale Hintergrund des Elternhauses die Leistung von Schulkindern beeinflusst - 83 Prozent halten diesen Einfluss sogar für groß bis sehr groß. Ferner sind 54 Prozent der Pädagogen der Ansicht, dass die Leistungsunterschiede zwischen Schülern aus verschiedenen sozialen Schichten zugenommen haben. Das sind zwar sechs Prozentpunkte weniger als 2012, allerdings teilt immer noch deutlich mehr als jeder zweite Lehrer diese alarmierende Einschätzung. Besonders häufig trifft dies auf Lehrer an Haupt- und Realschulen zu (63 Prozent). Auch bei der Selbsteinschätzung der Schüler zu ihren schulischen Leistungen und ihrer Neigung zum Schulbesuch sind die sozialen Unterschiede deutlich erkennbar: Schüler aus sozial hohen Schichten attestieren sich zu 63 Prozent gute Leistungen und gehen zu 42 Prozent gern zur Schule, während sich nur 37 Prozent der Schüler aus sozial schwächeren Schichten gute Leistungen bescheinigen und auch nur jeder Vierte dieser Schüler (25 Prozent) gern zur Schule geht. Dessen ungeachtet betonen Lehrer aber mit deutlicher Mehrheit (83 Prozent), dass die soziale Herkunft der Schüler bei der Empfehlung für die Wahl einer weiterführenden Schule keine Rolle spielen sollte.

Defizite im Elternhaus sind die Hauptursache für ungleiche Chancen von Kindern

Sowohl Lehrer als auch Eltern sind sich einig: Defizite im Elternhaus sind die wesentliche Ursache dafür, dass einige Kinder schlechtere Chancen haben als andere. 84 Prozent der Lehrer und 79 Prozent der Eltern betonen vor allem das fehlende Interesse von Eltern an einer Beschäftigung mit den eigenen Kindern. Auch nennen Lehrer und Eltern Erziehungsmängel im Hinblick auf gewissenhaftes Arbeiten (77 bzw. 76 Prozent), eine fehlende Vorbildfunktion der Eltern (75 bzw. 78 Prozent) und zu wenig Zeit der Eltern für ihre Kinder (69 bzw. 65 Prozent) als Hauptursachen. Wie die Studie der Vodafone Stiftung Deutschland weiter zeigt, sind mehr als drei Viertel aller Lehrer (76 Prozent) der Meinung, Eltern aus sozial schwächeren Bevölkerungsschichten zeigen vergleichsweise wenig Interesse am schulischen Alltag ihrer Kinder. Für diese Ansicht spricht auch die Tatsache, dass diese Eltern weniger mit ihren Kindern über deren Schulalltag sprechen: 69 Prozent geben an, dies häufig zu tun - und damit 16 Prozentpunkte weniger als bei Eltern aus höheren sozialen Schichten (85 Prozent). Auch ist der Anteil von Schülern, die ihren Eltern wenig bis gar kein Interesse an ihrem Schulalltag attestieren, in sozial schwachen Bevölkerungsschichten fast doppelt so hoch (23 Prozent) wie im Durchschnitt aller befragten Schüler (13 Prozent). Zudem offenbart die Studie einen deutlichen Zusammenhang zwischen der sozialen Schicht des Elternhauses und der besuchten Schule sowie dem angestrebten Bildungsabschluss eines Kindes: So lernen aktuell 70 Prozent der Kinder aus gut situiertem Hause aber nur 30 Prozent aus sozial schwächeren Elternhäusern auf einem Gymnasium, und während Erstere zu 96 Prozent das Abitur oder die Fachhochschulreife anstreben, gilt dies bei Letzteren nur für 41 Prozent.

Dr. Mark Speich, Geschäftsführer Vodafone Stiftung Deutschland: "Für die Eltern und Lehrer sind gerechte Bildungschancen hierzulande noch immer eine große Herausforderung. Vor allem Schwierigkeiten und mangelnde Unterstützung im Elternhaus werden als zentrale Ursachen gesehen. Dieser Befund bestätigt abermals, dass wir mit unserem Engagement im Bereich Familienbildung und schulischer Elternarbeit an der richtigen Stelle wirken. Damit Bildung in Deutschland gerechter wird, brauchen wir individuelle Förderung für jedes Kind und zugleich kooperative Bildungspartnerschaften zwischen Schule und Elternhaus."

Viele Ansprüche von Lehrern und Eltern an gute Schulen sind unerfüllt

Bei der Beurteilung dessen, was eine ideale Schule ausmacht, sind sich Lehrer und Eltern weitgehend einig: 94 Prozent der Lehrer und 92 Prozent der Eltern betonen vor allem das Engagement der Pädagogen, auf deren gute Ausbildung legen 85 Prozent aller Lehrer und 83 Prozent aller Eltern besonderen Wert. Auch in der Gesamtbevölkerung sind 83 Prozent aller Befragten der Meinung, dass der Schulerfolg eines Kindes primär davon abhängt, wie gut dessen Lehrer sind. Allerdings teilen Lehrer und Eltern auch die Auffassung, dass die Situation an den Schulen teils weit hinter diesem Ideal zurückbleibt. Ein hohes Engagement der Lehrerschaft erkennen 79 Prozent der Lehrer und 65 Prozent der Eltern, eine gute Ausbildung hingegen nur 64 Prozent aller Lehrer und 46 Prozent aller Eltern. Auch bei geeigneten Räumlichkeiten und gutem Lehrmaterial sehen beide Gruppen großen Nachholbedarf. Die mit Abstand größte Diskrepanz zwischen dem Anspruch an eine gute Schule und der Wirklichkeit besteht jedoch bei den Klassengrößen und bei der individuellen Förderung von Schülern. So legen 76 Prozent der Lehrer und 80 Prozent der Eltern besonderen Wert auf kleine Klassen, allerdings sehen diese nur 23 Prozent der Lehrer sowie 19 Prozent der Eltern auch umgesetzt. Eine gezielte Förderung nach den Begabungen der Kinder halten 75 Prozent der Lehrer für wichtig, aber nur 29 Prozent für verwirklicht. Eltern betonen diesen Aspekt zu 78 Prozent, finden ihn jedoch nur zu 20 Prozent im Schulalltag vor. Spezielle Förderkurse für benachteiligte Schüler fordern 69 Prozent aller Lehrer sowie 71 Prozent aller Eltern, schulische Realität sind diese jedoch nur aus Sicht von 44 Prozent der Lehrer und 25 Prozent der Eltern. Auch die gezielte Förderung begabter Schüler ist für 62 Prozent der Lehrer und 64 Prozent der Eltern ein wichtiges Element der idealen Schule, aber nur für die wenigsten Lehrer und Eltern (19 bzw. 13 Prozent) Teil des Schulalltags.

Schüler sind mit ihren Lehrern und der Situation in ihren Klassen meist zufrieden

Motivierte Lehrer sind auch aus Sicht vieler Schüler ein wesentliches Kriterium für eine gute Schule: Drei Viertel der Schüler (75 Prozent) legen Wert darauf, dass Lehrer Spaß an ihrer Arbeit haben, und 69 Prozent finden es wichtig, dass sich Lehrer ausreichend Zeit für einzelne Schüler nehmen. Mit Blick auf ihren konkreten Schulalltag zeichnen Schüler insgesamt ein erfreulich positives Bild von ihren Lehrern. Darin überwiegen positive Eigenschaften wie ein netter Charakter (64 Prozent), ein gutes Fachwissen (52 Prozent) oder eine verständliche Unterrichtsgestaltung (49 Prozent) teilweise deutlich gegenüber negativen Aspekten wie die Vergabe von zu vielen Hausaufgaben (36 Prozent) oder die Bevorzugung bestimmter Schüler (26 Prozent). Alles in allem fühlen sich mehr als sechs von zehn Schülern in Deutschland (61 Prozent) in ihren derzeitigen Klassen wohl.

Deutsche Regelschulen auf Integration behinderter Schüler schlecht vorbereitet

Wie die aktuelle Erhebung der Vodafone Stiftung Deutschland zeigt, findet an nahezu jeder zweiten Schule in Deutschland (49 Prozent) wenigstens in Teilen bereits ein gemeinsamer Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung statt. Im Falle von Schülern mit körperlicher Behinderung, so die Meinung von 63 Prozent aller Lehrer, hätten diese an einer Regelschule zudem bessere individuelle Chancen als an einer speziellen Förder- oder Sonderschule. Allerdings sehen fast drei Viertel aller Lehrer (74 Probleme) derzeit größere Probleme bei der erfolgreichen Integration behinderter Schüler an deutschen Regelschulen. Als größte Hürden betrachten Lehrer dabei vor allem Ausbildungsdefizite hinsichtlich des Umgangs mit behinderten Schülern (41 Prozent) sowie unzureichende räumliche Gegebenheiten an den Schulen (36 Prozent).

"Die Umfrageergebnisse bestätigen auch unseren Eindruck, dass gerade beim Schlagwort der individuellen Förderung bildungspolitischer Anspruch und schulische Realität noch weit auseinanderklaffen, wie die berechtigte Kritik von Eltern und Lehrern an zu großen Klassen und einem zu geringen Förderkursangebot beweist. Aber auch bei der Herkulesaufgabe Inklusion hinkt die Politik ihren eigenen Vorgaben noch weit hinterher", so Heinz-Peter Meidinger, Bundesvorsitzender des Deutschen Philologenverbandes.

Lehrer, Schüler und Eltern lehnen "freie" Unterrichtskonzepte mehrheitlich ab

In Bezug auf die Unterrichtsgestaltung an den Schulen sind sich Lehrer und Schüler einig, dass lehrplanrelevante Themen und Inhalte primär von den Lehrern vermittelt und möglichst nicht selbstständig von den Schülern erarbeitet werden sollten. 67 Prozent aller Lehrer sind der Meinung, dass diese Art der Unterrichtsgestaltung größere Lernerfolge für die Schüler zeitigt, und 58 Prozent der Lehrer sind überzeugt, dass Konzepte des "freien Lernens" oder "offenen Unterrichts" die meisten Schüler überfordern würden. Auch Schüler bestätigen mit deutlicher Mehrheit von insgesamt 61 Prozent, dass sie den Schulstoff lieber von ihren Lehrern beigebracht bekommen möchten. Unter den Eltern befürwortet ebenfalls die Hälfte aller Befragten (50 Prozent) eine Unterrichtsgestaltung nach den Vorgaben der Lehrer, während gut ein Drittel (34 Prozent) für eine größere Selbstständigkeit der Schüler plädiert.

Lehrer und Eltern halten an mehrgliedrigem Schulsystem fest

Einigkeit legen die befragten Lehrer und Eltern zudem bei der Frage an den Tag, ob auf die Grundschule besser ein mehrgliedriges Schulsystem oder eine Gemeinschaftsschule folgen sollte: 59 Prozent der befragten Pädagogen und 54 Prozent aller Eltern von Schulkindern sprechen sich für die Beibehaltung des mehrgliedrigen Schulsystems aus. Allerdings fällt auf, dass Eltern von Grundschülern mit beachtlicher Mehrheit (54 Prozent) für ein Gesamtschulmodell plädieren. In der Gesamtbevölkerung wird das mehrgliedrige Schulsystem derzeit noch von insgesamt 51 Prozent aller Befragten befürwortet, allerdings liegt dieser Wert sieben Prozentpunkte unter dem des Vorjahres (58 Prozent).

Versuche der Einflussnahme von Eltern auf Lehrer nehmen zu

Obwohl Lehrer und Eltern ähnlicher Meinung in Bezug auf die Unterrichtsgestaltung und das mehrgliedrige Schulsystem sind, deutet die Studie der Vodafone Stiftung Deutschland darauf hin, dass die konkrete Zusammenarbeit von beiden Seiten unterschiedlich bewertet wird. Einerseits sind fast sechs von zehn Eltern (59 Prozent) der Ansicht, dass ihre Meinungen und Vorstellungen zu schulischen Themen für die Lehrer wichtig sind. Lediglich 23 Prozent der Eltern können sich hingegen vorstellen, dass Lehrer dies als Einmischung empfinden könnten. Andererseits bestätigen fast zwei Drittel aller Lehrer (64 Prozent), dass Eltern immer stärker versuchen würden, Einfluss etwa auf die Unterrichtsgestaltung oder die Notenvergabe zu nehmen - eine Tendenz, die diese Lehrer mehrheitlich negativ bewerten (46 Prozent). Besonders ausgeprägt scheint dieses Missverständnis an Grundschulen zu sein: Während Eltern von Grundschulkindern überdurchschnittlich oft (64 Prozent) glauben, Lehrer würden besonderen Wert auf ihre Ansichten legen, betonen Grundschullehrer wiederum besonders oft (71 Prozent) die zunehmenden Versuche elterlicher Einflussnahme. Vor diesem Hintergrund sind zudem 52 Prozent aller Lehrer überzeugt, dass die fachliche Leistungseinschätzung eines Kindes durch dessen Lehrer das entscheidende Kriterium zur Auswahl der weiterführenden Schule sein sollte. Kaum ein Viertel aller Lehrer (24 Prozent) hält hingegen die Ansichten der Eltern in dieser Frage für maßgeblich.

Darüber hinaus geben vor dem Hintergrund wachsender Leistungsunterschiede 42 Prozent aller Lehrer an, dass sie die Anforderungen an ihre Schüler in den letzten fünf bis zehn Jahren senken mussten, nur gut ein Drittel (35 Prozent) verlangt hingegen noch genauso viel. Besonders häufig bestätigen dabei Lehrer ab 55 Jahren, Lehrer mit mindestens 20-jähriger Berufserfahrung sowie Haupt- und Realschullehrer, dass sie ihre Anforderungen senken mussten (56 bis 58 Prozent). Darüber hinaus sind fast zwei Drittel der befragten Gymnasiallehrer (62 Prozent) der Ansicht, dass der Anteil von Schülern, die ein Gymnasium besuchen, obwohl sie für diese Schulform eigentlich nicht ausreichend qualifiziert sind, in den letzten Jahren zugenommen hat. Auch diese Meinung wird von den ältesten und erfahrensten Gymnasiallehrern überdurchschnittlich stark geteilt (72 Prozent). Gleiches gilt für Lehrer an Gymnasien in den neuen Bundesländern (71 Prozent).

Wie in den Vorjahren so wurde auch die aktuelle Erhebung im Rahmen des bundesweiten Wettbewerbs "Deutscher Lehrerpreis - Unterricht innovativ" durchgeführt. Initiatoren des Wettbewerbs sind die Vodafone Stiftung Deutschland und der Deutsche Philologenverband.

Quelle: Vodafone Stiftung Deutschland gGmbH vom 24.04.2013

Redaktion: Kerstin Boller

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