Flucht und Migration

Übergänge begleiten - Zehn Jahre FFM-Praxisprojekt

Junge auf Schulbank

Rund 600 Kinder und Jugendliche kommen jedes Jahr als "Seiteneinsteiger" an Frankfurter Schulen, darunter viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Seit zehn Jahren unterstützen Lehramtsstudierende im FFM-Praxisprojekt der Goethe-Universität Frankfurt beim Übergang in weiterführende Schulen und Arbeitswelt.

03.06.2015

Seit 2011 leitet Rainer Götzelmann das Aufnahme- und Beratungszentrum für Seiteneinsteiger im Staatlichen Schulamt in Frankfurt (ABZ). Es vermittelt Kinder und Jugendliche, die neu in Frankfurt sind, an geeignete Schulen mit speziellen Förderungsmöglichkeiten und Hilfsangeboten. "Die jungen Migrantinnen und Migranten stehen vor großen Herausforderungen, wenn sie den Einstieg in das deutsche Bildungssystem finden wollen", sagt Götzelmann. "Sie müssen sich nicht nur an ein fremdes Umfeld gewöhnen, sondern auch sprachliche Sicherheit gewinnen, um richtig anzukommen." Traumatische Erlebnisse von Kindern und Jugendlichen aus Kriegs- und Krisengebieten belasten den Schulalltag zusätzlich. "Besonders beim Übergang zu weiterführenden Schulen oder beim Einstieg in die Arbeitswelt ist eine intensive und individuelle Betreuung nötig", betont Götzelmann.

Seit zehn Jahren im Einsatz für benachteiligte Schülerinnen und Schüler in Frankfurt Weichen für erfolgreiche Bildungskarrieren und Integration stellt das FFM-Praxisprojekt der Goethe-Universität Frankfurt in Kooperation mit den Frankfurter Schulämtern. Seit 2005 bieten Lehramtsstudierende und Studierende der Erziehungswissenschaften pädagogische Begleitung und Förderung an bildungs- und berufsentscheidenden Schnittstellen. Im aktuellen Schuljahr sind rund fünfzig Studenten an sieben Frankfurter Schulen im Einsatz. Fünfzehn von ihnen unterstützen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Die Crespo Foundation, die Peter Fuld Stiftung, die randstad stiftung und die Stiftung Citoyen fördern das Mentoring-Projekt in der aktuellen Projektphase seit 2014.

Alltagsbegleitung steht im Vordergrund

Zweimal pro Woche treffen sich Studierende und Schüler. Neben Nachhilfe in Deutsch oder Mathematik und der gezielten Vorbereitung auf Abschlussprüfungen steht die Alltagsbegleitung im Vordergrund. Die Studierenden sind Ansprechpartner bei persönlichen Problemen, beraten zu schulischen oder beruflichen Perspektiven und stehen bei der Bewältigung und Strukturierung des Alltags zur Seite. Das FFM-Praxisprojekt bietet zudem Raum für gemeinsame Freizeitaktivitäten: "Wenn wir gemeinsam Kekse backen und dabei Vokabeln lernen, hat das einen großen Effekt. Ich bin mir sicher, dass sie beim nächsten Mal immer noch wissen, was ein ‚Blech‘ oder ‚Backpulver‘ ist", berichtet Ines Peters, Studentin der Erziehungswissenschaften. Seit dem Schuljahr 2014/2015 arbeitet sie mit Seiteneinsteigern an der Carlo-Mierendorff-Schule.

Orientierung und Halt für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Insbesondere für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ist die emotionale Unterstützung wichtig. "Ihre innere Sicherheit ist auf der Flucht oft beschädigt oder verloren gegangen", sagt Dr. Robert Bernhardt, pädagogischer Leiter des FFM-Praxisprojekts an der Goethe-Universität. "Oft wissen die Kinder nicht, wo sich ihre Eltern aufhalten. Sie haben Brüche hinter sich, die möglicherweise nicht mehr zusammenwachsen." Die Studierenden werden zu Bezugspersonen, die mit den Schülern über Zukunfts- oder Versagensängste sprechen, ihnen Halt und Orientierung geben, auch wenn sie nicht alle Probleme lösen können. "Schon Zuhören hilft", berichtet Projektteilnehmerin Ines Peters.

Begegnung mit unterschiedlichen Lebenswelten Für mindestens ein Schuljahr bringen sich die Studierenden in das FFM-Praxisprojekt ein. Unterstützung erhalten die angehenden Pädagogen in regelmäßigen Seminaren der Didaktischen Werkstatt an der Goethe-Universität. Die Begegnung mit unterschiedlichen Lebenswelten steht dabei im Fokus: "Wir wollen unsere Studierenden auf die interkulturellen Herausforderungen ihres künftigen Berufsalltags bestmöglich vorbereiten", sagt Dr. Robert Bernhardt. "Interkulturelles Lernen sollte grundsätzlich ein Bestandteil der Lehrerausbildung in Deutschland werden."

Quelle: Goethe-Universität Frankfurt vom 01.06.2015.

Redaktion: Svenja Karrenstein

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