Förderung der Erziehung in der Familie

Studie: Frühe Bildung fördert Chancengerechtigkeit

Das von der Bundesregierung in der Koalitionsvereinbarung be­schlossene Betreuungsgeld setzt aus Sicht der Bertelsmann Stiftung ein falsches Signal für sozial benachteiligte Familien.

03.12.2009

Die Ergebnisse einer Bertelsmann-Studie zum Thema Betreuungsgeld legen den Schluss nahe, dass gerade Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen oder Zuwandererfamilien besonders vom Besuch frühkindlicher Bildungseinrichtungen profitieren. Unter Berufung auf internationale Erfahrungen warnt die Stiftung, dass die Zahlung eines Betreuungsgeldes die Wahrscheinlichkeit erhöhe, dass Kinder aus diesen Familien zu Hause blieben.

Der Besuch einer Kinderkrippe für Kinder unter drei Jahren hat einen deutlichen Einfluss auf die Bildungsbiographie, wie die Untersuchung der Bertelsmann Stiftung belegt. Die Wahrscheinlich­keit, ein Gymnasium zu besuchen, erhöht sich demnach erheblich, wenn Kinder in eine Kinder­krippe gegangen sind. Besonders stark ist der Effekt für benachteiligte Kinder. Die vom "Schweizer Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien" (BASS) erstellte Studie untersucht die Bedeutung früher Bildung für den weiteren Bildungsweg von Kindern. Ausgangspunkt ist dabei die Frage, welchen Effekt der Krippenbesuch auf den Übergang von der Grundschule auf eine weiterführende Schule in der Sekundarstufe I (Hauptschule, Realschule oder Gymnasium) hat.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass frühe Bildungsangebote gerade für sozial benachteiligte Kinder enorme Chancen im Bildungssystem eröffnen können: Durch den Besuch einer Kinder­krippe erhöht sich demnach die Wahrscheinlichkeit, das Gymnasium zu besuchen, um insgesamt fast 40 Prozent, bei Kindern aus Zuwandererfamilien sogar um 55 Prozent. Am stärksten profitie­ren Kinder, deren Eltern höchstens einen Hauptschulabschluss haben: Ihre Chance, ein Gymna­sium zu besuchen, verdoppelt sich annähernd, wenn sie in ihren ersten Lebensjahren eine Krippe besucht haben.

Zugleich belegen Studien aus Norwegen, dass das Erziehungsgeld dort vor allem von Müttern mit niedrigem Bildungsniveau und geringem Einkommen und von Familien mit Migrationshintergrund in Anspruch genommen wird. In Norwegen wurde 1998 ein Betreuungsgeld eingeführt. Für Deutschland plant die Bundesregierung, ab 2013 monatlich 150 Euro an Familien zu zahlen, die ihre Kinder nicht in eine Kindertageseinrichtung schicken.

"Die Ergebnisse zeigen, dass das geplante Betreuungsgeld die falschen politischen Weichen stellt", sagt Dr. Jörg Dräger, für Bildung zuständiges Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. Es schaffe gerade für sozial schwache Familien den Anreiz, ihre Kinder nicht in die Krippe zu brin­gen. "Bildungspolitisch ist das ein Schildbürgerstreich", so Dräger. Zugleich moniert er die hohen Kosten des Betreuungsgeldes, die auf jährlich 1,2 Milliarden Euro geschätzt werden: "Hier wird Geld mit der Gießkanne an die Elternhäuser verteilt, das für einen ziel- und bedarfsgerechten Aus­bau von Kindertageseinrichtungen und die Verbesserung der Qualität dringend benötigt wird." Die Studie belege, dass die Verbesserung des Krippenangebots auf dem Weg zu einem chancenge­rechten Bildungssystem "ein wichtiger und wirksamer Schritt wäre".

Grundlage der Studie sind Daten des Sozioökonomischen Panels über die Geburtsjahrgänge der von 1990 bis 1995 in Deutschland geborenen Kinder.

Quelle: Bertelsmann Stiftung

 

Redaktion: Ilja Koschembar

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