Interview
Junge Menschen und die Hochwasserkatastrophe
Zerstörte Häuser, verstorbene Angehörige und Freunde – viele Kinder und Jugendliche haben bei der Hochwasserkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz schreckliche Dinge erlebt. Dr. Astrid Schmidt, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und stellvertretende Ärztliche Direktorin an der Universitätsklinik Hamm des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) erklärte, was junge Menschen nun brauchen, um diese Erlebnisse zu verarbeiten – und wie Eltern ihren Kindern die schlimmen Bilder aus den betroffenen Gebieten erklären können.
26.07.2021
Wie können Eltern oder Angehörige direkt betroffenen Kindern am besten helfen?
Dr. Astrid Schmidt: Kinder, die sich mit ihren Eltern und Geschwistern in einem Katastrophengebiet befinden, benötigen zuallererst Sicherheit für sich und ihre Familie. Es ist wichtig, dass Eltern ihren Kindern nun die Gewissheit vermitteln, in Sicherheit zu sein – und das am besten zusammen, denn gerade in Gefahrensituationen fürchten Kinder die Trennung von ihren Eltern am meisten. Nur wenn das nicht möglich ist, etwa weil neue Extremwetterlagen drohen oder Elternteile selbst verstorben oder verletzt sind, kommt auch ein Ort ohne Eltern infrage, um zur Ruhe zu kommen – am besten bei vertrauten Personen wie Angehörigen oder engen Freunden.
Auch jungen Menschen, die nicht direkt von der Katastrophe betroffen sind, machen die Bilder zerstörter Häuser und verwüsteter Dörfer Angst. Was können Eltern tun, um ihren Kindern zu helfen?
Dr. Astrid Schmidt: Eltern sollten ihre Kinder nicht mit Katastrophenmeldungen alleine lassen. Solche Nachrichten werden am besten gemeinsam angesehen und dann zusammen besprochen. Dabei können Kinder ihre Ängste ansprechen. Hilfreich kann es auch sein, wenn sie mit ihren Eltern überlegen, wie man gemeinsam als Familie die Menschen in den betroffenen Gebieten unterstützen kann. Wenn Kinder ein Kuscheltier oder einen Teil ihres Taschengeldes spenden, erfahren sie, dass sie selbst aktiv etwas tun können und fühlen sich weniger hilflos.
Und was mache ich, wenn mein Kind Angst vor den Folgen des Klimawandels hat?
Dr. Astrid Schmidt: Der Klimawandel ist Fakt und sollte deshalb auch aktiv mit den Kindern besprochen werden. Eltern können mit ihren Kindern gemeinsam nach vertrauenswürdigen, altersgerechten Informationen dazu suchen, die weder leugnen noch katastrophisieren. Kinder achten darauf, wie ihre Eltern mit der Thematik umgehen. Sind diese selbst stark verunsichert oder ratlos, übertragen sich diese Gefühle oft auch auf die Kinder. Wenn Eltern selbst tatkräftige Ideen entwickeln, werden Kinder daran teilhaben wollen und sich sicherer fühlen. Kinder brauchen eine gute, altersentsprechende Anleitung, um aktiv etwas Sinnvolles zum Klimaschutz beitragen zu können, sei es, lieber mit dem Rad als mit dem Auto zum Schwimmbad zu fahren oder selbst Gemüse im Garten anzubauen und Erdbeeren nur im Sommer zu essen. In allen Fällen gilt: Sollte ein Kind trotz einfühlsamer Begleitung sehr starke Ängste entwickeln, die seine Lebensqualität einschränken, dann ist eine Vorstellung bei einem Kinder- und Jugendpsychotherapeuten oder in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Ambulanz anzuraten.
Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 18.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 18 Museen sowie zwei Besucherzentren und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 125 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.
Quelle: Landschaftsverband Westfalen-Lippe vom 23.07.2021
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