Wohnungslosigkeit
Junge Menschen brauchen ein Zuhause
Zum Tag der wohnungslosen Menschen am 11. September fordert der Bundesverband Caritas Kinder- und Jugendhilfe (BVkE) verlässliche Übergangshilfen und einen besseren Zugang zu bezahlbarem Wohnraum für junge Menschen. Besonders gefährdet sind Care Leaver*innen, die Pflegefamilien oder stationäre Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe verlassen.
01.10.2026
Wohnungslosigkeit trifft in Deutschland erschreckend viele junge Menschen. Zum 31. Januar 2026 waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 452.900 wohnungslose Menschen durch Kommunen und Einrichtungen untergebracht. 41 Prozent von ihnen waren jünger als 25 Jahre. Das entspricht rund 186.000 Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Junge Menschen, die auf der Straße leben oder vorübergehend bei Freunden und Bekannten unterkommen, werden in dieser Statistik nicht erfasst. Die tatsächliche Zahl liegt daher deutlich höher.
„Es darf nicht sein, dass junge Menschen aus der Verantwortung der Kinder- und Jugendhilfe in die Wohnungslosigkeit entlassen werden. Ein sicheres Zuhause ist die Grundlage dafür, eine Ausbildung zu absolvieren, einer Beschäftigung nachzugehen und ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen“,
erklärt Thomas Domnick, Vorsitzender des BVkE
Care Leaver*innen müssen früher selbstständig werden
Die meisten jungen Erwachsenen können beim Übergang in ein selbstständiges Leben über viele Jahre auf ihre Eltern zählen. Sie werden bei der Wohnungssuche unterstützt, erhalten Hilfe bei Mietvertrag, Kaution und Umzug und können bei finanziellen oder persönlichen Krisen in ihr Elternhaus zurückkehren. Das durchschnittliche Auszugsalter lag in Deutschland 2025 bei 24,1 Jahren. Noch 30 Prozent der 25-Jährigen lebten im elterlichen Haushalt.
Care Leaver*innen verfügen häufig nicht über dieses familiäre Sicherheitsnetz. Mit dem Ende einer stationären Hilfe müssen sie den Übergang in die Selbstständigkeit oftmals früher, schneller und unter deutlich schwierigeren Bedingungen bewältigen. Gleichzeitig treffen sie auf einen angespannten Wohnungsmarkt, auf dem bezahlbare kleine Wohnungen fehlen und Vermieter*innen häufig ein regelmäßiges Einkommen, eine Bürgschaft oder finanzielle Sicherheiten erwarten.
Die Ergebnisse der bundesweiten Langzeitstudie „Care Leaver Statistics“ zeigen, dass junge Menschen aus Pflegefamilien und Wohngruppen nicht mit der alltäglichen sozialen und finanziellen Unterstützung rechnen können, die Eltern anderen jungen Erwachsenen gewöhnlich geben. Sie bilden seltener finanzielle Rücklagen und fühlen sich insbesondere im Umgang mit Finanzen und Behörden sowie bei der Vorbereitung ihres Auszugs weniger gut gerüstet.
Wohnungsnot gefährdet Bildungs- und Zukunftschancen
Wohnungslosigkeit und unsichere Wohnverhältnisse erschweren den Zugang zu Bildung, Ausbildung und Beschäftigung. Wer keine verlässliche Wohnadresse und keinen geschützten Rückzugsort hat oder ständig mit einem Wohnungsverlust rechnen muss, kann sich kaum auf Schule, Ausbildung oder Studium konzentrieren. Finanzielle Belastungen, psychischer Druck und bürokratische Hürden erhöhen zusätzlich das Risiko von Bildungsabbrüchen, Arbeitslosigkeit und Armut.
Damit verstärken sich soziale Benachteiligungen gegenseitig: Armut erschwert Bildung - fehlende Bildungs- und Berufsabschlüsse wiederum erhöhen das Armutsrisiko. Eine sichere und bezahlbare Wohnung ist deshalb nicht nur eine sozialpolitische Aufgabe, sondern eine zentrale Voraussetzung für Bildungsgerechtigkeit und gesellschaftliche Teilhabe.
Der BVkE fordert verbindliche Hilfen beim Übergang
Der Bundesverband Caritas Kinder- und Jugendhilfe fordert Bund, Länder und Kommunen auf,
- junge Menschen niemals aus einer Hilfe zur Erziehung in eine ungesicherte Wohnsituation zu entlassen,
- Hilfen für junge Volljährige nach §§ 41/41a SGB VIII konsequent am individuellen Bedarf auszurichten und bei Bedarf über das 21. Lebensjahr hinaus fortzuführen,
- ausreichend bezahlbaren Wohnraum sowie niedrigschwellige und jugendgerechte Wohnangebote für Care Leaver*innen bereitzustellen,
- Care Leaver*innen bei Wohnungssuche, Kaution, Mietkosten, Behördenkontakten und finanzieller Absicherung verbindlich zu unterstützen,
- Rückkehrmöglichkeiten und verlässliche Ansprechpersonen auch nach dem Auszug sicherzustellen sowie
- Kinder- und Jugendhilfe, Jobcenter, Sozialämter, Wohnungswirtschaft und Wohnungsnotfallhilfe vor Ort verbindlich zu vernetzen.
„Junge Menschen mit familiärem Rückhalt werden schrittweise in die Selbstständigkeit begleitet und können auch nach dem Auszug auf Unterstützung zählen. Diesen Rückhalt muss die staatliche Gemeinschaft Care Leaver:innen verlässlich ermöglichen. Dazu gehören Zeit, stabile Beziehungen, finanzielle Sicherheit und vor allem ein bezahlbares Zuhause“,
so Domnick.
Der BVkE appelliert deshalb an die Politik, die besonderen Risiken junger Menschen im Nationalen Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit stärker zu berücksichtigen. Das Ziel muss eindeutig sein: Kein junger Mensch darf beim Übergang aus der Kinder- und Jugendhilfe wohnungslos werden.
Quelle: Bundesverband Caritas Kinder- und Jugendhilfe e. V. (BVkE) 11.09.2026
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