Europäische Jugendhauptstadt 2025

Ein Jahr des Mutes: Danke Lviv!

Lviv, trotz des Krieges in der Ukraine, beendete sein Jahr als Europäische Jugendhauptstadt 2025. Junge Menschen in Lviv zeigten bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit, indem sie weiterhin an Veranstaltungen teilnahmen und Initiativen für Jugendliche organisierten. Sie schufen Räume für Unterstützung und Zugehörigkeit, was die demokratische Zukunft der Stadt und des Landes prägte.

13.01.2026

Der folgende Bericht des Europäischen Jugendforums wurde von der Redaktion aus dem Englischen übersetzt:

Während der Krieg immer präsent ist – fast vier Jahre nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine – geht Lvivs Jahr als Europäische Jugendhauptstadt 2025 zu Ende.

Es war kein reguläres Europäisches Jugendhauptstadtjahr

Jenseits der Anstrengungen in einem Kriegszustand zu leben, gibt es eine Gruppe junger Menschen, für die, wie sie gerne sagen, alles „in Bewegung bleibt“. Sie erleben zwei Realitäten, in denen der Krieg neben Arbeit, Träumen, Gesprächen, Kaffeepausen, Treffen und Festivalproben mit am Tisch sitzt. Es ist an der Zeit, ihre Bemühungen anzuerkennen und ihnen Dankbarkeit für ihr Engagement für die Beteiligung junger Menschen und dafür auszudrücken, dass sie nicht nur in Lviv, sondern in der gesamten Ukraine den Keim für Veränderungen weiter tragen.

Mind the Gap: zwischen Brüssel und Lviv

Klingt selbstverständlich? Wie dem auch sei, wir – das Team des Europäischen Jugendforums – möchten darauf hinweisen, dass wir diese Zeilen aus einer Position der Sicherheit schreiben, als Außenstehende, während Lvivs Team unter Luftangriffsalarmen und unterbrochenem Alltag schreibt. 

Diese Lücke ist genau der Grund, warum die Mitgestaltung dieses Artikels wichtig ist.

Wir waren nur für ein paar Tage in Lviv und erlebten die Stadt in Form von Treffen, Veranstaltungen und Diskussionen. Lvivs Team hingegen lebt diesen Rhythmus ständig, selbst wenn der Tag mit Sirenen beginnt oder jemand schnell Schutz suchen muss. Und trotz alledem bleiben sie unglaublich professionell und aufmerksam.

Vika Pitsyshyn, Programmmanagerin des Programms Europäische Jugendhauptstadt von Lviv, hebt hervor:

„Wir sehen unsere Arbeit nicht als etwas Heroisches – wir tun einfach das, was junge Menschen brauchen. Manchmal ist es ein Programm, manchmal eine Beratung, manchmal ein Ort, an dem man sich ablenken kann. Der Krieg ist in unserer Realität präsent, aber wir lassen nicht zu, dass er unser Handeln bestimmt. Deshalb arbeiten wir jeden Tag – wir möchten, dass junge Menschen zumindest dadurch Stabilität erfahren. Wenn wir jeden Tag auch nur zehn Menschen helfen können, ist das schon wichtig. Für uns geht es nicht um Stärke oder Ausdauer. Es geht um Menschlichkeit.“

Die Jugend von Lviv: Handlungsfähigkeit jenseits des Krieges

Trotz des Krieges kam es in der Stadt weder zu einem emotionalen noch zu einem funktionalen Stillstand. Im Gegenteil: Junge Menschen suchten nach Möglichkeiten, aktiv zu werden. Sie schufen neue Räume für Begegnungen, Lernen, Freiwilligenarbeit sowie mentale und emotionale Unterstützung. Sie bildeten Teams, die anderen nicht nur ein Gefühl der Sicherheit, sondern auch ein Gefühl der Zugehörigkeit vermittelten.

Ein Beispiel, das dies besonders gut veranschaulicht, war eine stadtweite Initiative zur Erstellung eines durchgängigen Veranstaltungskalenders für junge Menschen, der trotz des Krieges das Engagement, die Unterstützung und die Vernetzung junger Menschen sicherstellte. Das Youth Capital-Team in Lviv arbeitete mit Dutzenden von Organisationen zusammen, um Initiativen zu starten, die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen gerecht wurden: Freiwilligenprogramme, Leitveranstaltungen, die junge Menschen zum Dialog und Lernen zusammenbrachten, und ein Jugendtag, ein besonderer Tag, der den ganz jungen Menschen gewidmet war, die all diese Veranstaltungen organisierten und daran teilnahmen.

Ein junger Freiwilliger beschreibt das so: „Fast jeden Monat gab es etwas, das mich daran erinnerte, dass ich Teil einer Gemeinschaft war."

Durch diese Reihe von Initiativen bot das Team von Lviv jungen Menschen die Möglichkeit, ihren Platz zu finden, auch wenn die Welt unberechenbar wird. Wie?

„Irgendwann haben wir aufgehört, unsere Arbeit als eine Reihe von Aufgaben zu betrachten. Da wurde alles viel einfacher wurde und tiefgründiger [...] Ein Typ kam eines Tages auf mich zu und sagte, er suche nur einen Ort, an dem er sitzen und das Gefühl haben konnte, dass das Leben weitergeht [Da habe ich erkannt:] Unsere Jugendräume, Events und Festivals existieren genau dafür, um ein Gefühl der Unterstützung zu vermitteln. Wenn junge Menschen wissen, dass es einen Ort gibt, an dem sie willkommen sind, sind sie mit ihren Erfahrungen nicht mehr allein“, 

berichtet Oleh Malets, Leiter des TVORY! Netzwerk und Lviv - Europäische Jugendhauptstadt

Lvivs Arbeit war nicht losgelöst vom Krieg. Sie war eine Reaktion darauf. Junge Menschen prägten die Widerstandsfähigkeit der Stadt und die demokratische Zukunft ihres Landes und blieben dabei sichtbar. Ihre Stimme überschritt Grenzen und sorgte dafür, dass die Erfahrungen und die Widerstandsfähigkeit der Stadt Teil eines umfassenden europäischen Verständnisses wurden.

Was wir erlebt haben: Die Perspektive des Europäischen Jugendforums

Was wir durch unsere Außenseiteraugen, wenn auch nur kurz, sahen, war ein Maß an Professionalität und Engagement, das uns außergewöhnlich erschien, insbesondere unter den gegenwärtigen Umständen, die wir nicht einmal ansatzweise nachvollziehen können. Alles wurde so durchgeführt, als wäre es ein normales Jugendhauptstadtjahr, obwohl nichts am Leben in der Ukraine „normal“ ist. Die Unsicherheit, die jeden Tag begleitet, wie zum Beispiel die Frage, ob alle „noch am Leben“ sind, ist zur Routine geworden, erzählt uns eine Person, die in Kiew lebt – einer Stadt, die häufiger Ziel von Luftangriffen ist. Und doch machen sie weiter, sie bewegen sich, sie organisieren sich, sie beteiligen sich – auch wenn es nicht einfach ist.

Für uns als Besucher*innen war der Kontrast kaum zu übersehen. Wir fühlten uns wie Tourist*innen, die durch eine Realität reisten, die nicht unsere eigene war. Es gab Luftalarme und eine Art anhaltende Angst, aber wir wussten, dass wir das in nur wenigen Tagen hinter uns lassen würden. Dieses Privileg schärfte unser Bewusstsein dafür, was junge Menschen in Lemberg täglich erleben. Uns wurde geraten, während unseres Aufenthalts darauf zu achten, „unseren Geist zu schützen” und uns von der Realität des Krieges abzulenken. Auf dem Weg zum Schutzraum schnappten wir uns ein Buch, eine aufgeladene Powerbank und einen Snack für alle Fälle. Diese kleinen Rituale, so wurde uns gesagt, dienen als Trostspender, wenn die Welt unvorhersehbar wird.

Während eines Luftalarms, der die Preisverleihung zur Bekanntgabe der Europäischen Jugendhauptstadt 2028 unterbrach (der eigentliche Grund, warum wir überhaupt nach Lemberg gekommen waren), war es das Team aus Lviv, das zuerst auf uns zukam. Da sie sich der psychischen Auswirkungen bewusst waren, fragten sie uns, ob wir ihnen mitteilen wollten, wie wir uns fühlten. Das ist echte Unterstützung in Aktion. Und dieser Moment fasste mehr über dieses Jahr zusammen, als es jeder offizielle Bericht jemals könnte. „Schreibt uns gerne eine SMS, wenn ihr etwas braucht“, sagte uns jemand aus dem Team von Lviv – ein einfacher Satz, der eine Realität offenbarte, in der Unterstützungsnetzwerke die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben verwischen. Das fühlte sich echt und zutiefst menschlich an.

Es war wichtig, dort zu sein, denn Präsenz ist die greifbarste Form der Solidarität, die wir bieten können. Der Abschied von Lviv war emotional. Was ist uns in Erinnerung geblieben? Eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützt, junge Menschen, die wirklich die Führung übernehmen und gemeinsam mit Entscheidungsträgern und anderen Generationen daran arbeiten, Räume zu schaffen, in denen nicht nur sie, sondern alle sich wohlfühlen und zugehörig fühlen können.

Gemeinsame europäische Werte

Lvivs Jahr als Europäische Jugendhauptstadt zeigt, dass Partizipation kein Privileg friedlicher Zeiten ist: Sie ist ein Instrument der Würde und Hoffnung, das nicht nur unter idealen Bedingungen bestand hat. Alles, was das Team aus Lviv erreicht hat, von den Jugendzentren in den Stadtvierteln über die Unterstützung für diejenigen an der Front bis hin zu den beeindruckenden Festivals, die sie organisiert haben, spiegelte stets die Werte wider, die der Titel „Jugendhauptstadt“ in ganz Europa verbreiten möchte. Indem sie gezeigt hat, dass dies trotz der unbestreitbar schwierigen Umstände möglich ist, hat die Jugendhauptstadt Lviv uns gezeigt, dass es unabhängig von den Umständen Wege gibt, echte Jugendbeteiligung zu verwirklichen und für Demokratie einzutreten.

Ein Jahr, das ein Vermächtnis bleiben wird

Das Jahr, in dem Lviv Europäische Jugendhauptstadt ist, endet nicht mit dem Kalenderjahr. Es wird weiterleben in jedem jungen Menschen, der hier seine Zugehörigkeit gefunden hat, in jedem Freiwilligen, der sich engagiert hat, in jedem Gespräch in den Notunterkünften und in jedem Programm, das jemanden daran erinnert hat, dass das Leben – selbst unter diesen Umständen – weitergehen, wachsen und Bedeutung haben kann. Diese Stadt und ihre jungen Bewohner*innen haben zwei Wahrheiten gleichzeitig erkannt: dass Krieg alles verändert und dass junge Menschen in der Lage sind, innerhalb dieses Wandels ein neues Lebensgefüge zu schaffen.

Am Ende unserer Reise nach Lviv sind wir nicht nur dankbar, uns ist auch klar geworden: Jugendarbeit kann auch in Zeiten der Instabilität Bestand haben. Solidarität lässt sich schon durch kleinste Gesten praktizieren. Mut kann sich in vielen Stimmen äußern.

Danke, Lviv – für deine Stärke, Großzügigkeit und Menschlichkeit und dafür, dass du Europa gezeigt hast, wie Jugendbeteiligung aussieht, wenn die Welt am schwierigsten ist. Dieses Jahr wird uns in Erinnerung bleiben.

Quelle: European Youth Forum vom 18.12.2025

Redaktion: Sofia Sandmann